Erdogan ist gerade einen Milliardendeal mit Putin eingegangen – warum uns das beunruhigen sollte

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ERDOGAN PUTIN
Erdogan ist gerade einen Milliardendeal mit Putin eingegangen – warum uns das beunruhigen sollte | POOL New / Reuters
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  • Die Türkei hat zwei S-400-Raketenabwehrsysteme aus Russland gekauft
  • Erdogan provoziert damit einen Eklat mit der Nato
  • Diplomatisch und militärisch ist der Schritt höchst zweifelhaft, kommentieren Experten

Schon rein äußerlich sind die mobilen russischen Raketenabwehrsysteme S-400 beeindruckend. Bei Militärparaden in Moskau zeigt der Kreml sie gerne: Die langen olivegrünen Stahlgefährte mit den auffälligen Raketenabschussrohren. Jetzt hat die Türkei zwei der S-400-Systeme von Russland gekauft – und in der Nato damit für einen Eklat gesorgt.

"Der Vertrag ist unterzeichnet, seine Umsetzung wird vorbereitet", sagte Kremlberater Wladimir Koschin der Agentur Tass am Dienstag. Zuvor hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Kauf türkischen Medien zufolge bestätigt.

2,5 Milliarden US-Dollar soll der Deal die Erdogan-Regierung kosten. Laut Experten treibt er die Türkei weiter in Richtung Russland – und sorgt für große Sorge bei den Nato-Partnern der Türkei.

Russland setzt die S-400-Raketen (Nato-Code: SA-21 Growler) unter anderem zum Schutz seiner Streitkräfte im syrischen Bürgerkrieg ein. Die Abwehrgeschosse können unter anderem Flugzeuge in einer Entfernung von rund 400 Kilometern treffen sowie Raketen in einer Distanz von bis zu 60 Kilometern.

"Der Deal wird die Beziehungen weiter verschlechtern"

"Der Deal wird die bereits schlechten Beziehungen zwischen der Türkei und ihren Nato-Partnern weiter aushöhlen", sagt der Türkei-Experte Aykan Erdemir vom US-Thinktank Foundation for Defense of Democracies der HuffPost. Das Geschäft zeige nicht nur eine Abkehr Ankaras von der militärischen Allianz, sondern auch von den Werten der Nato.

Politisch ist der Schritt Erdogans bemerkenswert: Spätestens seit dem niedergeschlagenen Putschversuch im vergangenen Sommer bemüht sich die türkische Regierung um ein engeres Bündnis mit Russland. In dem Umbau der Türkei zur Präsidialrepublik sahen viele Beobachter einen weitere Abkehr von Europa und den Grundstein für eine Intensivierung des eurasischen Bündnisses.

Der Kauf der russischen Systeme ist jedoch wohl auch eine Folge des Abzugs der deutschen, US-amerikanischen und niederländischen Patriot-Systeme aus der Türkei. "Es ist ein klares Zeichen, dass die Türkei von den USA und Europa enttäuscht sind", sagte Russland-Experte Konstantin Makienko der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Bleibt die Türkei ein Partner?

Die wichtigste Frage, die sich die Mitglieder der Nato nun stellen müssen: Ist die Türkei, die zweitstärkste Nato-Nation, noch ein vertrauenswürdiger Partner?

Nicht nur könnten die S400-Systeme zu ganz praktischen Problemen bei der Zusammenarbeit führen, weil sie laut Experten nicht mit den Geräten der Nato kompatibel sind - auch ideologisch hat Erdogan sein Land von der transatlantischen Allianz entfremdet.

Besonders im türkischen EU-Nachbarland Armenien gibt es große Sorge über die Absichten der Türkei und Russlands. Anders als im Falle einer Stationierung von Nato-Geräten kann Ankara allein bestimmen, wo die Abwehrsysteme positioniert werden – Beobachter munkeln, dass sie an der armenische Grenze stationiert werden könnten.

Merve Seren von der regierungsnahen türkischen Stiftung SETA machte im Gespräch mit TRT World keinen Hehl um die Absichten der Türkei. "Wenn die Türkei nur auf Nato-Technik vertraut, betrachtet sie alle Mitgliedsstaaten als verbündet. Wenn es einen Angriff aus Griechenland gibt, erkennen ihn die Systeme zur Freund-Feind-Erkennung nicht und ignorieren ihn."

Nun könne das türkische Militär selbst entscheiden, wer Freund oder Feind sei.

Radikalisierung der Armee

Ehemalige türkische Generäle hatten zuletzt im Magazin "Vocal Europe" vor einer religiösen Radikalisierung der türkischen Armee gewarnt. "Die Nato wird in zwei bis fünf Jahren eine Mitgliedsarmee voller Extremisten und Salafisten haben“, wurde ein Offizier zitiert.

"Islamisten mit Bezug zur AKP, die viele Jahre lang vom Militär ausgeschlossen waren, werden gerade in wichtigste Positionen der Armee gehoben“, sagt er über Erdogans Umbau der Streitkräfte.

Experte Erdemir sieht die größte Herausforderung dagegen auf die türkische Regierung zukommen. "Die S-400-Systeme werden nicht effektiv gegen Gefahren sein, die in Zukunft aus Russland auf die Türkei zukommen könnten", sagte der ehemalige türkische Parlamentsabgeordnete der HuffPost. Sicherheitspolitisch und diplomatisch sei das eine große Belastung.

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(jg)

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