Eine Grafik zeigt, warum bei Bundestagswahlen die Gewinnerin zuletzt immer Merkel hieß

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MERKEL
Kanzlerin Angela Merkel nach dem TV-Duell mit Martin Schulz | Fabrizio Bensch / Reuters
Drucken
  • Deutschland ist ein Land der politischen Mitte
  • Das erklärt den Erfolg von Kanzlerin Angela Merkel
  • Doch es gibt Gründe, wieso die AfD trotzdem stark ist

Sie ist wieder da: die AfD. In der öffentlichen Debatte, in den Talkshows (wenn auch nicht immer bis zum Ende) und im Wahlkampf. Gefühlt dreht sich derzeit wieder alles um die rechten Populisten.

Seit Abebben der Flüchtlingskrise hat die Partei nicht mehr so viel Aufmerksamkeit bekommen. Den Umfragewerten der AfD tut das gut: Es scheint nicht ausgeschlossen, dass die junge Partei in knapp zweieinhalb Wochen die drittstärkste Kraft im Bundestag wird.

Deutschland hat ein Problem mit einer extremen Rechten. Das ist die scheinbar logische Schlussfolgerung. Doch eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt: Gerade im europäischen Vergleich ist die politische Mitte in Deutschland so stark wie nirgends sonst.

Extremismus ist in der Bundesrepublik demnach weiter ein absolutes Randphänomen. Acht von zehn Deutschen sind laut der Erhebung politisch gemäßigt.

Was verrät diese Zahl über den Ausgang der Bundestagswahl – und wie passt sie mit dem Erfolg der AfD zusammen?

Nirgendwo sonst sind die Rechten so schwach

Der britische "Guardian“ rückt aufgrund der Studie eine Frage in den Mittelpunkt: Wer schafft es bei der Wahl, "die Mitte zusammenzuhalten“? Das sei wahlentscheidend.

Nur 7 Prozent der Deutschen – die Macher der Studie hatten über 10.000 Menschen befragt – bezeichneten sich als politisch rechts, im EU-Durchschnitt waren es 17 Prozent.

Die Mitte hingegen ist in Deutschland so stark wie in keinem anderen europäischen Land: 36 Prozent gaben an, sie fühlten sich dem Mitte-Rechts-Spektrum zugehörig, 44 Prozent rechneten sich dem Mitte-Links-Spektrum zu. 13 Prozent bezeichneten sich als links.

Neben Union und SPD kämpfen auch die Grünen und die FDP vor allem um die Gunst dieser 80-Prozent-Mitte.

Am erfolgreichsten in diesem Kampf um die Mitte ist Kanzlerin Angela Merkel. Sie hat ihre Partei in den vergangenen Jahren dazu gebracht, konservative Positionen zu räumen. Der Erfolg, auch in den aktuellen Wahlumfragen, gibt ihr recht. Merkel kann damit auf ein riesiges Wählerpotenzial zurückgreifen - das ist gleichzeitig die Basis für ihren Erfolg.

Doch: Die AfD, die in Umfragen bei über 11 Prozent steht, scheint auch aus dem Pool der gemäßigten Wähler zu mobilisieren.

Deutsche bezeichnen sich ungern als "rechts"

Isabell Hoffmann, eine der Autoren der Bertelsmann-Studie erklärte dem "Guardian“, dass das Ergebnis der Studie wohl auch etwas mit den Wörtern "rechts" und "links" zu tun habe.

"Deutsche Wähler sind immer noch deutlich zurückhaltender, sich selbst als ‚links’ oder ‚rechts’ zu bezeichnen, als etwa die in Frankreich. Dort gehört es zum guten Ton, seine politische Meinung nach außen zu tragen", sagt Hoffmann.

Doch tatsächlich ist auch die Zufriedenheit der Befragten mit der Entwicklung in Deutschland erstaunlich hoch. Rund 60 Prozent der Deutschen gaben an, dass sich das Land "in die richtige Richtung“ entwickle.

Es sind wohl vor allem diese Wähler, um die die Union wirbt. So ist der CDU-Kampagnen-Slogan "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ eher ein Lob des Status quo, als die Skizze einer Zukunftsvision.

Die 44 Prozent Mitte-Links-Wähler sollten den Konservativen eigentlich Sorge bereiten. Traditionell würde man sie am ehesten bei der SPD verorten. Doch die hinkt in Umfragen fast 15 Prozentpunkte hinter der Union hinterher.

Merkel profitiert von Mitte-Links-Wählern

Sicherlich ein Grund: Angela Merkel. Das US-Magazin "Foreign Policy“ analysierte so zuletzt treffend, Merkel würde im Wahlkampf die SPD aus der Mitte der Gesellschaft drängen, indem sie ihre Ideen absorbiere. Ein Beispiel sei die Entscheidung zur Homo-Ehe gewesen.

"Merkels Taktik demobilisiert erfolgreich mögliche SPD-Wähler, die keinen zwingenden Grund mehr sehen, links zu wählen oder überhaupt zur Wahl zu gehen", schrieb "Foreign Policy“.

Von dieser Müdigkeit wiederrum könnte nun die AfD profitieren. Doch wie schafft die es, auch in der breiten gesellschaftlichen Mitte Unterstützer zu finden?

Wieso die AfD trotzdem so gefährlich ist

Ein Schlüssel dazu könnte das Thema Europa sein. Nur 28 Prozent der Deutschen sind laut Bertelsmann-Erhebung mit der Entwicklung der EU zufrieden. Die AfD versucht weiter, mit einem antieuropäischen und protektionistischen Kurs Stimmen zu gewinnen.

Jeder vierte gab sogar an, aus der EU austreten zu wollen. Zum Vergleich: In Polen, wo die Regierung im fortwährenden Clinch mit Brüssel liegt, befürworteten nur 21 Prozent der Menschen einen EU-Austritt.

Außerdem bemerkenswert: Viele Deutsche sind nicht damit zufrieden, wie die nationale Demokratie funktioniert. Fast vier von zehn Menschen zeigten sich unzufrieden. Im EU-Durchschnitt war es zwar sogar jeder zweite, dennoch ist der Wert auch in Deutschland beachtlich.

Auch wenn die Autoren der Studie das Ergebnis nicht weiter spezifizieren, könnte die Unzufriedenheit mit der Demokratie ein Anzeichen für die wachsende Elitenskepsis sein: Ein Phänomen, das in den USA Donald Trump zum Wahlsieg verholfen hatte.

Der schlug mit scharfen Attacken gegen die Washingtoner Politik-Elite, mit der sich viele Bürger nicht mehr identifizieren konnten, einen radikalen Anti-Establishment-Kurs ein.

Auch die AfD versucht, genau diese Ressentiments zu bedienen. Wenn Schulz und Merkel die Mitte "nicht zusammenhalten“, wie es der "Guardian“ nennt, könnte sie Erfolg haben.

Mehr zum Thema: Wie ungerecht ist Deutschland? Das sagen Experten und Betroffene:

Martin Schulz kämpft für soziale Gerechtigkeit - aber wie schlecht geht es Deutschland wirklich?

"Wir fühlen uns schuldig für unsere Armut" - was es bedeutet, in einer armen Familie zu leben

Wie gerecht geht es in Deutschland zu? Diese Zahlen zeigen es

Lieber Martin Schulz: Wenn Sie Gerechtigkeit wollen, müssen Sie diesen Millionen Menschen in Deutschland helfen

Eine Grafik zeigt die erschütternde Ungleichheit in den USA - sie muss auch den Deutschen eine Warnung sein

(ben)

Korrektur anregen