Merkel wird bei ihrem Auftritt in Finsterwalde von hunderten Menschen ausgebuht - Medien sind schockiert

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  • Hass und ohrenbetäubende Trillerpfeifen schlagen der Kanzlerin bei einem Wahlkampfauftritt im nordsächsischen Torgau entgegen
  • In den Medien und unter Politikern herrscht Entsetzen über die Vorfälle
  • Eindrücke des Auftritts seht ihr im Video

Schon bevor Angela Merkel auf dem Marktplatz im nordsächsischen Torgau ankommt, schreien sich die Anhänger von NPD und AfD warm - um dann die Kanzlerin während ihrer gesamten Rede niederzubrüllen.

Für die Kanzlerin war es am Mittwoch einer der schlimmsten Auftritte der bisherigen Wahlkampftour. Merkel zog ihre gut 30-minütige Rede unter anderem über Steuerpolitik, Anti-Terrorkampf und Bildungschancen aber unbeirrt durch - trotz "Buh"- und "Volksverräter"-Rufen. Auch "Abwählen" und "Hau ab" schrien die Merkel-Gegner.

"Merkels schlimmster Wahlkampftag"

Im brandenburgischen Finsterwalde wurde sie wenig später ebenfalls mit einem lauten Pfeifkonzert empfangen, das auch ihre gesamte Rede über andauerte.

In den Medien herrscht überwiegend Entsetzen über die Störenfriede.

"Im Fußball zählen Auswärtspunkte doppelt, für Angela Merkel kosten derzeit Wahlkampf-Auftritte im Osten mindestens dreifach Kraft", kommentiert die "Bild".

Die Demonstranten hätten eine "geschlossene Sicht auf die Welt, die für etablierte Politik nicht mehr erreichbar ist. Und für Angela Merkel schon gar nicht."

Matthias Meisner, politischer Korrespondent des "Tagesspiegel", schrieb auf Twitter, die Kanzlerin habe ihren "schlimmsten Wahlkampftag" erlebt.

Die "Frankfurter Rundschau" hingegen schreibt:

"Buh-Rufe, Pfiffe, Hassparolen: Wenn Angela Merkel in Torgau oder Finsterwalde auftritt, hat sie es nicht leicht. Aber sie kann sich trösten: Die rechten Dumpfköpfe sind ihr eine große Hilfe."

Deutschland erlebe eine Kanzlerin und Kandidatin, die sich dem Pfeifen souverän entgegenstellt. "Eine Verteidigerin des demokratischen und weltoffenen Deutschlands gegen Freiheitsverweigerer und Abschottungsfanatiker", kommentiert die Zeitung.

"Nur Radau und Krawall"

Gleich zu Beginn richtete Merkel in Torgau indirekt das Wort an die wütenden Protestierer.

Andere Länder würden sich freuen, "wenn sie unter so demokratischen Bedingungen demonstrieren könnten". Sie mahnte: "Und deshalb können wir dankbar sein, dass wir heute Demokratie haben in Deutschland und freie Wahlen. Andere Völker träumen davon."

Auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) ging ungewöhnlich deutlich und ohne Umschweife auf die Hasstiraden der schreienden Menge ein.

"Rechtsradikale unter AfD-Banner"

Diese Menschen seien nicht in der Lage, sich einer Debatte zu stellen, sondern machten "nur Radau und Krawall". Tillich: "Diese Republik wird nicht durch Brüllerei vorwärtskommen." Auch der örtliche Direktkandidat der CDU, Marian Wendt, wandte sich gegen die "Schreihälse" unter den nach Polizeiangaben 1200 Menschen auf dem Platz.

Auch Politiker reagierten auf den Wahlkampfauftritt.

CDU-Generalsekretär Peter Tauber schrieb auf Twitter: "Wenn man die Rechtsradikalen unter dem Banner der AfD auf unseren Veranstaltungen sieht, dann weiß man, wofür man kämpft."

Und die Bundeskanzlerin ließ nach ihrem Auftritt wissen, sie werde sich von den Protesten nicht unterkriegen lassen.

"Mir ist es wichtig, auch immer wieder dorthin zu fahren, wo ich nicht nur freundlich empfangen werde", sagte sie den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. "Viele Menschen, die sich den Trillerpfeifenkonzerten und den Sprechchören nicht anschließen, brauchen Ermutigung dafür, weiter Zivilcourage zu zeigen und dem Hass entgegenzutreten."

Sie sagte, gerade in ihrem Wahlkreis suche sie immer wieder das Gespräch mit Kritikern. "Aber wenn jemand nur noch pfeift und brüllt, dann kann man nicht mehr gut reden", sagte sie.

Schätzungen zufolge waren mehrere Hundert Merkel-Gegner auf der Veranstaltung.

Sie hupten, pfiffen und schrien rund um den Veranstaltungsplatz - auch in unmittelbarer Nähe zur Bühne. Insgesamt waren drei Gegendemonstrationen angemeldet. Die Alternative für Deutschland kam mit einem Bus in die Stadt an der Elbe, NPD-Anhänger hielten Plakate hoch. Auch die rechtsradikale Thügida aus Thüringen war mit einem Lautsprecherwagen vor Ort.

Mit Material von dpa

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(ben)

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