Ein in Leverkusen aufgetauchtes Plakat von Willy Brandt zeigt ein Kernproblem der SPD

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"Willy Brandt muss Kanzler blieben" - ein etwas veraltetes Plakat ist in Leverkusen aufgetaucht | dpa
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  • "Willy Brandt muss Kanzler bleiben", steht auf einem in Leverkusen aufgetauchten SPD-Plakat
  • Das Plakat erinnert an ein Kernproblem der Sozialdemokraten: Ihnen fehlt eine Vision - und ein Visionär

"Mehr Demokratie wagen", forderte Willy Brandt von den Deutschen. Er durfte das: Etwas von seinen Bürgern fordern. Brandt hatte als Kanzler, als Sozialdemokrat das Charisma, sein Land mitreißen zu können.

Seine "Neue Ostpolitik", der "Wandel durch Annäherung" an den Ostblock symbolisiert durch den Kniefall von Warschau - Willy Brandt war ein sozialdemokratischer Politiker von Weltformat.

Vielleicht steht deshalb jetzt ein Plakat von ihm in Leverkusen. Es stammt aus dem Wahlkampf 1972. Drauf steht: "Willy Brandt muss Kanzler bleiben". Dahinter eine große Leinwand, auf der die Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht zu sehen ist - und nicht etwa der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.

Eine politisches Stillleben mit Symbolcharakter.

Schulz ist nur ein "halber Brandt"

Denn 25 Jahre nach Brandts Tod steht die SPD miserabel da.

Laut dem aktuellen ARD-"Deutschlandtrend" droht der Partei ein historisches Wahldebakel mit einem Ergebnis von 21 Prozent. Es wäre das schlechteste SPD-Ergebnis seit Gründung der Bundesrepublik - und Martin Schulz wäre, so schreibt es das Handelsblatt, "demnach nur noch ein halber Willy Brandt".

Tatsächlich ist der "Schulz-Hype" mit den einhergehenden Umfragerekorden endgültig vorbei. Die SPD ist in der deutschen Realität angekommen, und die heißt nicht Martin Schulz, sondern Angela Merkel. Wieder und wieder.

Auch, weil es dem SPD-Kanzlerkandidaten schlichtweg an Strahlkraft fehlt. Die hat seine Konkurrentin Merkel zwar auch nicht - doch das ist Teil ihres Erfolgsrezepts: Alles ist gut, alles bleibt gut, sie kennen mich. Bloß keine Aufregung.

Deutschland, Land ohne Visionen

Merkel hat keine Vision für die Zukunft des Landes. Keine zumindest, die mitreißt, die Bürger und Politik elektrisieren kann. Das Problem: Schulz hat diese Vision auch nicht.

Ja, der SPD-Kanzlerkandidat ist volksnah. Sein Werdegang macht ihn sympathisch, seine klare Haltung gegenüber Männern wie Putin, Trump, Erdogan und auch dem Altkanzler Gerhard Schröder zollt Respekt ab. Er scheute sich anders als Merkel auch nicht davor, politische Inhalte zur öffentlichen Debatte zu stellen.

Doch Schulz und der SPD haftet der Makel der Großen Koalition an. Das SPD-Programm ist dem der CDU zu ähnlich: Viel "Weiter so!", ein bisschen nachjustieren, der Blick ist nach hinten gerichtet. Das war auch beim TV-Duell zwischen Martin Schulz und Angela Merkel zu sehen: Da war zu wenig Streit, zu wenig Begierde auf die Zukunft.

Doch die braucht es, damit Deutschland nachhaltig eine positive Entwicklung nehmen kann. Es braucht - gerade auch als Gegengewicht zu dem aufstrebenden Rechtspopulismus in der Republik - den Mut zu mehr Demokratie, zu mehr Risiko.

Die heutige SPD ist keine Partei des Weckrufs

So, wie es Willy Brandt in seiner Zeit von den Deutschen gefordert hat. Und für sie. Veränderung war für die SPD-Legende nichts, dass ein Land fürchten müsste.

Das nun jemand Brandts Konterfei in Leverkusen aufgestellt hat, mag ein einsamer Ausdruck eben dieses Wunsches nach Veränderung sein. Dem Wunsch nach einer echten Zukunftsvision für dieses Land - einer, die auch von einem echten Visionär vertreten wird.

Angela Merkel will diese Visionärin nicht sein. Und Martin Schulz schafft es nicht.

Das zeigen die aktuellen Wahlumfragen nur zu deutlich. Die Deutschen sind zufrieden mit ihrem Status Quo. "Mehr Demokratie wagen", das erscheint vielen als abschreckend.

Im Hinblick auf die Bundestagswahl wird daran auch ein altes Willy-Brandt-Plakat nichts ändern.

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(ben)

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