Polen ist Einwanderungsziel Nummer Eins in Europa - so geht das Land damit um

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  • Über eine Millionen Ukrainer sollen in Polen leben
  • Für die Wirtschaft des Nachbarlands sind die Migranten essentiell
  • Doch in der polnischen Bevölkerung steigt zunehmend der Hass

Anna hat in Warschau einen Raum zum Unterrichten und eine Tafel. In der Ukraine war das nicht so. Obwohl sie ihren Mann und zwei Töchter dort zurücklassen musste, scheint sie nun glücklich.

Wegen wirtschaftlicher Probleme hatte die Geografielehrerin Mitte 2016 die Ukraine verlassen. Zuletzt hatte sie in Lwiw, im Westen des Landes, nur noch umgerechnet 60 Euro im Monat verdient.

Im Nachbarland Polen ist es nun mehr als fünfmal so viel, wie sie dem Portal "Open Democracy" berichtet.

Anna ist eine von mehr als einer Millionen Ukrainerinnen und Ukrainern in Polen. Deutschlands Nachbar hat in den vergangenen Jahren so viele Migranten wie kein zweites Land in Europa aufgenommen - doch nur die wenigsten kennen die Hintergründe.

"Niemand weiß, wie viele Ukrainer in Polen sind"

"Die Welle von ukrainischen Einwanderern begann Anfang 2015, sie wurde verstärkt durch den Zerfall der ukrainischen Währung im Februar 2015", erklärt Igor Isajew der HuffPost. Er ist Chefredakteur einer Nachrichtenseite für die ukrainische Minderheit in Polen.

Er sagt: Anders als es die polnische Regierung darstellt, war es nicht der Krieg in der Ukraine, der seine Hochphase im Sommer 2014 erlebte, sondern die Wirtschaftskrise im östlichen Nachbarland, die zu der Massenbewegung führte. Verstärkt wurde die sicherlich auch, weil beide Sprachen eng miteinander verwandt sind.

warsaw people

"Das polnische Gesetz teilt die Ukrainer in zwei Gruppen", erläutert Isajew. "Es gibt die schon immer im heutigen Polen lebende ukrainische Minderheit, die alle polnische Staatsbürger sind, und es gibt die eher neuen Migranten aus der Ukraine."

Zur ersten Gruppe gehören laut offiziellen Zahlen etwas mehr als 50.000 Menschen. "Doch niemand weiß, wie viele Ukrainer zur zweiten gehören", sagt Isajew. Sicher ist nur: Nur zwanzig Ukrainer haben seit 2014 den Status eines anerkannten Flüchtlings erhalten.

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1,4 Millionen Ukrainer in Polen

Laut dem polnischen EU-Abgeordneten Jacek Saryusz-Wolski würden derzeit etwa 1,4 Millionen Ukrainer in Polen leben - zum Großteil Arbeitsmigranten.

Er betont: "Wir sehen einen Anstieg bei den Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen, auch von Menschen, die aus stabilen Teilen (der Ukraine) kommen, wie Odessa." Viele würden im Nachbarland sogar Firmen registrieren und Polen beschäftigen.

Die offiziellen Zahlen bilden jedoch nur einen Bruchteil der tatsächlichen ukrainischen Migranten in Polen ab:

Klar ist: Polen verteilte 2015 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor) rund 540.000 Aufenthaltsgenehmigungen, davon 430.000 an Ukrainer. EU-weit vergab nur Großbritannien in dem Jahr noch mehr Aufenthaltstitel. Zum Vergleich: Zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise lag die Zahl in Deutschland nur bei rund 195.000 Genehmigungen.

Laut Angaben des polnischen Ministeriums für Familie, Arbeit und Sozialpolitik wurden 2016 über 1,3 Millionen Anträge für die Anstellung eines Ausländers in Polen registriert. Davon kamen mehr als 1,2 Millionen der Anträge (96 Prozent) von Ukrainern.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 127.000 Arbeitserlaubnisse erteilt, von Januar bis April 2017 bereits über 65.000 (bei über 600.000 Anträgen) - in beiden Fällen zu einem Großteil an Ukrainer.

Wichtig: Zu diesen Zahlen kommen noch hunderttausend weitere Ukrainer, die mit einem Standard-Visum nach Polen eingereist sind - und anschließend nicht das Land verlassen haben. Auch polnische Arbeitsvisa waren im Vergleich zu tschechischen oder deutschen relativ einfach zu bekommen. Seit dem 11. Juni dürfen Ukrainer sogar visafrei in die meisten EU-Staaten einreisen.

Polen giert nach ukrainischen Migranten

Die Ukrainer - ob legal oder illegal im Land - verdienen wesentlich mehr als in ihrer Heimat. Zudem braucht die polnische Wirtschaft die ukrainischen Migranten.

In diesem Jahr soll die Wirtschaft erneut um mehrere Prozent wachsen. Um das hohe Pensum der vergangenen Jahre zu halten, benötigt Polen fünf Millionen Arbeiter in den nächsten 20 Jahren, behauptet die Polnische Union der Unternehmer und Arbeitgeber. Ukrainer sollen hier eine Schlüsselposition einnehmen.

Aber auch 43 Prozent der Polen finden laut einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann Stiftung, dass sich in den letzten zwei Jahren die wirtschaftliche Situation verbessert hat - der Wert ist in keinem anderen EU-Land so hoch. Der Konsum boomt, und damit auch der Bedarf an Arbeitskräften.

Polen hat zudem eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in der EU, schon seit Jahren sinkt die Zahl. Erst im August wurde ein neuer Rekord verzeichnet: Nur noch 7,1 Prozent der Menschen waren ohne Job, der niedrigste Wert in dem Sommermonat seit 1991.

Da viele gut ausgebildete Polen selbst ins Ausland gehen, sucht Polens Industrie fortwährend nach Fachkräften. Das belegt auch eine Erhebung der Polnischen Nationalbank. Demnach haben 91 Prozent der ukrainischen Migranten eine Sekundär- oder höhere Bildung.

Allerdings beuten etliche Arbeitnehmer die ukrainischen Fachkräfte auch aus. Denn trotz vergleichbar hoher Abschlüsse verrichten rund 70 Prozent der Ukrainer körperliche Arbeit, vor allem auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. Denn gerade dort fehlen heimische Arbeiter, weil diese vielfach nicht mehr für die niedrigen Löhne schuften wollen. Für Ukrainer lohnt sich der Job dennoch.

Abneigung gegenüber Ukrainern nimmt zu

"Polen kann gar nicht genug ukrainische Migranten bekommen", titelte die Wirtschaftsagentur "Bloomberg" im März überschwänglich. Das ist richtig.

Richtig ist aber auch, dass die Abneigung gegen Ukrainer in der polnischen Bevölkerung zunimmt.

"Wir sehen seit 2014 einen signifikanten Anstieg von anti-ukrainischen Hassreden im Internet", erklärt Michał Bilewicz, Dozent am Forschungszentrum für Ressentiments an der Universität Warschau.

Tatsächlich habe es während des Aufstands gegen die russland-freundliche Führung in der Ukraine und des nachfolgenden Krieges viele Sympathien für die Ukraine gegeben. "Aber seit der Konflikt nicht mehr so heiß ist, sind die Sympathien in Polen zurückgegangen", sagt Bilewicz der HuffPost.

Zwar ist die Mehrheit (57 Prozent) der Polen nach wie vor gewillt, Menschen aus der von Russland besetzten Ostukraine aufzunehmen - im deutlichen Gegensatz zu afrikanischen Flüchtlingen.

warschau

Aber die Bevölkerung sieht die ausländischen Arbeiter ambivalent:

Laut einer Umfrage des polnischen Meinungsforschungsinstituts CBOS aus dem Jahr 2016 erklärten 63 Prozent der Befragten, dass die Ukrainer gut für die heimische Wirtschaft seien.

Ähnlich viele fordern allerdings auch, den Zustrom aus dem Osten zu begrenzen.

Zunehmender Hass auf den Straßen

Viele Ukrainer in Polen, darunter auch Lehrerin Anna und Journalist Igor Isajew, sehen sich selbst gut integriert. Beide haben viele polnische Freunde. Dennoch vermeiden sie es, Ukrainisch auf der Straße zu sprechen.

"Dort spüre ich einen zunehmenden Hass, auch die verbalen und physischen Attacken nehmen zu, insbesondere in kleinen Orten und im Osten", betont Isajew.

Problematisch sei, dass die nationalkonservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) den Hass nicht verurteile.

"Zugleich bedienen aber einzelne Politiker nationalistische Ressentiments: Polen habe viele Feinde und wir Ukrainer seien einer davon", schildert Isajew.

Bisweilen schlägt das auch in Gewalt um:

Ende des vergangenen Monats wurde ein ukrainischer Student im ostpolnischen Lublin so brutal zusammengeschlagen, dass er operiert werden musste.

Und bereits seit längerem werden ukrainische Denkmäler beschmiert und zerstört.

Aufgrund des wachsenden Drucks hat Polens Innenmister Mariusz Błaszczak (PiS) Anfang September gefordert, ab 2018 eine Obergrenze für Migranten einzuführen.

Dann wäre nach der Balkanroute auch die europäische Ostgrenze dicht.

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(ben)

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