Der Zahlenkrieg: Forscher kritisiert viel beachtete Integrationsstudie der Bertelsmann-Stiftung heftig

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MUSLIMS GERMANY
Der Zahlenkrieg: Forscher kritisiert viel beachtete Integrationsstudie der Bertelsmann-Stiftung heftig | Wolfgang Rattay / Reuters
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  • Die Bertelsmann-Stiftung hat Ende August eine Studie zur Integration herausgegeben
  • Das Ergebnis: Muslime seien genauso oft erwerbstätig oder arbeitslos in Deutschland wie Nicht-Muslime
  • Doch die Zahlen werden von anderen Forschern heftig kritisiert

Manche nennen die Integration der Flüchtlinge eine Herkulesaufgabe, andere gar eine Jahrhundertaufgabe. Wie auch immer man sie bezeichnet: Die Herausforderung, vor der Deutschland steht, ist gewaltig.

Allein im vergangenen Jahr haben gut 722.000 Menschen einen ersten Asylantrag in Deutschland gestellt, darunter etwa eine halbe Million Muslime. Vor allem sie, so eine verbreitete Meinung, haben es schwer auf dem Arbeitsmarkt.

Der Erfolg auf der Jobsuche ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gelungene Integration, da sind sich Experten einig.

Arbeit oder nicht Arbeit - das ist eine der wichtigsten Fragen bei der Integration

Als Ende August die Bertelsmann-Stiftung ihren Religionsmonitor herausgegeben hat, war die Erleichterung in Wirtschaft und Politik deshalb groß.

Die Autoren präsentierten Zahlen, die vor allem eines zeigten: Muslime, die schon vor der Flüchtlingskrise angekommen sind, integrieren sich sehr gut in den deutschen Arbeitsmarkt. Sie seien genauso selten arbeitslos und genauso oft erwerbstätig wie Nicht-Muslime, so das Fazit der Studie.

Politiker von SPD und CDU und viele Medien (darunter auch die HuffPost) nahmen die Zahlen dankbar auf. Die SPD-Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz freute sich, dass die Integration von Muslimen "viel besser" sei als ihr Ruf.

Alles gut also? Mitnichten.

Heftige Kritik: Die Studie soll wichtige Erkenntnisse ignorieren

Denn jetzt gibt es heftige Kritik an der Studie der Stiftung. Der Vorwurf: Sie färbe die Situation schön und verschleiere die Fakten.

Die Diskussion ist komplex. Sie stützt sich auf Studien, deren Zahlen schlecht vergleichbar sind. Und dennoch lohnt es sich, genau auf die Debatte zu blicken. Denn es ist auch ein Streit darum, wie gut Deutschland für die Zukunft gerüstet ist.

Der Wortführer der Bertelsmann-Kritiker ist Ruud Koopmans, er arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und an der Berliner Humboldt-Universität.

Forscher hält die Daten zu Arbeitslosigkeit für nicht plausibel

Koopmans ist für seine Haltung bekannt, Zuwanderer müssten sich der Kultur in ihrer neuen Heimat anpassen. Für seine Ansicht wird Koopmans teils scharf kritisiert.

Das ändert aber nichts daran, dass man seine Argumente und die anderer Kritiker diskutieren muss. Vereinfacht ausgedrückt lauten sie so:

Laut mehreren wichtigen Studien sind Muslime bei Weitem nicht so gut in den Arbeitsmarkt integriert, wie es die Bertelsmann-Autoren behaupten.

Diesen Widerspruch hätten die Autoren zumindest ansprechen müssen, findet Koopmans. Er vermutet eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit.

Und er unterstellt arbeitgebernahen politischen Stiftungen: Arbeitgeber spielten die Herausforderungen von Einwanderung herunter, weil sie von billigen Arbeitskräften profitieren.

Arbeitgebernahe Stiftungen in der Kritik

Koopmans sagt, es falle auf, "dass die Studien arbeitgebernaher Stiftungen wie Bertelsmann, Mercator, Hertie und des von solchen Stiftungen finanzierten Sachverständigenrats Migration der Einwanderung auffallend positiv gegenüber stehen." Es sei "naiv zu denken, dass der Auftraggeber keine Rolle spielt".

Der Migrationsforscher fühlt sich an die 60er- und 70er-Jahre erinnert. Damals hätten die Arbeitgeber auch für Migration geworben – um später, als sie die Arbeitskräfte nicht mehr brauchten, die Last auf die Gesellschaft abzuwälzen.

Die Bertelsmann-Stiftung wurde von Reinhard Mohn gegründet, dem Gründer des Medienimperiums Bertelsmann. Die Stiftung hält noch heute große Anteile am Bertelsmann-Konzern.

Vor einigen Jahren schrieb der Journalist Thomas Schuler in einem Buch zum Thema, diese Stiftung versuche wie keine andere, Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen. Mit der Intention, weniger Staat und mehr Wettbewerb zu erreichen, schiebe sie unzählige Forschungsprojekte an.

Kritiker der aktuellen Bertelsmann-Studie stützen ihre Argumente auf Ergebnisse anderer Studien.

1. Das sozioökonomische Panel des IW-Köln

Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zitiert zum Beispiel die sogenannten Soep-Daten. Die ergeben seiner Ansicht nach ein "diametral anderes Bild" als die der Bertelsmann-Stiftung.

Laut dem sozioökonomischen Panel gelten...
17 Prozent der Muslime als arbeitslos.
63 Prozent arbeiten Voll- oder Teilzeit oder selbstständig.
19 Prozent sind nicht erwerbstätig*.

In allen drei Punkten schneiden Muslime schlechter ab als in der Bertelsmann-Studie. Die hatte behauptet, dass...
5 Prozent der Muslime arbeitslos sind.
80 Prozent in Voll- oder Teilzeit arbeiten.
14 Prozent nicht erwerbstätig sind.

2. Die Zahlen des Bundesamtes für Migration (Bamf)

Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat sich 2009 die Integration in den Arbeitsmarkt bestimmter Gruppen von Muslimen angesehen. Das waren die Ergebnisse:

88 Prozent der männlichen Muslime aus Südosteuropa sind erwerbstätig.*
83 Prozent der männlichen Muslime aus der Türkei sind erwerbstätig.*

Bis dahin passen die Daten zur Bertelsmann-Studie. Wenn man aber auf die Zahlen der Frauen blickt, ergibt sich ein anderes Bild. Denn nur etwa die Hälfte von ihnen geht arbeiten, und viele sind Hausfrauen:

Muslimas aus Südosteuropa und der Türkei sind nur zu rund 50 Prozent erwerbstätig.*

Zusammengerechnet, sagt Koopmans, deute das darauf hin, dass die Daten der Bertelsmann-Studie viel zu positiv ausfallen.

3. Die Daten der Bundesagentur für Arbeit

Koopmans zieht für seine Kritik auch die offiziellen Statistiken der Arbeitsagenturen heran. Zwar erheben diese keine direkt mit der Bertelsmann-Studie vergleichbaren Daten. Dennoch deuteten die Zahlen laut Koopmans auf eine erhebliche Differenz zu den Ergebnissen der Bertelsmann-Stiftung hin.

Denn laut der Bundesagentur für Arbeit haben 43 Prozent der rund 2,5 Millionen Arbeitslosen in Deutschland Migrationshintergrund.

Türken, überwiegend Muslime, stellen die größte Einwanderergruppe und haben laut Studien besondere Probleme auf dem Arbeitsmarkt.

Außerdem vertritt Koopmans die These, dass sich Muslime bei der Integration wegen ihrer Religion besonders schwer tun. Er spricht von “Wertekonflikten mit der säkularen Gesellschaft".

Wenn die Bertelsmann-Stiftung nun behaupte, nur 5 Prozent der Muslime seien arbeitslos, etwa so viele wie Nicht-Muslime, sei das unwahrscheinlich.

Koopmans hält Bertelsmann-Ergebnisse für "nicht repräsentativ"

Koopmans sagt daher: Die bekannten Fakten würden in der Bertelsmann-Studie "völlig ignoriert". "Wenn man solche Ergebnisse in einer Befragung erhält, muss man sie hinterfragen. Alles andere ist nicht seriös. Und nicht repräsentativ." Er fordert, die Studien-Autoren hätten zumindest auf die Widersprüche hinweisen müssen.

Klar ist: Die Bertelsmann-Ergebnisse stehen auch im Widerspruch zu dem, was Koopmans in den vergangenen Jahren publiziert hat, zu dem Tenor, der aus seinen Interviews hervorgeht. Insofern hat auch er ein Interesse daran, die Bertelsmann-Zahlen in Zweifel zu ziehen. Dennoch weist er zurecht auf Ungereimtheiten in der Bertelsmann-Studie hin.

Und Koopmans argumentiert durchaus nachvollziehbar: "Dem Integrationsinteresse von Muslimen ist nicht gedient, wenn man wegschaut. So findet man keine Lösungen. Die Leidtragenden der in Teilen gescheiterten Integration in diesem Land sind die Muslime selbst."

Bertelsmann weist Vorwürfe zurück

Die Bertelsmann-Stiftung allerdings will von seinen Einwänden nichts wissen.

Yasemin El-Menouar, Projektleiterin der Bertelsmann-Studie, weist die Vorwürfe zurück. "Wir haben selbst nicht erwartet, dass sich die Zahlen zur Erwerbsbeteiligung zwischen Muslimen und der restlichen Bevölkerung soweit angeglichen haben", sagt sie der HuffPost und verweist auf ein Netzwerk renommierter Forscher, das die Studie erstellt habe. "Wir sind eine unabhängige Stiftung und forschen selbstverständlich ergebnisoffen."

"Es geht uns nicht darum, etwas schönzureden, sondern besser zu verstehen, wie Integration gelingen kann", sagt El-Menouar.

Was Deutschland aus dem Streit lernen muss

Zu welchem Schluss auch immer man angesichts dieser Diskussion kommen mag – sie zeigt ein Problem:

Wie sollen wir Schlüsse aus den Daten ziehen, die die Zukunft Deutschlands prägen werden, wenn schon die Datenbasis umstritten ist?

Wissenschaftler täten gut daran, mögliche Widersprüche selbst zu thematisieren. Und Medien und Politik wären gut beraten, sich die Zeit zu nehmen, genau hinzuschauen.

Auch so wird die Integration der Flüchtlinge eine Herkulesaufgabe bleiben.

* In den Originaldaten sind Menschen in Ausbildung berücksichtigt. Zur besseren Vergleichbarkeit mit der Bertelsmann-Studie wurden sie hier herausgerechnet.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

(ll)

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