"Die SPD mobilisiert – aber halt für uns": Unterwegs mit Peter Tauber im Haustürwahlkampf der CDU

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TAUBER
CDU-Generalsekretär Peter Tauber | Lennart Pfahler
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  • Die CDU koordiniert ihren Haustürwahlkampf mit der App Connect17
  • Die HuffPost hat Peter Tauber in Berlin-Wartenburg beim Wahlkampf begleitet
  • Hier zeigte sich, was die App kann – und was nicht

So sieht also eine Straße aus, in der viel ungenutztes Wählerpotenzial für die CDU schlummert: Große Grundstücke, kleine piefige Häuschen, die Stromleitungen verlaufen oberirdisch.

Gerade einmal 150 Meter sind es von der Straße 7 im äußersten Norden von Berlin bis nach Brandenburg. Hier machen der CDU-Generalsekretär Peter Tauber, Martin Pätzold, Bundestagskandidat in diesem Wahlkreis, und der Landtagsabgeordnete Danny Freymark an diesem Donnerstagnachmittag Haustürwahlkampf.

Tauber hat Flyer und Kugelschreiber mit CDU-Logo in der Hand. Pätzold trägt eine orangene CDU-Plastiktüte.

An 200 Haustüren wollen die drei klingeln - weil die CDU-App Connect17 es ihnen geraten hat.

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Straße in Berlin-Wartenberg

"Merkels Wunderwaffe“, wie Medien die App unlängst tauften, berechnet anhand von Daten vorheriger Wahlen, in welchen Gebieten es sich für die CDU lohnt, an Türen zu klopfen.

"Mobilisierungspotenzial“, nennt Tauber das. Er ist überzeugt: "Hier gibt es für uns etwas zu holen.“

In den nächsten Stunden wird sich zeigen, dass er Recht hat.

Das Erfolgsrezept aus dem Saarland

Die erste Tür: Keiner öffnet. Auch an der zweiten Tür tut sich lange nichts. "Es ist noch früh“, sagt Tauber. Zur Idealzeit, also nach 17 Uhr, würde etwa die Hälfte der Menschen die Tür öffnen.

Dann öffnet sich die zweite Tür doch noch. Ein Mann blickt durch den Türspalt, er trägt Handwerkerklamotten, in der einen Hand hat er eine Farbrolle. Der Anwohner streicht offenbar gerade sein Treppenhaus, macht kurz deutlich, dass er keine Zeit hat, lässt sich aber trotzdem einen Flyer gegeben.

"Er hat gelächelt“, sagt Tauber. Die CDU-Politiker tragen einen fröhlichen Smiley in der App ein. Das bedeutet: Eine gute, vielversprechende Begegnung.

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Tauber und Freymark hinterlassen einen Brief, wenn niemand öffnet

All das soll nicht nur bei dieser, sondern auch bei kommenden Wahlen helfen: Je mehr Daten über einzelne Straßen die Wahlkämpfer anonymisiert sammeln, desto genauer wird sich feststellen lassen, in welchen Gegenden sich der Haustürwahlkampf lohnt.

Rund zwei Prozentpunkte könne das pro Wahlbezirk ausmachen, behauptet Tauber. Das habe die Analyse seiner Partei ergeben.

Bei den Landtagswahlen im Saarland hatte die CDU mit der Strategie bereits Erfolg. An 75.000 Türen klopften die Wahlkämpfer dort. Das sind fast 15 Prozent der Haushalte des kleinen Bundeslandes. Die Aktion gilt als wichtiger Grund, warum CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer so deutlich gewann.

Seit diesem Sieg feiert die Union ihre Smartphone-Strategie – und andere Parteien schauen ein wenig ängstlich, aber auch ein wenig neiderfüllt in Richtung Konrad-Adenauer-Haus.

"Es geht um Mobilisierung, nicht um Überzeugung“

Doch so gut die Technik von Connect17 sein mag, was zählt, ist die Begegnung an der Tür.

"Da kann man viele Fehler machen", erklärt der CDU-Generalsekretär. Er zählt auf: Sich nicht richtig vorstellen, unfreundlich werden, mit zu vielen Leuten auftauchen und so die Leute verschrecken. Und: Lange Gespräche anfangen.

Im Haustürwahlkampf geht es nicht um einen Dialog mit den Menschen. Die romantische Vorstellung, dass Politiker hier bei Bürgern klingeln, um über deren politische Befindlichkeiten zu sprechen, ist überholt.

Der Connect17-Wahlkampf wirkt viel eher wie ein streng durchgetakteter Lauf gegen die Zeit.

"Es geht um Mobilisierung, nicht um Überzeugung“, sagt Tauber. Viel länger als eine Minute bleiben die Politiker an keiner Tür. Diskussionen: unerwünscht.

In Wartenberg sind Gespräche an diesem Nachmittag ohnehin nur selten nötig. Eine Frau eilt an ihr Gartentor, als sie Pätzold und Tauber sieht. "Ick habe heute noch das Plakat gesehen und mich gefragt: 'Wer ist dieser Martin?’ Is’ ehrlich wahr", sagt sie.

Für die Frau gibt es ein paar freundliche Worte des Bundestagskandidaten, auch Tauber packt die Charmekeule aus. "Jetzt steht er vor mir, ist ja unglaublich“, sagt die Frau so überwältigt, dass man ihr fast einen Funken Ironie unterstellen könnte.

Doch dieser Besuch hat sich für die Konservativen sicher gelohnt.

"Die hassen uns – das ist heilsam“

"Im Osten ist eine gute Stimmung. Nicht in Finsterwalde am Marktplatz, aber generell“, sagt Tauber.

Er spielt auf den bisher wohl schwierigsten Moment der Union in diesem Wahlkampf an. Mitte der Woche pfiffen hunderte Menschen die Kanzlerin im brandenburgischen Finsterwalde aus und brüllten sie nieder.

"Die hassen uns“, sagt der CDU-Generalsekretär über die Menschen, die Merkel auch im nordsächsischen Torgau mit "Volksverräter“-Rufen begrüßt hatten. "Heilsam“ nennt er das. Einen Ansporn weiterzumachen.

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Freymark, Pätzold und Tauber

Wieder öffnet eine ältere Frau die Tür. "Den hab ick heute noch gesehen und mich gefragt: Na ob ick den nehme?", feixt sie, als sie Pätzold sieht. Fast gerührt schüttelt sie die Hand des jungen Abgeordneten, greift ihm ehrfürchtig an die Schulter.

Tauber und der Landtagsabgeordnete Danny Freymark stehen daneben, lächeln. Diese Begegnung hat sich gelohnt. "Sie sehen ja alle toll aus", sagt die Frau, noch bevor die Politiker weitermüssen.

Da ist nämlich schon mehr als eine Minute vergangen.

Wahlkampf im AfD-Gebiet

Dass die CDU-Politiker auf so wenig Widerstand stoßen, ist bemerkenswert.

Wartenberg gehört zum Wahlkreis Lichtenberg 1, den bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im vergangenen Herbst der ultrarechte AfD-Kandidat Kay Nerstheimer gewonnen hat.

Doch die Straßenzüge, die Tauber und seine Kollegen abklappern, scheinen sorgfältig gewählt. Das ist ein Schlüsselmerkmal eines erfolgreichen Haustürwahlkampfes, erklärt der Generalsekretär.

Er behauptet: Genau das unterscheide die Connect17-Kampagne von der der Konkurrenz.

"Die SPD zieht teilweise in Gegenden in den Haustürwahlkampf, wo eigentlich wir unterwegs sein müssen“, berichtet Tauber. "Wir haben eine bessere Analyse, wo es sich lohnt.“

"Die SPD mobilisiert – aber halt für uns"

Lohnen würde sich der Wahlkampf in Gegenden, in denen die Menschen ohnehin mit der CDU sympathisieren – und nach der Logik der Konservativen nur noch einen letzten Stupser brauchen, um am 24. auch dementsprechend ihr Kreuz zu machen.

"Es gibt SPD-Kandidaten, die laufen in CDU-Hochburgen. Klar: Da mobilisieren sie auch. Aber halt für uns“, spöttelt Tauber.

huff
Wartenberg: Hier gibt es viel ungenutztes CDU-Potenzial

Die SPD hat mit Kampa17 unlängst eine ähnliche Aktion gestartet wie die CDU. "Der modernste Wahlkampf aller Zeiten“, sei das, sagte SPD-Generalsekretärin Katarina Barley bei der Präsentation der App.

Eigentlich funktioniert die genau wie Connect17. Das Manko: Der SPD fehlen die Erfahrungswerte aus vergangenen Wahlkämpfen. Und: Die App ist so dröge, dass der "Spiegel" sie jüngst als "schnödes Online-Formular“ geißelte.

Eine Million Haustürbesuche wollen die Sozialdemokraten dennoch schon geschafft haben. Die CDU ist skeptisch. "2013 haben sie auch behauptet, fünf Millionen Türen geschafft zu haben – und da hat sie keiner gesehen“, sagt Tauber, ehe er an einer weiteren Tür klingelt.

Gelernt von Donald Trump

Neben dem Generalsekretär, Pätzold und Freymark sind heute auch rund 15 Unterstützer der Jungen Union in Wartenburg unterwegs.

Die Partei hat hier auch bei US-Präsident Donald Trump gelernt: Wie bei dessen Wahlkampf-App "America First" haben Haustürwahlkämpfer die Chance auf höhere Level aufzusteigen, je mehr Türen sie abklappern.

Auch Facebook-Posts und SMS an andere Unterstützer und Freunde werden belohnt. Die zehn fleißigsten Unterstützer bekommen Ende September einen Anruf von Angela Merkel.

Pätzold klingelt bei der Hausnummer 48. Ein Mann öffnet, winkt ablehnend ab. Er sei Zeuge Jehovas, gehe nicht zur Wahl, sagt er. Auch das wird für zukünftige Wahlkämpfe vermerkt, aus Datenschutzgründen so anonymisiert, dass die Informationen nicht dem konkreten Haus zugeordnet werden kann.

Schnell huscht der Abgeordnete an die nächste Tür. Da hat Tauber schon eine junge Mutter zum Lächeln gebracht. Freymark lacht: "Da hatte der Peter mal wieder den richtigen Riecher, darum ist der auch Generalsekretär."

Dann ist es 18 Uhr. Alles ist notiert, die 200 Türen sind geschafft. Die Konservativen reisen ab. Sie haben keine Zeit zu verlieren.

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(ben)

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