Was es für SPD-Politiker Diaby bedeutet, in einer rechten Hochburg Wahlkampf zu machen

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DIABY
SPD-Bundestagskandidat Karamba Diaby. | JOHN MACDOUGALL via Getty Images
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  • In Halle an der Saale kämpft SPD-Politiker Karamba Diaby um den Wiedereinzug in den Bundestag
  • Diaby ist der erste in Afrika geborene Bundestagsabgeordnete - und begegnet im Wahlkampf Rassismus und Vorurteilen
  • Warum setzt er sich dieser Tortur aus? Wir waren einen Tag mit ihm unterwegs

"Volksverräter", "schwarzer Affe", "Neger" – solche Worte muss sich Karamba Diaby in seinem Politiker-Alltag immer wieder anhören.

Der SPD-Mann zog vor vier Jahren als erster in Afrika geborene Abgeordnete in den Bundestag ein. Zu seinem Wahlkreis gehört ausgerechnet Halle an der Saale. Die Großstadt in Ostdeutschland gilt als eines der wichtigsten Zentren der rechten Szene.

Wir wollen wissen, was Diaby hier erlebt - und warum er sich dieser Tortur aussetzt. Deswegen hat die HuffPost den Politiker einen Tag im Wahlkampf begleitet.

Erster Termin: Halle Neustadt. Podiumsdiskussion. Für Menschen mit dunkler Hautfarbe wurde es hier nachts auf der Straße schon häufiger gefährlich.

Wahlkampf im Brennpunkt

Diaby aber kennt jeden Straßenmeter.

Als er in den 80er-Jahren aus dem Senegal in die damalige DDR kam, lebte er in einem der vielen Plattenbauten in einem Studentenwohnheim.

Die Betonklötze sind geblieben, aber das Umfeld ist ein anderes. Jetzt gibt die AfD hier den Ton an, bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt holte sie in Neustadt eines der wenigen Direktmandate.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

Als wir parken, montiert der Fahrer die magnetischen Plaketten mit Diabys Gesicht vom Auto ab. "Man weiß ja nie, hier werden Autos gerne mal geklaut und beschädigt", sagt er. Dabei stehen wir auf dem Parkplatz vor einem Bürgerhaus – nicht gerade ein typischer Brennpunkt.

Im Gebäude warten etwa 20 Rentnerinnen und und Rentner auf Diaby und seine Konkurrenten von den Linken, den Grünen und der CDU. Nur die AfD fehlt. Sie hat es nicht nötig, auf dem Podium um Stimmen zu kämpfen.

"Mit netten Grüßen, Karamba"

Die SPD hat in diesem Stadtteil keine Chancen auf ein starkes Ergebnis, Diaby rechnet selbst mit etwa zehn Prozent. Und trotzdem kennen ihn die Leute hier. Wie etwa eine ältere Dame, rot gefärbter Kurzhaarschnitt, Lesebrille aus schwarzem Horn.

Sie setzt sich zu Diaby, der sich an einem Tisch mit drei älteren Frauen bei Filterkaffee und Apfelstreuselkuchen unterhält.

Die Dame mag eigentlich keine Migranten, sagt sie, aber ein Autogramm von Diaby will sie trotzdem haben. Der SPD-Politiker schaue ja schließlich immer so nett von seinem Wahlplakat aus in ihr Schlafzimmer.

"Da wusste jemand, welchen Politiker Sie mögen", sagt Diaby. Die beiden lachen. Diaby zückt eine Autogrammkarte und einen Kugelschreiber aus seiner linken Brusttasche und schreibt: "Mit netten Grüßen, Karamba".

Dass das tatsächlich sein Vorname ist, wusste die Frau bis dahin nicht. "Ich dachte, das ist so ein Spruch!". "Mit Karamba in den Bundestag", so heißt auch eines seiner Bücher, in dem er die vielen Situationen schildert, in denen er Rassismus in Deutschland erfahren musste.

Wenn die Rede ist von den "vielen kriminellen Ausländern"

Jetzt kann die Dame über die Themen reden, die sie wirklich bewegen.

Dass sie sich nicht mehr alleine nachts auf die Straße traut zum Beispiel – wegen der "vielen kriminellen Ausländer". Und überhaupt: Wie sich einige benehmen, das gefällt ihr gar nicht.

Diaby erklärt, diese Fälle gefielen ihm auch nicht. "Umso wichtiger ist es, dass wir die Geflüchteten schnell und gut integrieren. Wichtig ist auch die Sprache. Wenn ihr Nachbar nicht mal ein 'Guten Tag' versteht, wird es mit dem Verständnis füreinander schwieriger."

Nur über Flüchtlinge will keiner diskutieren

Eine halbe Stunde unterhält er sich mit der Dame und den drei weiteren Frauen am Tisch. Er verabschiedet sich mit einem "Hat mich gefreut" und geht drei Tische weiter ans Podium. Eineinhalb Stunden wird er noch diskutieren und hoffen, einige neue Wähler von sich zu überzeugen.

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Diaby auf einer Podiumsdiskussion beim Senioren-Kaffee

Die Senioren fragen die Kandidaten über die Rente, die steigenden Mieten, die Rüstungsexporte und Bildung, immer wieder Bildung, Diabys Lieblingsthema. Nur über Flüchtlinge spricht keiner.

Warum eigentlich? "Die Leute trauen sich manchmal nicht, das in großer Runde anzusprechen. Deswegen sind die persönlichen Gespräche so wichtig", sagt Diaby.

Das macht den Hass in der Flüchtlingskrise so schwierig zu fassen. Die Wenigsten gehen ganz offen mit ihrer Wut um. Sie bricht sich erst im persönlichen Gespräch Bahn – oder in der anonymen Masse bei Pegida oder auf Facebook.

"Das treibt mich an"

Wer Diaby im Wahlkampf begleitet, merkt schnell, dass es in diesen Wochen um mehr geht als nur darum, mit welchem Koalitionspartner die Kanzlerin ihre nächsten vier Jahre bestreitet.

Die gepflegte Langeweile der Fernsehduelle täuscht darüber hinweg, dass sich über die Jahre viel Wut bei den Menschen in Halle angestaut hat. Sie bricht mit aller Wucht auf den Martkplätzen heraus - wie etwa in Torgau oder im Finsterwald, aber auch an den Kaffeetischen, den Podien oder an den Wahlkampfständen der Republik.

Die Menschen laden bei Bundestagskandidaten wie Diaby ihren Ärger ab. Und die Politiker haben zugleich die Chance, die Wähler wieder zu überzeugen. Von demokratischen Grundwerten und einer offenen Gesellschaft. "Das treibt mich an", sagt Diaby.

"I am not your negro"

Diaby bekommt den Hass mit aller Wucht zu spüren. Nicht mal zwei Wochen ist es her, da postete die NPD ein Wahlplakat von ihm in sozialen Netzwerken. Affe, Neger, Volksverräter, diese Worte musste er unter dem Post über sich lesen.

Seither hat er acht Anzeigen geschrieben, Interviews gegeben und in einem Post auf Facebook seinen Hassern geantwortet. "I am not your negro", schrieb er da – "Ich bin nicht euer Neger". Tausenden Menschen gefiel das.

"Das bestärkt mich in meiner Arbeit für eine offene und solidarische Gesellschaft", schrieb er damals in einem Beitrag. "Wir dürfen dieses Land nicht denen überlassen, die spalten wollen."

Immer wieder bekommt Diaby den Hass zu spüren. So besprühten Unbekannte sein Bürgerbüro mit Worten wie "Volksverräter" und "Kriegstreiber".

Als ihn SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz im Februar besuchte, sorgte Sven Liebich, ein in Sachsen-Anhalt bekannter Rechtsextremer aus Halle, für einen Eklat.

Pfeifkonzerte und Störer

"Heil, Schulz", schrie dieser durch den Raum, ehe ihn BKA-Beamte abführten.

Als Vizekanzler Sigmar Gabriel am vergangenen Wochenende mit Diaby in Halle auftrat, begrüßten ihn Störer mit einem Pfeifkonzert.

Und von einer besonders kuriosen Szene erzählt Diaby, als wir zur nächsten Station in Neustadt fahren. Wir halten in einer Straße, wo der SPD-Politiker einen Termin in einer Kindertagesstätte hat.

Diaby kennt die Stelle, weil er wenige Tage zuvor an der gegenüberliegenden Seite im Auto an der Ampel hielt. An den Laternen hängt ein Wahlplakat des SPD-Politikers, darüber eines der AfD.

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Diaby vor einem seiner Wahlplakate: Schlag auf Schlag

Offenbar provozierte das einen Plakataufhänger der Rechtspopulisten so sehr, dass er das Gesicht auf Diabys Plakat mehrere Male ohrfeigte. Das Plakat drehte sich zur Seite. Wer mit Auto daran vorbeifuhr, konnte es nicht mehr sehen.

"Der AfD ist jedes Mittel recht, diesen Wahlkampf zu sabotieren"

Genau dieses Plakat nimmt Diaby jetzt ins Visier. Er lässt einen Praktikanten an der Laterne in die Höhe springen, um das Plakat wieder zurechtzurücken. Schlag auf Schlag – bis sein Gesicht wieder den Autofahrern entgegenblickt.

"Der AfD ist jedes Mittel recht, diesen Wahlkampf zu sabotieren", sagt Diaby.

Schockiert hat ihn die Aussage von AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland, der Staatsministerin Aydan Özoğuz in "Anatolien entsorgen" will. "Das zeigt, dass diese Partei von Kopf bis Fuß rechtspopulistisch ist", sagt Diaby dazu.

Die Partei ist für ihn auch dafür verantwortlich, dass sich das politische Klima in Deutschland verschlechtert hat.

Ein Anfang, immerhin

"Rechte Einstellungen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt er.

In Ostdeutschland sei der Frust besonders groß, weil der Wohlstand der vergangenen Jahre bei vielen nicht angekommen sei.

Die Rezepte, die Diaby dazu hat, klingen sehr nach Schulz: bessere Bildung, mehr Investitionen in die Weiterbildung und Infrastruktur sowie stabilere Renten. "Und das persönliche Gespräch mit den Bürgern, auch, wenn sie wütend sind."

Ob er die Dame in Halle mit dem Autogramm überzeugen konnte?

Sie selbst sagte nach der Veranstaltung: "Ich denke zwar anders, aber ich verstehe ihn jetzt besser."

Ein Anfang, immerhin.

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(ll)

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