Der rechte Hass ist zurück – und er könnte bei der Wahl für eine böse Überraschung sorgen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HAUAB
Anti-Merkel-Demonstration | getty
Drucken
  • Der Wahlkampf ist zu einer Bühne für rechte Hetzer geworden
  • Sie haben es vor allem auf Angela Merkel abgesehen
  • Der weitgehend inhaltsleere Wahlkampf der anderen Parteien spielt ihnen in die Hände

Machen wir uns nichts vor: Der Hass ist nach Deutschland zurückgekehrt.

Wahrscheinlich war er nie wirklich weg. Es gibt einen beträchtlichen Prozentsatz an Menschen in dieser Republik, die zu hassen bereit sind. Doch über Monate gab es keinen richtigen Anlass mehr, diesen niederen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Die Islam-Debatte hatte sich totgelaufen, die Zahl der Asylbewerber ist überschaubar geworden – und selbst der Terror des IS schien zuletzt weit geringere Schocks in die Gesellschaft zu kommunizieren als noch im vergangenen Jahr.

Die Endphase des Wahlkampfs hat jedoch die Debatte in Deutschland gründlich verändert. Nichts, so scheint es, kann Angela Merkel auf dem Weg zu einer vierten Amtszeit noch in die Quere kommen. Schon gar nicht der zuletzt allzu harmlos auftretende SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz.

Aussicht auf vier weitere Jahre Merkel provoziert

Merkel – das ist die Reizfigur der selbsternannten "Asylkritiker". Ihre lange Amtszeit wird zu einer "Herrschaft" stilisiert, ihre sichere Wiederwahl zu einem untrüglichen Anzeichen für angeblich „diktatorische Zustände“ in Deutschland.

Die Aussicht auf weitere vier Jahre Merkel fördert wieder die beißende Ablehnung, den zähnefletschenden Widerstand und die giftigen Beleidigungen jener Tage in den Jahren 2015 und 2016 nach oben, als ein Riss durch Deutschland ging.

Wer wollte, konnte sich diese Woche gleich zweimal davon überzeugen: Angela Merkel hatte Wahlkampfauftritte in Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) und Wolgast (Mecklenburg-Vorpommern). Besonders in Bitterfeld waren die Mobilisierungsversuche von AfD, NPD und anderen rechten Kräften erfolgreich.

Journalisten des Magazins "Panorama" waren dabei. Ein Reporter musste sich von den Demonstranten unvermittelt als "verlogenes Drecksschwein" beschimpfen lassen. Merkel wird wiederholt als "Verbrecherin" bezeichnet. Der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider fordert im Interview, dass die CDU-Politikern in einer Zwangsjacke aus dem Kanzleramt abgeführt werden muss.

Mehr zum Thema: Krawall-Wahlkampf im Osten: In einem Moment wird es für Merkel in Strasburg richtig ungemütlich

Die AfD hat Rückenwind

Und dann ist da noch ein älterer, im Grunde recht liebenswürdig aussehender Mann, der sich derart in Rage redet, dass ihm die Stimme bricht: "Merkel hat Deutschland kaputt gemacht, das ist in unserer Geschichte einmalig. Anderthalb Millionen Afrikaner, wer will das bezahlen? Sie vielleicht, aber ich kann das nicht bezahlen!"

Dass die rechten Kräfte an diesem Tag so viele Gegendemonstranten mobilisieren konnten, kam nicht von ungefähr.

Seit Wochen schon hat die AfD Rückenwind. Bei zwei Meinungsforschungsinstituten kommt sie bei der Sonntagsfrage schon wieder über die Zehn-Prozent-Marke. Und das, obwohl nach den Ausfällen von Höcke, Gauland und Konsorten eigentlich jedem – noch deutlicher als früher – klar sein müsste, dass es sich bei der Alternative für Deutschland um eine rechtsradikale Partei handelt.

Merkel scheut die politische Auseinandersetzung

An dem Wiederaufstieg der AfD tragen die beiden großen Parteien eine Mitschuld.

Angela Merkels Union hält es nicht für nötig, in diesem Wahlkampf die politische Auseinandersetzung zu suchen. Sie erzählt die Geschichte von einem blühenden Land, das angeblich weiterhin christdemokratische Gärtnerarbeit braucht.

Die Union hat keine stimmige Vision, wie dieses Land in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren aussehen soll, ihr Wahlkampf ist frei von Aufregung und Inspiration. Selbst das Gros der CDU-Stammwähler könnte wohl über die möglichen Gründe für die Wahlentscheidung kaum mehr sagen, als dass es einfach so weitergehen sollte wie bisher.

Und bei der SPD herrscht seit dem missglückten TV-Duell Katerstimmung. Langsam wird den Genossen klar, dass es auch in diesem Jahr nichts mit einem Regierungswechsel in Berlin wird.

Ein zweistelliges Ergebnis wäre ein Denkzettel

Martin Schulz mag in den Augen vieler Wähler zwar als ein sympathischer und verbindlicher Politiker erscheinen, eine Alternative zu Merkel ist er jedoch für die meisten nicht. Allein schon deswegen, weil er in vielen wichtigen Politikfeldern große Schnittmengen mit der Kanzlerin hat. Bei der SPD hat hinter den Kulissen bereits jetzt das Wundenlecken begonnen.

Im Gegensatz dazu wissen die Rechten in Deutschland sehr wohl, warum sie am 24. September wählen und der AfD ihre Stimme geben werden. Ein zweistelliges Ergebnis wäre der ersehnte "Denkzettel" für die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Womöglich geriete die Kanzlerin dann auch in der eigenen Partei unter Druck.

Diese Möglichkeit ist real. Und je länger die Union ihren Nicht-Wahlkampf fortsetzt, und je depressiver die Stimmung bei der SPD wird, desto höher sind die Chancen, dass es am Wahlabend zu einer bösen Überraschung von rechts kommt. Noch bleiben zwei Wochen Zeit, dem etwas entgegenzusetzen.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Korrektur anregen