Die Standhaften: Wie sechs Politiker an den schwächsten Standorten ihrer Parteien Wahlkampf machen

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Die Standhaften: Wie sechs Politiker an den schwächsten Standorten ihrer Parteien Wahlkampf machen | dpa
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  • Der Wahlkampf in Deutschland geht in die heiße Phase
  • Für sechs Direktkandidaten für den Bundestag ist er besonders schwer: Sie machen da Wahlkampf, wo ihre Parteien vor vier Jahren am schlechtesten abschnitten
  • Die dpa-Journalisting Teresa Dapp hat sich mit ihnen getroffen

Timur Husein, der Kandidat der CDU, hat sich für seine Partei schon mal geprügelt. Sebastian Walter von den Grünen zeigte Morddrohungen bei der Polizei an. Und Holger Teuteberg, der für die AfD bei der Bundestagswahl antritt, erzählt von Protest-Transparenten vor dem Haus, die seine Kinder zum Weinen brachten.

Politik und Wahlkampf zu machen, ganz nah an der Basis, dort, wo Parteien-Vertreter und Bürger regelmäßig zusammenkommen, kann ernüchternd sein. Und sogar erschreckend.

Auf Marktplätzen, in Mehrzweckhallen und Fußgängerzonen ist das Klima teilweise rau. Der Frust mancher Bürger ist groß vor der Abstimmung am 24. September. Auch wenn die wirtschaftlichen Zahlen für Deutschland insgesamt gut aussehen.

Sogar Kanzlerin Angela Merkel bekommt solchen Unmut zu spüren. Wenn sie rausgeht. Vor allem, wenn die CDU-Chefin in Ostdeutschland für ihre Partei wirbt. Zehntausende Wahlkämpfer erleben es allerdings regelmäßig, manche sogar jeden Tag.

In der Liste der unbeliebtesten Berufe konkurriert "Politiker" mit "Versicherungsvertreter"

Ihre Parteien berichten von einer aggressiven Stimmung und vielen zerstörten Wahlplakaten.

Und doch stellen sich 2559 Männer und Frauen in 299 Wahlkreisen persönlich zur Wahl. Sie treten an als Direktkandidaten für ihre Parteien. Polit-Promis stehen in ihren jeweiligen Regionen auf den Wahlzetteln wie Merkel, die Minister und Parteichefs.

Aber auch viele, die einen normalen Beruf haben und nach Feierabend und am Wochenende Plakate an Laternen hängen, Bürgerfragen am Infostand beantworten oder mit Flugblättern von Tür zu Tür ziehen. Die meisten von ihnen lassen sich dennoch nicht entmutigen.

In der Liste der unbeliebtesten Berufe konkurriert "Politiker" mit "Versicherungsvertreter". Was treibt diese Menschen an, sich trotzdem zu engagieren? Wie fühlt es sich an, für die eigene Partei den Kopf hinzuhalten - und dann auch noch in einer Region, in der sie kaum eine Chance hat? Oft ohne Aussicht auf einen Sitz im Bundestag?

Diese Kandidaten müssen es wissen: Sie treten da an, wo ihre Partei bei der Wahl vor vier Jahren am schlechtesten abgeschnitten hat. In den Wahlkreisen mit der roten Laterne. Sechs Begegnungen:

Der Frühstarter: Timur Husein , CDU, Berlin Friedrichshain - Kreuzberg - Prenzlauer Berg Ost, CDU-Ergebnis 2013: 15,4 Prozent

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Im Berliner Stadtteil Kreuzberg motiviert Timur Husein eine Handvoll Helfer der Jungen Union für den Haustürwahlkampf. Sie sollen nur in den Straßen klingeln, in denen die CDU "eine Chance" hat. "Wir gehen hier nur in unsere Hochburgen", sagt er. "Das heißt, da haben wir 15, 20 Prozent."

Viele von diesen Hochburgen gibt es nicht. Der schmale 36-Jährige mit Wurzeln auf dem Balkan engagiert sich für die CDU in dem Wahlkreis, in dem der Grüne Hans-Christian Ströbele (78) zuletzt zuverlässig die meisten Stimmen bekam.

Mehr zum Thema: "Die SPD mobilisiert – aber halt für uns": Unterwegs mit Peter Tauber im Haustürwahlkampf der CDU

Husein ist ganz in der Nähe des kleinen, schmucklosen Büros des Kreisverbands aufgewachsen. Inzwischen hängt hier kein CDU-Schild mehr, es wurde wiederholt abgeschraubt oder beschmiert. Die Scheiben werden nicht mehr eingeworfen, seit die Partei den Geschäftsraum zur Straße hin nicht mehr nutzt.

Stattdessen hat Husein dort nun sein Anwaltsbüro. In früheren Wahlkämpfen mussten sie am Infostand sogar die Polizei holen, weil sie bedrängt wurden, wie er erzählt. AfD und Rechte spielten hier kaum eine Rolle, Linksextreme schon.

Es war der jugoslawische Bürgerkrieg, der Husein als Teenager zur Politik brachte. Sein Vater ist Türke aus Mazedonien, die Mutter Kroatin. Er wollte, dass der Westen eingreift, die schwarz-gelbe Regierung wollte das auch.

Da habe die CDU schon mal einen "Stein im Brett" gehabt. Dann hätten linke Gruppen in der Schule behauptet, es gebe eine Ausländerkriminalität, das habe ihn geärgert.

In der zehnten Klasse gründete Husein die Schülerunion an seinem Gymnasium. Mit 17 trat er in die CDU ein. Das Handy des Kandidaten mit dem akkuraten Haarschnitt klingelt oft, Termine müssen koordiniert werden. Mit Platz neun auf der Landesliste ist es unwahrscheinlich, aber nicht völlig ausgeschlossen, dass Husein in den Bundestag einzieht.

Und in vier Jahren will er es wieder versuchen: "Ich bleibe dabei."

Der 68er-Kommunist: Bernhard Feilzer , Linke, Starnberg – Landsberg am Lech, Ergebnis der Linken 2013 im Wahlkreis Starnberg: 2,6 Prozent

linker

Seine Großtante, Jahrgang 1882, hat Lenin noch sprechen gehört. Sie konnte davon lebendig erzählen mit ihren dunklen Augen, erinnert sich Bernhard Feilzer. Der bärtige 68-Jährige wurde 1968 zum Kommunisten. Er nennt sich einen "Urbayer", sein Dialekt gibt ihm Recht. Linke wie er leben nicht viele im wohlhabenden Münchner Umland.

Am Infostand auf dem kleinen Wochenmarkt bleibt kaum jemand stehen, die meisten wollen auch kein Flugblatt einstecken. Der Landkreis Starnberg südwestlich von München hat bundesweit die höchste Kaufkraft.

Aber der Wahlkreis sei ja größer und zu dieser Wahl neu zugeschnitten, auch einige Arbeiter gebe es, sagt Feilzer. Auf ein Poster hat er geschrieben: "Können Sie sich die Mieten in Germering noch leisten?"

Er solle doch "rüber" gehen, hat man Feilzer früher gesagt, als er noch im "Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD war. Gemeint war die DDR. Heute höre er öfter, dass Leute sich nicht zur Linken bekennen wollten, weil sie Probleme mit dem Arbeitgeber fürchteten.

Seit 2011 engagiert sich der selbstständige Versicherungskaufmann im Kreisverband Starnberg, der 33 Mitglieder hat. Ein Erfolgserlebnis ist, wenn ein Bekannter anruft, weil er nicht weiß, wen er wählen soll, und dann bei einer Wahlkampfveranstaltung auftaucht. "Ich denke, der könnte ein Sympathisant werden", sagt Feilzer lächelnd.

Auf der Landesliste für die Bundestagswahl steht er nicht, aber für die Landtagswahl 2018 will er sich einen "guten" Listenplatz sichern. Bisher hat die Linke es nicht in den Bayerischen Landtag geschafft. "Im Lauf der Jahre bin ich so gefestigt worden in meiner ganzen Überzeugung, dass ich auch Niederlagen oder Rückschläge hinnehmen kann", sagt Feilzer.

Der Pragmatiker: Klaus Wolframm, SPD, Sächsische Schweiz - Osterzgebirge, SPD-Ergebnis 2013: 10,9 Prozent

sozi

Er ist Bezirksschornsteinfegermeister, und wenn die Moderatorin der SPD-Wahlveranstaltung im sächsischen Heidenau ihn einen Glücksbringer nennt, lächelt Klaus Wolframm müde. Er fasst sich kurz. Seit wann ist er Parteimitglied? "Ungefähr seit 97." Damals wollte er "einfach, dass Kohl wegkommt". Warum kandidiert er? "Weil ich Demokrat bin."

Der Sozi mit randloser Brille und Lachfalten tritt im Wahlkreis Sächsische Schweiz - Osterzgebirge an. Sein Kreisverband ist der kleinste in Deutschland. Er wohnt seit über 20 Jahren in Freital, das seit 2015 für Proteste gegen Asylbewerber bundesweit bekannt ist.

Er macht Wahlkampf in Heidenau, wo SPD-Größe Sigmar Gabriel Rechte als "Pack" beschimpft hat und die Rechten Merkel als "Volksverräterin".

Der 51-Jährige hat im Rheinland gelebt, das hört man auch. Für den Bundestag kandidiert er zum dritten Mal. Er ist Kreisrat und Stadtrat, kennt die Leute in der Gegend, redet jeden Tag mit ihnen über Politik. Und über Ängste. "Die Tausenden Vergewaltigungen, von denen immer die Rede ist, die finden nicht statt", sagt er zu Mythen über Flüchtlinge.

Sein Verhältnis zur SPD beschreibt er pragmatisch: "Man muss ja immer die Schnittmengen sehen." 100 Prozent seien es "mit Sicherheit nicht". Allein die Koalition mit der CDU sei ein "kompletter Fehler" gewesen, eine linke Mehrheit müsse man auch nutzen.

Ein Parteifreund sagt, als Sozialdemokrat brauche man ein dickes Fell in dieser Gegend. Wolframm mag nicht jammern. Anfeindungen habe es auch schon vor zehn Jahren mit der starken NPD gegeben.

Man werde eben beschimpft, "logisch" sei das und "nix Neues". In die Politik stecke er extrem viel Zeit, neben dem Job. "Dat is halt so."

Der Unternehmer: Dirk Gawlitza , FDP, Berlin Lichtenberg, FDP-Ergebnis 2013: 1,6 Prozent

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Als Dirk Gawlitza mal nachts Wahlplakate an Laternen befestigte, pöbelte ihn jemand an: "Sie können doch in Lichtenberg keine FDP-Plakate aufhängen!" Dem habe er gesagt: "Doch, klar."

Lächelnd steht der 40-Jährige am Infostand an einer lauten Straße in dem Berliner Stadtteil, in dem die Linke mit Abstand stärkste Kraft ist und die AfD zuletzt deutlich dazugewonnen hat. Seine beiden Helfer freuen sich, wenn ein Passant im Vorbeigehen einen Flyer nimmt.

Dieser Wahlkampf sei angenehmer als 2013, findet er. Vor vier Jahren sei man als Liberaler noch öfter beschimpft worden. Damals flog die FDP aus dem Bundestag, und Gawlitza dachte, jetzt müsse er aktiv anpacken.

In die Partei war er schon 2006 eingetreten, weil ihn als Unternehmer die Bürokratie nervte. "Ich finde es schwierig, wenn man immer nur rumnölt, aber nichts tut."

Der sanften Stimme hört man die Gesangsausbildung am Internat an. Das Volkswirtschaft- und Pädagogikstudium brach er ab, um sich selbstständig zu machen. Die Beratungsfirma für Wohnungsunternehmen leitet er mit seiner Frau.

In Lichtenberg sei es für die FDP "nicht so, dass einem jeder die Tür aufmacht", erzählt der zweifache Vater, der in der DDR aufgewachsen ist. Dass er manchmal beschimpft werde, finde er nicht so schlimm. Es treffe ja nicht nur ihn. "Leute, die ihren Frust loswerden wollen, kommen überall hin."

Als Unternehmer lerne man Stehvermögen, sagt Gawlitza. Er will die FDP in Lichtenberg über fünf Prozent bringen in dieser Wahl. Das "eigentliche Ziel" sei aber die Abgeordnetenhauswahl 2021.

Der Optimist: Sebastian Walter, Grüne, Erzgebirgskreis 1, Ergebnis der Grünen 2013: 2,5 Prozent

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Auf der Autofahrt durchs Erzgebirge weist Sebastian Walter stolz auf die Wahlplakate der Grünen hin. So viele seien es noch nie gewesen, sagt der 27-Jährige. Es sei ihm wichtig, Präsenz zu zeigen. Um hier für die Ökopartei anzutreten, brauche es einen "gewissen Schuss Idealismus".

Hier sei "vom Gemeinderat aufwärts alles in CDU-Hand".

Im Landkreis mit dem niedrigsten Einkommen Deutschlands suchen Handys oft vergeblich nach einem Netz. Das ist eines der Themen im Wahlkampf. Asyl sei ein anderes, sagt Walter, "natürlich". Er hofft, dass die AfD hier nur Dritte wird hier, und nicht auch die Linke überholt.

Seit zwei Jahren gebe es "eine zunehmende Verrohung des politischen Diskurses", wie der jugendlich wirkende Sachse es ausdrückt. Konkret: Drohbriefe, Morddrohungen, wüste Beschimpfungen im Netz. Er zeige das an, aber ohne größeren Erfolg.

Walter wurde wenige Wochen vor der Wende in der DDR in Karl-Marx-Stadt geboren, heute ist das Chemnitz. Zu den Grünen kam er als Teenager - vielleicht auch wegen des US-Films "Eine unbequeme Wahrheit" mit dem Politiker Al Gore, der damals Klimaschutz zum Gesprächsthema machte. Heute ist er im Landesvorstand der Partei - und nun erstmals Direktkandidat.

Der studierte Verkehrswirt kämpft bei dieser Wahl auch um seinen Job. Er arbeitet im Bundestagsbüro von Matthias Gastel, einem grünen Abgeordneten aus Baden-Württemberg, der es nur mit einem guten Wahlergebnis wieder ins Parlament in Berlin schaffen kann.

Walter selbst hat keinen Listenplatz, der ihn dorthin bringen könnte. "Es ist nicht so, dass ich ein Mandat brauche, um glücklich zu werden." Was es aber brauche, sei jemand, der auch in der stimmschwächsten Region Deutschlands grüne Positionen selbstbewusst verkaufe. "In diesem Wahlkreis können Sie nur gewinnen."

Der Unzufriedene: Holger Teuteberg , AfD, Cloppenburg - Vechta, AfD-Ergebnis 2013: 2,3 Prozent

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Eines Tages kamen die Kinder von Holger Teuteberg weinend vom Brötchenholen. Vor dem Einfamilienhaus am Stadtrand im niedersächsischen Lohne hingen Transparente - Protest gegen den Vater, den AfD-Mann.

"Da hängt was Schlimmes über uns", hätten die Kinder gesagt, erzählt Teuteberg. "Fuck AfD", habe da gestanden.

Der Berufsschullehrer berichtet auch von einer Jury, die ihn, den regelmäßigen Kinogänger, nicht mehr dabei haben will, seit er für die AfD Politik macht. Von Gesprächen mit Lehrern und Eltern, weil die Kinder - fünf hat er - in der Schule angefeindet wurden.

Vom Geburtstagskaffee, wo man ihn wegen seiner Partei an der Tür abwies. Er spricht schnell, fast atemlos, umklammert die Kaffeetasse, schüttelt den Kopf. "Damit hätte ich nicht gerechnet."

In die AfD einzutreten, sei ein Ventil gewesen. Politisch aktiv war er vorher nicht, interessiert schon. Er sah die Polit-Sendungen im Fernsehen und ärgerte sich. "Ich war ein Meckerer und Nörgler." Staatsverschuldung und Griechenlandkrise: "Da bin ich fast ausgeflippt."

Dann hörte er von dem Eurokritiker und Ökonomen Bernd Lucke und der von ihm 2013 mitgegründeten Partei. Der erste Wahlkampf im selben Jahr war stressig, aber das starke Sodbrennen verschwand.

Dass Lohne drei Flüchtlingsunterkünfte gebaut hat, findet der Stadtrat Teuteberg richtig. "In Containern wohnen, das ist keine Perspektive." Dass Lohne dafür Schulden gemacht hat, weil auch die geplante Sporthalle her sollte, findet er schwierig.

Auch schwierig: die Veränderung der AfD. 2013 nannten Medien sie eurokritisch, heute meist rechtspopulistisch. Lucke ging im Richtungsstreit. "Ich bin fest überzeugt, dass es nur funktioniert, wenn man sich an demokratische Spielregeln hält", sagt Teuteberg und windet sich ein bisschen beim Gedanken an rechtsextreme Entgleisungen.

"Der Respekt muss gewahrt bleiben." Es brauche eine Opposition, die den Finger in Wunden lege, findet der 53-Jährige.

Teutebergs ländlich geprägter Wahlkreis stimmt schwarz, 63 Prozent holte die CDU vor vier Jahren. Einen Platz auf der Landesliste der AfD in Niedersachsen, der ihm den Einzug ins Parlament auch ohne einen Sieg im Wahlkreis sichern würde, wollte er nicht.

Die jüngste Tochter ist zehn, die Frau arbeitet als Lehrerin, es passte noch nicht. Er mache das nicht für eine Karriere, sondern für die Kinder. "Und solange meine Kinder mitziehen, sagen, wir finden das gut, dass du das machst, wir glauben, dass du das für uns tust - mach ich das."

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(jg)

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