Wieso die Grünen zum Überraschungssieger der Wahl werden könnten – und viele Deutsche das begrüßen

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Wieso die Grünen zum Überraschungssieger der Wahl werden könnten – und viele Deutsche das begrüßen | Axel Schmidt / Reuters
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  • Die Hälfte der Deutschen wünscht sich eine Regierungsbeteiligung der Grünen
  • Zwar reicht es in den Umfragen noch nicht für Schwarz-Grün
  • Aber die Ausgangslage für einen grünen Endspurt scheint günstig

Nicht wenige haben in den Grünen schon die großen Verlierer der Bundestagswahl gesehen.

Als Verbotspartei wurden die Ökos abgetan, als nicht mehr zeitgemäß, irgendwie uncool.

Als dann auch noch immer offener Streit zwischen dem konservativen Flügel und der Fundi-Basis ausbrach, war die Sache für viele Beobachter klar: Diese Partei reißt bei der Bundestagswahl sicher nichts mehr.

Zerstören konnte das die Grünen freilich nicht.

Im Gegenteil: Zwei Wochen vor der Bundestagswahl hat die Partei noch immer die Chance, die SPD aus der Regierung zu kegeln.

Als wäre das nicht schon erstaunlich genug, zeigt eine Umfrage jetzt, dass die Hälfte der Deutschen sich sogar wünscht, dass die Grünen regieren. 50 Prozent der Deutschen gaben in einer Forsa-Umfrage für den "Stern" an, dass sie eine Regierungsbeteiligung der Ökos begrüßen würden.

Eigentlich ist das nur logisch.

Die meisten Deutschen sehen sich als Mitte-Links-Wähler

Denn Schwarz-Grün macht Sinn. Die Deutschen wollen Merkel als Kanzlerin, das zeigen die Umfragen zur Kanzlerpräferenz regelmäßig.

Aber die Deutschen wollen auf keinen Fall noch einmal eine Große Koalition, auch das geht aus den Umfragen hervor. Ebenso wenig übrigens wie die Regierenden von Union und SPD.

Und: Die Mehrheit der Deutschen verortet sich selbst im Mitte-Links-Spektrum. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung.

Und links, das liegt in der DNA der Grünen. "Wenn wir den Zehn-Punkte-Plan umsetzen, werden wir dieses Land (...) deutlich nach links schieben", kündigte Fraktionschef Anton Hofreiter in der "Frankfurter Neuen Presse" kürzlich kämpferisch an.

Die FDP, die in vielen urbanen Gegenden wohl um eine ähnliche Wählerschaft wie die Grünen kämpft, hat sich mit den jüngsten Aussagen ihres Parteichefs Christian Lindner dagegen selbst deutlich nach rechts katapultiert.

Lindner fordert eine Reform der Migrationspolitik, will Kriegsflüchtlingen kein dauerhaftes Bleiberecht zusichern, sondern sie nach Beruhigung der Lage zurück in ihre Heimat schicken.

"Lindner scheint eine sehr große Angst vor der AfD zu haben", spottete Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour im Gespräch mit der HuffPost. Der von der "Zeit“ vor mehreren Wochen äußerst optimistisch angekündigte Wahlkrimi zwischen Grünen und Liberalen: Vielleicht kommt er in den letzten Tagen vor der Wahl tatsächlich noch in Fahrt.

Die Grünen müssen sich aus dem Umfragetief kämpfen

Gewiss: Die Grünen liegen in Umfragen derzeit nur bei rund 8 Prozent. Das ist ein schwacher Wert für eine Partei, deren Anspruch jenseits der Zehn-Prozent-Marke liegt.

Aber das Grünen-Ergebnis ist auch nicht viel schwächer als das der FDP, die in den meisten Umfragen auf ebendiese 10 Prozent kommt.

Sowohl für Schwarz-Gelb als auch für Schwarz-Grün könnte es noch reichen, wenn sich einige wenige Prozentpunkte noch in die jeweils richtige Richtung verschieben.

Für die Grünen heißt das, das Momentum von Lindners Rechtsschwenk zu nutzen. Spitzenkandidat Cem Özdemir preschte am Dienstag beeindruckend voran.

In der letzten Parlamentssitzung der aktuellen Legislatur überzeugte er mit der kämpferischsten Rede aller Abgeordneten: Er beschwor ein fortschrittliches, innovatives Deutschland ("Es kann nicht sein, dass unsere letzte Innovation die Sitzheizung war"), eine klare Linie gegen den "Geiselnehmer" Erdogan – und schwor die eigene Partei auf eine kommende Regierungsbeteiligung ein.

Özdemir scheint zu spüren, dass Schwarz-Grün in Reichweite ist.

Und dann gäbe es ja - zumindest theoretisch - noch ein weiteres Szenario: Die Jamaika-Koalition.

Die brachte der britische "Economist" nun wieder ins Spiel. Das renommierte Wirtschaftsmagazin glaubt: Wenn Merkel Mut hat, geht sie eine Koalition mit FDP und Grünen ein.

"Eine solche Koalition würde die Chance bieten, Deutschland wachzurütteln", so das Fazit der Briten.

Das Problem bleibt: FDP-Chef Lindner hat angekündigt, für das Experiment nicht zu haben zu sein.

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(mf)

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