Islamkritiker Abdel-Samad richtet einen eindringlichen Appell an alle jungen Muslime

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  • Der Islamkritiker Abdel-Samad ruft Muslime dazu auf, sich klar gegen Terror zu positionieren
  • Sein Video wurde innerhalb weniger Stunden zum Internet-Hit
  • Allerdings regt sich auch Kritik

Das Video sieht unspektakulär aus: Ein Mann im schwarzen Polohemd steht vor blau-schattiertem Hintergrund und redet mehr als 15 Minuten lang.

Und doch ist der Film ein Internet-Hit. Innerhalb von nur 27 Stunden riefen User ihn mehr als 100.000 Mal ab.

Es ist das Video "Brief an junge Muslime im Westen" von Hamed Abdel-Samad, einem der bekanntesten Islamkritiker Europas.

Der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler richtet darin einen Appell an den "lieben, wütenden, jungen Moslem in Deutschland, in Europa, oder wo auch immer du bist". Es ist ein Aufruf, sich gegen Terror in Namen des Islam zu stellen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Abdel-Samad fordert, alle Muslime sollten Terror verurteilen

Abdel-Samad verweist auf die vielen Terroranschläge von Islamisten in den vergangenen Monaten in Europa und verlangt von Muslimen, sich von diesen Taten zu distanzieren. Er verstehe, dass friedliche Muslime es leid seien, sich nach jedem Anschlag rechtfertigen zu müssen. "Aber du trägst Verantwortung, wenn Du diejenigen, die im Namen des Islams Hass verbreiten, hörst und sie gewähren lässt, nicht dagegen protestierst."

Es ist ein heiß diskutiertes Thema. So hatte etwa Grünen-Chef Cem Özdemir im Sommer gefordert, Islamverbände wie Ditib müssten sich stärker gegen Terror positionieren.

Andererseits wird gern übersehen, dass sich Muslime durchaus immer wieder gegen die Vereinnahmung durch Radikale gewehrt haben.

Insofern stimmt also nicht, wenn Abdel-Samad suggeriert, das passiere nicht.

Was er potenziellen Attentätern zu sagen hat

Außerdem wendet er sich an junge Muslime, die vielleicht einen Anschlag planten und spekuliert über deren Motive.

Vielleicht sei die Wut eines jungen Muslims eine Folge davon, dass er von allen Seiten unter Druck stehe: "Familie, Gastland, Moschee, Schule, Freunde".

Vielleicht habe der junge Mensch Gewalt erlebt und gelernt, dass sie eine Lösung sei. Vielleicht habe der junge Mensch einen Ausbildungsplatz nicht bekommen, weil er den falschen Namen hatte – oder keine gute Qualifikation. "Es steckt nicht immer Rassismus dahinter."

Vielleicht habe ihn ein radikaler Imam anzuwerben versucht und ihm eingeredet, dass er mit einem Anschlag etwas Gutes tue. Sie sollten ihm nicht auf den Leim gehen und seine Anwerbe-Quote auch noch verbessern.

Tatsächlich hatten Forscher festgestellt, dass sich insbesondere abgehängte Jugendliche dem radikalen Islam zuwenden.

Anschläge verübt haben nach der Beobachtung des renommierten Islamismus-Experten Oliver Roy aber vor allem gut integrierte, kaum religiöse junge Muslime, die sich nach Kontakt zu einer Terrorgruppe extrem schnell radikalisierten und dann auch einen Anschlag begingen – aber keine Ahnung vom Islam haben.

Ein möglicher Zusammenhang zwischen Religion und Terror wird also sehr viel loser, als der unkritische Zuhörer Abdel-Samads das meinen mag. Insofern hat sich Abdel-Samad mit seiner Argumentation also auf dünnes Eis begeben.

Wer selbst voller Wut einen Anschlag plane, sagt er, solle sich fragen, ob er in den Augen seiner Familie und seines Gastlandes als Held oder Loser gelten wolle. "Du nennst Dich selbst Held. Aber es gibt nichts Heroisches daran, vor den eigenen Probleme zu fliehen und Unschuldige zu töten."

Abdel-Samad war früher selbst ein Muslimbruder

Abdel-Samad verweist darauf, dass es bei ihm selbst nicht so gut gelaufen sei im Leben. Er hatte als junger Mann Ägypten verlassen, erzählt er, mit finanziellen Problemen, das Studium lief mies. Aber er habe seinen Hass überwunden und sich hochgearbeitet.

Der spätere Politikwissenschaftler hatte sich in Ägypten der Muslimbruderschaft angeschlossen, erhoffte sich von den Konservativen Sinn im Leben. Nach sektenartigen Erfahrungen aber hatte er dieser mächtigsten Vereinigung des Islam abgeschworen. Und den Islam immer wieder kritisiert, obwohl er sich als Muslim versteht.

Der Beitrag polarisiert heftig

Auf Facebook danken nun viele User dem Politikwissenschaftler für seine Botschaft.

Viele zweifeln aber daran, dass sie jene erreichen wird, die er adressiert.

Manche fühlen sich beleidigt und verwahren sich, mit den mordenden "Barbaren" in einen Topf geworfen zu werden.

Und letztlich muss man auch davon ausgehen, dass Abdel-Samad viele Vorurteile mit seinen Thesen bedienen wird. Gerade weil Abdel-Samad seine Thesen zwar mit "vielleicht" beginnt, sie letztlich aber als Gewissheiten präsentiert und keine anderen Interpretationen, keine Fakten zitiert. Weil der fatale Eindruck entstehen kann, junge Muslime mit Problemen würden alle mit Terror liebäugeln.

Soll man so ein Video deswegen bleiben lassen? Nein. Immerhin dürfte es eine wichtige Diskussion am Laufen halten.

Aber man muss vorsichtig damit umgehen. Und vor allem mit den Schlüssen, die man daraus zieht.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

(ujo)

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