Türkischer Journalist Can Dündar: "Der Sieger des Duells Merkel gegen Schulz heißt Erdogan"

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CAN DUNDAR
Can Dündar zum Bundestagswahlkampf: "Der Sieger des Duells Merkel gegen Schulz heißt Erdogan" | Murad Sezer / Reuters
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  • Der türkische Journalist Can Dündar hat die Eröffnungsrede des internationalen Medientreffens M100 Sanssouci Colloquium gehalten
  • Der ehemalige Chefredakteur der Erdogan-kritischen Zeitung "Cumhuriyet" kritisierte darin Angela Merkel und Martin Schulz
  • Deren Absage an einen EU-Beitritt der Türkei würde dem türkischen Präsidenten in die Hände spielen

Can Dündar ist wohl einer der prominentesten Kritiker des türkischen Despoten Erdogan. Der ehemalige "Cumhuriyet"-Chefredakteur lässt kaum eine Gelegenheit aus, den Präsidenten seines Heimatlandes zu kritisieren.

Doch auf dem M100 Sanssouci Colloquium, einem jährlichen Treffen internationaler Medienvertreter, ging Dündar in seiner Eröffnungsrede mit zwei anderen Politikern hart ins Gericht: Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz.

Er warf ihnen vor: Die Absage an einen EU-Beitritt für die Türkei käme einem Sieg von Recep Tayyip Erdogan gleich.

Dündar: "Genau das hat Erdogan die ganze Zeit gewollt"

Jeden Tag sei er auf dem Weg zur Arbeit in Istanbul an einem Schild vorbeigefahren, sagte Dündar: "Willkommen in Europa!" Jetzt habe er Merkel und Schulz bei ihrer TV-Debatte zugehört und müsste auf die Frage, wer diese gewonnen hätte "Erdogan" antworten. "Genau das hat er die ganze Zeit nämlich gewollt", sagte Dündar.

Sein Leben lang habe er die widerwilligen Annäherungsversuche zwischen der EU und der Türkei beobachtet. "Weder war Europa bereit, die Türkei in der Familie willkommen zu heißen, noch versuchte die Türkei jemals wirklich, das zu erreichen", klagte Dündar. Nun stecke man in einer politischen Sackgasse.

Dündar beschrieb dann den Weg von der türkischen Demokratie in die Despotie. Diesen habe das Land auf dem Rücken von Islamisten beschritten - zu denen auch Erdogan gehöre, der schon in den frühen 70er-Jahren zur Führung einer islamistischen Jugendgruppe gehört habe.

"Der Islam ist heute keine Religion mehr, sondern eine politische Bewegung", sagte Dündar. Viele Menschen hätten in ihm nach den US-Interventionen seit dem 2. Golfkrieg Zuflucht gesucht - auch in der Türkei. So seien schließlich Islamisten im Nahen Osten an die Macht gelangt.

Dündar: Der Westen lässt die Türkei im Stich

"Die AKP kam in dem Jahr an die Macht, in dem das Gefängnis in Guantánamo eröffnet wurde: 2002. Die Invasion des Iraks fand in dem Jahr statt, in dem Erdogan Ministerpräsident wurde: 2003", sagte Dündar in seiner Rede.

Erdogan habe seine Machtfülle nicht trotz, sondern dank des Westens erlangt. "Da man irrtümlich ein gemäßigt islamistisches Potential sah, wo es dies gar nicht gab, vertraute der Westen auf diese nichtexistente Mäßigung, um die Radikalen im Zaum zu halten", erklärte der türkische Journalist. Das sei ein fataler Irrtum gewesen.

Auch heute noch trage der Westen und die EU zu den autokratischen Entwicklungen in der Türkei bei. "Dem internationalen Kapital ist eine stabile Despotie lieber als demokratisches Chaos", sagte Dündar. Europa verschließe vor der Unterdrückung in der Türkei die Augen und lasse den pro-westlichen, modernen Teil der türkischen Gesellschaft im Stich.

Während sich Teile der Türkei nach dem Westen sehne, habe sich der Westen von der Türkei abgewandt.

Dündar: "Die Europäische Union ist nicht mehr von zentraler Bedeutung"

Doch Dündar schränkte auch ein: Nichts sei in der Welt mehr so einfach. "Leider haben wir nicht zwischen vorbildlichen Demokratien und fürchterlichen Diktaturen zu wählen." In Demokratien entstünden rassistische Bewegungen, in totalitären Regimen kämpften Menschen massenhaft für die Demokratie.

"Die Europäische Union ist nicht mehr von zentraler Bedeutung", erklärte der 56-Jährige. "Worauf es ankommt, ist die Union der Demokraten. Wir müssen die Globalisierung nochmals in Gang bringen, aber diesmal für die Freiheit."

Gerade auch, weil Erdogan sich im Abstieg befinde - genau so wie der politische Islam weltweit. Erdogan brauche neue Feinde, um seinen Niedergang zu stoppen. Im Inland habe er die Opposition unterdrückt, jetzt suche er im Ausland.

"Der Abbruch der Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wird diesen letzten Faden kappen und Erdogan eine Chance geben", sagte Dündar. "Er wird die Zurückweisung durch Europa nutzen, um das Feuer antiwestlicher Gefühle in der Türkei zu schüren."

Am Ende seiner Rede sendete Can Dündar deshalb einen Appell an den Westen:

"Es ist an der Zeit, dass Europa, und insbesondere Deutschland, die Türkei und Erdogan voneinander unterscheidet und lernt, sie unterschiedlich zu behandeln." Die andere Türkei sei ein Land, das leidet, erklärte er.

Ein Land, dass "unterdrückt wird und dennoch weiterhin Widerstand leistet und Demokratie, Freiheit und Säkularismus bis zum letzten Atemzug verteidigt."

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat den vollen Text von Can Dündars Rede abgedruckt. Ihr könnt ihn hier lesen.

M100 Sanssouci Colloquium

Das M100 Sanssouci Colloquium wurde im Jahr 2005 im Rahmen der Bewerbung Potsdams als Kulturhauptstadt Europas 2010 von einer Gruppe führender Persönlichkeiten aus Medien und Politik initiiert. Seitdem findet die Konferenz einmal im Jahr im Park Sanssouci statt.

Die Idee dieses internationalen Forums ist es, Europas tonangebende Redakteure, Kommentatoren und Medienbesitzer (Print, TV und Internet) sowie öffentliche Schlüsselfiguren zusammenzubringen, um die Rolle und den Einfluss der Medien in internationalen Angelegenheiten zu untersuchen und sich für Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit einzusetzen.

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(mf)