"Ossi-Pomeranze": So kritisch kommentieren internationale Medien eine vierte Amtszeit von Merkel

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"Streberin mit unmöglicher Friseur": So kommentiert die internationale Presse ein vierte Amtszeit von Merkel | getty
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  • Mehrere internationale Medien versuchen vor der Bundestagswahl zu erklären, warum Kanzlerin Merkel abermals gewinnen wird
  • Die meisten Kommentatoren glauben: Die vierte Amtszeit von Merkel wird keine leichte werden

Viele Staatschefs wechselten in den vergangen zwölf Jahren, ein Gesicht aber blieb: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Kurz vor der Bundestagswahl deutet alles darauf hin, dass sich daran auch so bald nichts ändern wird.

In den meisten Umfragen liegt die Union 15 Prozentpunkte vor der SPD. In den vergangenen Tagen haben sich die internationalen Medien daher der Kanzlerin angenommen - und versucht zu erklären, warum Merkel seit Jahren regiert.

Vor allem aber beschäftigt die Presse, wie die nächste Amtszeit der Kanzlerin aussehen wird. Ob der US-Sender CNN oder die britische “Financial Times” - die meisten Kommentatoren sind sich einig: Die nächsten vier Jahre werden Merkel vor ihre bisher größten Herausforderung stellen.

1. Die Konstante im Leben der Deutschen

In ihrer bisherigen Laufbahn habe sich die Kanzlerin durch ihre ruhige - Kritiker würden sagen: langweilige - Art ausgezeichnet. Das betonen alle internationalen Kommentatoren.

"Ihre eigenständige Art und ihre Abscheu vor Aufregung sind der Schlüssel für ihre anhaltende Anziehungskraft", kommentiert etwa CNN. "Die Deutschen wollen eine Auswahl, aber noch ist unklar, ob sie eine Veränderung wollen", zitiert der US-Sender einen ehemaligen deutschen Regierungsbeamten.

Die "uncharismatische" Merkel habe zwar nicht die Herzen der Deutschen erobert, heißt es in einem Kommentar der Nachrichtenagentur Reuters. Aber: Sie passe gut zum rationalen Selbst der Bundesbürger. Die Umfragen würden also belegen, dass es keine Notwendigkeit gebe, Merkel zu ersetzen.

In einem polemischen Porträt mit dem Titel "Die Königin von Deutschland" heißt es in der “Neuen Zürcher Zeitung” über Merkel: "Wie konnte diese hausbackene, unscheinbare 'Ossi-Pomeranze', diese Streberin mit der unmöglichen Frisur, diese von der Geschichte begünstigte 'Doppelquoten-Dame', Frau und Ossi in einem, die Männer kollektiv, parteiübergreifend, in Ost und West derart entwaffnen?"

Die Antwort der Schweizer Zeitung: Mit Wissbegier, Fleiß, Belastbarkeit und Intelligenz sei sie zu einer Musterschülerin der sozialen Marktwirtschaft geworden, ausgebildet von Kanzler Helmut Kohl - den sie später aus dem Weg räumen sollte. "Vatermord" nennt die "NZZ" das.

"Während die Welt sich an Wahl-Überraschungen wie den Brexit oder Donald Trumps Erfolg gewöhnt, erwarten alle wichtigen Umfrageinstitute einen bequemen Sieg für Merkel", heißt es in der britischen "Financial Times". Die Zeitung verleiht der Kanzlerin daher den Titel "die Überlebende".

Merkel werde so ihren Anspruch als konkurrenzlose Anführerin Deutschlands, Top-Politikerin in der EU und eine Macht für internationale Zusammenarbeit verteidigen.

Mehr zum Thema: "Angela Merkel schadet der Demokratie": US-Magazin attackiert den Politikstil der Bundeskanzlerin

2. Die Anführerin der freien Welt

Auch wegen ihrer langen Amtszeit ist Merkel für die internationalen Medien eine der wichtigsten Politikerinnen der Welt. Schon 2015 taufte sie das "Time"-Magazin die "Kanzlerin der freien Welt".

Die Führungsposition werde Merkel auch weiterhin einnehmen, glauben die Kommentatoren.

Deutschland sei Europas Anführer, heißt es bei Reuters. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe den moralischen Führungsanspruch zementiert, als er seinen europäischen Kollegen vormachte, wie man einen ausgeglichenen Haushalt schafft.

Zwar trage die Bundesrepublik nicht die alleinige Verantwortung. Dennoch sei Deutschland der "Leitstern" in Europa.

Auch CNN sieht Merkel weiter in einer Führungsposition im Westen. Merkel-Biograph und Politikwissenschaftler Matthew Qvortrup sagte dem US-Sender:

"Sie ist notwendigerweise die Anführerin der freien Welt. Sie hat keine Nuklearwaffen. Aber sie setzt die politische Agenda, sie ist das Sprachrohr des Zeitgeistes, des Zeitgeistes der Gegner der Rechten."

3. Die Herausforderungen in der Zukunft

Die internationale Presse sieht Merkel vor enormen Herausforderungen – und nicht alle Kommentatoren trauen Merkel zu, sie zu meistern.

CNN berichtet zu Beginn des Porträts über ein Treffen 2016 des damaligen US-Präsidenten Barack Obamas mit Kanzlerin Merkel im Berliner Hotel Adlon. Obama habe die CDU-Chefin damals versucht zu überzeugen, noch einmal zur Wahl anzutreten.

Mit dem Wahlsieg von Donald Trump falle nun Merkel die Rolle als Verteidigerin der westlichen Weltordnung zu.

"Letztlich ist der Kampf um den Westen nicht nur ein Zank zwischen Trump und Merkel. Trump wird den europäischen Politikern zu schaffen machen. Er wird sie vermutlich regelmäßig erzürnen", kommentiert CNN.

Die Herausforderung sowohl für Trump als auch Merkel: Herauszufinden, wie die neue Beziehung zwischen den USA und Europa aussehen soll. "Es ist ein unangenehmes Gespräch. Und es ist eines, das darüber entscheidet, ob die Beziehungen und Institution erhalten bleiben, die seit dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind."

Das britische Wirtschaftsmagazin "Economist" sieht Kanzlerin Merkel dagegen vor einer anderen Herausforderung: Deutschlands Wirtschaft für die Zukunft fit zu machen.

"Tatsächlich ging es ihrem Land unter ihrer Führung gut und der Welt mit ihrer ruhigen Hand besser. Aber während ihrer dritten Amtszeit hat Merkel nicht genügend unternommen, um Deutschland auf die Zukunft vorzubereiten."

Die Zeitung rät ihr, die Steuerüberschüsse zu investieren und zusammen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron die EU-Institutionen zu reformieren. Außerdem solle die Union eine Koalition mit der FDP oder den Grünen eingehen, denn ein solches Bündnis werde Deutschland "durchschütteln".

"Als ihr Anführer könnte die zögerliche Merkel zur Kanzlerin werden, die alle überrascht hat", lautet das Fazit des “Economist”.

Ein weiteres Problem für Merkel: Sie habe ihre Aura der Unbesiegbarkeit verloren, kommentiert die “Financial Times”. Die Zeitung berichtet über den kürzlichen Vorfall bei einem Wahlkampfauftritt von Merkel, als die Kanzlerin mit einer Tomate beworfen wurde. "Die Flüchtlingsfrage ist nur ein Aspekt ihrer Politik, bei dem Merkel laut konservativen Wählern zu weit nach links gerückt ist", heißt es bei der "Financial Times".

Noch gebe Merkel den Ton an. Aber, so liest man zwischen den Zeilen heraus, während ihrer nächsten Amtszeit könnte der Widerstand gegen Merkel zu einem Problem für sie werden.

Mehr zum Thema: Eine Grafik zeigt, warum bei Bundestagswahlen die Gewinnerin zuletzt immer Merkel hieß

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(lp)

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