Krawall-Wahlkampf im Osten: In einem Moment wird es für Merkel in Strasburg richtig ungemütlich

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MERKEL MUSS WEG
Horror-Wahlkampf im Osten: In einem Moment wird es für Merkel in Strasburg richtig ungemütlich | Lennart Pfahler
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  • Bei ihren Wahlkampfauftritten im Osten wird Merkel regelmäßig von einem wütenden Mob begrüßt
  • In Strasburg in der Uckermark bekommt die Kanzlerin am Freitag zunächst wenig Gegenwehr
  • Doch die Stimmung kippt, als Merkel abreisen will

Die Union steuert bei der Bundestagswahl in zwei Wochen auf ein Traumergebnis zu. Und doch waren die vergangenen Tage für die Kanzlerin wohl die schwersten des bisherigen Wahlkampfes.

Denn nicht alle öffentlichen Auftritte sind für Angela Merkel so angenehm, wie das geradezu harmonische TV-Duell gegen ihren erstaunlich handzahmen SPD-Herausforderer Martin Schulz. Das musste die Kanzlerin bei ihrer Wahlkampftour im Osten der Republik feststellen.

Bei mehreren Auftritten schlug der CDU-Chefin zuletzt blanker Hass entgegen. Im brandenburgischen Finsterwalde und im sächsischen Torgau waren die Anfeindungen so gewaltig, dass die Kanzlerin ihre Rede immer wieder unterbrechen musste.

Bei Merkels Beinahe-Heimspiel in Strasburg in der Uckermark scheint es am Freitagnachmittag zunächst besser zu laufen. Nur einige wenige Demonstranten haben sich in die Stadthalle begeben, pfeifen kurz und verlassen den Saal dann meistens aus eigenen Stücken.

Ungemütlich wird es für Merkel erst vor der Tür, als sie abreisen will.

Merkel attackiert in ihrer Rede die AfD

"Merkelmußweg“ haben Demonstranten im Stile eines Straßenschildes auf ein Plakat geschrieben. Auf einem anderen prangt eine durchgestrichene Raute.

Zwei junge Männer gehen mit einem "Merkel muss weg“-Transparent auf einem Hügel zwischen der Stadthalle und einem angrenzenden Plattenbau in Position.

Aus Protest sei er hier, sagt einer der Männer. "Weil ich Strasburger bin.“ Dann wendet er sich ab: "Ach." Mit der Presse will er nicht reden.

Etwa zwanzig junge Männer, viele von ihnen tragen Glatze und Bart, haben sich vor den Polizisten aufgebaut, die das Gelände abschirmen sollen. Schon vor der Veranstaltung hatten sie sich unweit der Max-Schmeling-Halle versammelt, trugen Plakate der NPD.

Doch auch Eltern mit ihren Kindern sind gekommen. Ein höchstens 13-Jähriger klagt im Gespräch mit seiner Mutter über die "Scheiß Ausländer“. Die sagt nichts, zieht sich die Regenjacke aber etwas tiefer ins Gesicht.

Drinnen bekommt Merkel nicht mit, dass sich vor der Tür etwas zusammenbraut. Trotzdem geht sie auf die AfD-Anhänger ein, die immer wieder ihre Veranstaltungen stören. "Die haben außer Pfeifen und außer Schreien gar nichts zu tun auf den Plätzen, das hat mit Demokratie wirklich sehr wenig zu tun“, sagt die CDU-Chefin. Die Menschen applaudieren.

Vor der Tür läuft eine ältere Frau immer wieder mit einem Pappschild an einem langen Stab auf und ab. "Den Aufgewachten: AfD wählen“, hat sie darauf geschrieben. "Kanzlerin der Schande“ skandiert die Frau recht einsam.

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Dann wird es kurz heikel für die Kanzlerin

Dann – einige Minuten später – kommt Merkel aus dem Hinterausgang – und ein Pfeifkonzert bricht los. "Hau ab" rufen die Menschen immer wieder. Irgendwann: "Merkel muss weg.“ Keine drei Sekunden ist Merkel zu sehen, ehe sie ein Sicherheitsmann in eine Limousine schiebt.

Die Menschen brüllen weiter. Ein Feuerwehrmann, der bei der Organisation der Veranstaltung geholfen hat, schüttelt den Kopf: "Ist das wieder peinlich. Und dann wundern sie sich, dass sich hier keine Firmen ansiedeln, die Arbeitsplätze schaffen.“

Die dunklen Limousinen versuchen, sich ihren Weg durch die Demonstrierenden zu bahnen. Doch eines der Fahrzeuge kommt nicht weiter.

Einige der Glatzköpfe nutzen die Gelegenheit und brüllen auf die dunkel getönten Scheiben des Fahrzeuges ein. Ob Merkel wirklich dahinter sitzt, wissen sie wohl nicht.

Quälend lange kommt die Limousine nicht vom Fleck, die Polizisten wirken überfordert. Erst nach rund zwei Minuten setzt sich auch das zweite Fahrzeug in Bewegung.

Merkels Spießrutenlauf in Strasburg ist beendet.

Drinnen Sekt und Cola, draußen Wut

Es gab wohl lange keinen Tag, an dem sich die Spaltung der deutschen Gesellschaft vor der Bundestagswahl so plakativ gezeigt hat, wie an diesem Freitag in Vorpommern.

In der Halle drängen sich Rentner, Vertreter der lokalen CDU, Mittvierziger in Hemd und Bluse. Die Kinder des lokalen Fußballvereins stehen Spalier als die Kanzlerin den Saal betritt, ein Jugend-Orchester aus der Region begrüßte den prominenten Gast.

Drinnen gibt es belegte Brötchen, Sekt und Cola.

Draußen gibt es es Wut. "Das ist nicht meine Kanzlerin“, erklärt ein Mann. Er wiederholt es immer wieder, als ob der Satz dadurch an Bedeutung gewinnen würde. "Für uns tut die nichts.“

Merkel kennt diesen Vorwurf. Er wurde ihr schon hundert- wahrscheinlich tausendfach ins Gesicht gebrüllt. "Wir haben niemandem etwas weggenommen“, sagt sie in der Halle in Bezug auf die Versorgung hunderttausender Flüchtlinge.

"Im Gegenteil haben wir neue Sozialleistungen geschaffen“, sagt Merkel und bekommt wieder Applaus.

Draußen ist der nicht zu hören. Stattdessen immer wieder: "Hau ab!“ Die Menschen hier wollen ihre Kanzlerin nicht hören, sie wollen nicht mit ihr diskutieren.

Sie wollen, dass sie verschwindet.

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(mf)