CDU-Mann Spahn beklagt den zu großen Einfluss von Muslimen in Deutschland - belegen kann er seine Aussage nicht

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JENS SPAHN
CDU-Mann Spahn beklagt den zu großen Einfluss von Muslimen in Deutschland - und begründet es mit einer Falschmeldung | Bloomberg via Getty Images
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  • CDU-Politiker Spahn beklagt in einem Interview, dass sich Schülerinnen in Deutschland anders anziehen müssten - wegen ihrer muslimischen Mitschüler
  • Das Problem: Belege für diese Behauptung kann das Büro des Politikers nicht liefern

CDU-Finanzstaatssekretär Jens Spahn spielt gerne den innenpolitischen Scharfmacher in seiner Partei. Er schimpft gegen englischsprechende Hipster in Berlin, beklagt eine Verrohung der Gesellschaft oder beschwert sich über prüde Muslime in Fitness-Studios.

All das soll ihm einen der vorderen Ränge sichern, wenn es in der CDU um die Nachfolge von Angela Merkel geht. Denn Spahn setzt darauf, die unter Merkel unter die Räder gekommenen Konservativen in der Partei und in der Wählerschaft als Unterstützer zu gewinnen.

An diesem Ziel arbeitet Spahn hart, wie ein Interview mit dem Online-Magazin “Vice” zeigt. Im Gespräch macht Spahn Stimmung gegen Muslime mit einer Behauptung, die sich faktisch nicht halten lässt.

Spahn über die Ex-CDUlerin Steinbach

“Wer ist die größere Bedrohung für Deutschland: die Frau in der Burka oder Erika Steinbach?”, fragen die “Vice”-Journalisten den CDU-Politiker an einer Stelle.

Er teile viele Behauptungen von Erika Steinbach nicht, sagt Spahn. Aber “ich finde, nichts davon ist nicht sagbar in einem freien Land”. Er verweist zurecht auf die Meinungsfreiheit, es gebe rechte, linke, doofe Meinungen.

Aber dann setzt Spahn nach.

"Ist das eine offene, liberale Gesellschaft?"

"Ich habe aber ein Problem mit Bekleidungsvorschriften für Frauen", sagt der CDU-Politiker. "Ist das eine offene, liberale Gesellschaft, wenn wir uns nicht mehr ins Gesicht gucken können?", fragt Spahn in die Kamera. Es ist eine Frage, die man mit einigem Recht stellen kann und gar stellen muss.

Bei der Verschleierung hören die Probleme Spahns mit dem Islam aber noch nicht auf. Und hier werden Spahns Aussagen krude - denn er stellt eine Behauptung auf, die sein Sprecher hinterher auf Anfrage von “Vice” nicht belegen kann.

2016 hatte sich Spahn in einem Interview mit der “Welt” über die “arabischen Muskelmachos” in seinem Fitnessstudio beschwert. Die Betreiber hätten ein Schild aufgehängt, dass das Duschen ohne Unterhose erlaubt sei, zu viele Muslime hätten sich geniert.

Zusammen mit der Verschleierung war das für Spahn damals ein Anzeichen für ein neues Deutschland, das verklemmter wird.

Die neue deutsche Spießigkeit

“Ist nur ein entblößter Penis ein deutscher Penis”, fragt “Vice” provokant - und Spahn schnaubt belustigt. “Das ist schon wieder so eine Ich-weiß-nicht-was-Frage”, sagt er. Gemeint ist wohl eine tendenziöse Frage.

“Ich finde, es zieht an vielen Stellen wieder so eine neue Spießigkeit ein”, erklärt Spahn seine Äußerungen von 2016. “An Schulen wird den Mädels gesagt, zum Ramadan, zieht euch mal ein wenig anders an, damit ihr die Jungs, die muslimischen Glaubens sind, nicht stört.”

"Ich kann Ihnen keine Belege schicken"

Daraufhin unterbricht “Vice” das Video mit dem Interview. Die Journalisten hätten nach dem Interview den Sprecher des CDU-Politikers gefragt, welche Beispiele es für diese Behauptung von Spahn gebe. Die Antwort: “Nach längerer Suche kann ich Ihnen keine Belege schicken.”

Lang muss man im Internet allerdings nicht suchen, um Artikel zu finden, auf die sich Spahn womöglich bezogen hatte.

Einschlägige Portale wie “Junge Freiheit” und “Epoch Times”, aber auch die “Sächsische Zeitung” berichteten im Juni über einen Besuch von Schülern des Schiller-Gymnasiums in einem Bautzener Flüchtlingsheim.

Für Wirbel soll ein Infoblatt schon im Vorfeld des Besuchs gesorgt haben. Darauf seien die Mädchen gebeten worden, aufgrund des Ramadans während des Besuchs auf schulterfreie T-Shirts oder kurze Röcke zu verzichten.

Der Besuch wurde letzten Endes vom Landkreis untersagt, berichtet die “Sächsische Zeitung”. Die Schüler besuchten ein anderes Asylheim in Bautzen.

Für Schlagzeilen sorgten dagegen katholische Schulen

Dass sich Schülerinnen in deutschen Schulen auf Ansage der Leitung während des Ramadans anders anziehen müssen - dafür gibt es allerdings tatsächlich keine Belege.

Für Schlagzeilen sorgten dagegen im Juni drei katholische Schulen und zwei weitere Gymnasien in Hamburg, die Schülerinnen aufforderten, sich weniger freizügig zu kleiden.

Spießigkeit ist eben - auch wenn Jens Spahn das anders sieht - keine neue Erscheinung in Deutschland.

Mehr zum Thema: Wieso es scheinheilig ist, wenn Jens Spahn über schlecht integrierte Zuwanderer meckert

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(jg)

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