Hier werden Terroristen gemacht: Islamismus-Experte erklärt, wo sich die meisten Attentäter radikalisieren - Moscheen sind es nicht

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TERROR ATTACK FIRE
Ein brennendes Auto nach einem Terroranschlag in Somalia | Feisal Omar / Reuters
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  • Islamismus-Experte Olivier Roy sagt: Attentäter radikalisieren sich nicht in Moscheen
  • Er hält das Gefängnis für den Ort, wo aus gut integrierten Menschen Extremisten werden

Wenn Islamisten in Europa Menschen erstechen, erschießen, zu Tode fahren, in die Luft sprengen, dann dauert es nicht lange, bis Politiker fordern, die Moscheeverbände müssten stärker gegen die Radikalisierung junger Menschen kämpfen.

Eine höchst umstrittene Forderung, weil sie Muslimen eine besondere Verantwortung für Verbrecher zuschreibt, die eine Religion missbrauchen. Und weil Forschungsergebnisse zeigen, dass die Radikalisierung ganz woanders stattfindet:

Olivier Roy, ein namhafter französischer Islamismus-Experte sagte im Interview mit dem "Kölner Stadtanzeiger", Menschen radikalisierten sich "eigentlich nie im Rahmen einer religiösen Organisation", also "eher selten" in einer Moschee. "Der erste Ort der Radikalisierung ist das Gefängnis."

Erst seien die Täter eigentlich gut integriert. Landen sie wegen kleiner Delikte jedoch im Gefängnis, finde dort die Radikalisierung statt, die bis zum Anschlag führen könne.

Radikalisierung in extrem kurzer Zeit

Relevant seien auch kleine Gruppen, Freunde etwa. Ein Dritter, ein Mittelsmann also zu Terrororganisationen wie Al-Kaida oder dem Islamischen Staat (IS), beeinflusse sie, zu Beispiel übers Internet. Nach Roys Erfahrung dauert die Radikalisierung nur wenige Monate, ohne dass es erst zur Islamisierung komme.

Was viele Terroristen gemeinsam haben

Roy beschreibt in der Zeitung auch das typische Profil der Terroristen:
Sie sind jung.
Sie sind dort geboren, wo sie Zuschlagen – also Homegrown Terrorists.
Seit vier Jahren finden sich zunehmend Frauen unter den Radikalen.
Ein Viertel sind Konvertiten.
60 Prozent der Attentäter gehören der zweiten Einwanderergeneration an.
Sie stammen aus der Arbeiterklasse, manche hätten aber auch Diplom. "Sie haben Familie. Es ist also nicht soziale Entbehrungen, die sie in die Radikalität treiben."
Erst sind die Täter gut integriert, dann folgten kleinere Delikte, die Radikalisierung im Gefängnis und dann der Anschlag.
Sie haben gar kein oder kaum religiöses Wissen.

Diese Beobachtungen Roys werfen ein anderes Licht auf die Debatte über den Kampf gegen Terrorismus. Und darüber, wie sich Radikalisierung verhindern lässt. Natürlich ist ein solches Profil noch keine Erklärung. Aber eine Basis, aufgrund derer man nach Erklärungen suchen kann.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

(tb)

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