Liebe Werbemacher von Sixt, eure neue Kampagne ist einfach nur geschmacklos

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Einfach nur geschmacklos: die neue "Sixt"-Werbung | Screenshot/Sixt
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  • Früher war der Autovermieter Sixt bekannt für originelle und lustige Werbung
  • Der aktuelle Spot ist allerdings einfach nur geschmacklos

Liebe Werbemacher von Sixt,

bisher wart ihr für mich eines der Unternehmen, das verstanden hat, wie gute Werbung sein muss: originell, überraschend, im besten Fall lustig.

Immer wieder habt ihr in der Vergangenheit aktuelle Begebenheiten aufgegriffen und daraus kreative Ideen entwickelt. Zum Beispiel, als ihr einen Zweisitzer ein bisschen böse mit den Worten "Mehr Sitze als die FDP" beworben habt.

Oder als ihr für einen Sixt-Umzugswagen geworben habt - mit dem Satz: "Für alle, die einen Gauland in der Nachbarschaft haben". Und damit den AfD-Politiker Alexander Gauland verspottet habt, der behauptet hatte, Deutsche wollten nicht neben dem Fußballer Jérôme Boateng wohnen.

Ich habe darüber gelacht.

Über euren neuesten Werbespot kann ich allerdings nicht lachen.

Der Spot fängt so an, wie jeder Spot anfängt, dessen Machern nichts Besseres eingefallen ist: mit halb-nackten Frauenhintern.

Das Schlimme ist, was nach den Frauenhintern kommt

Frauen gehen in knappen Bikini-Höschen ins Wasser und reiben sich den Hintern mit Sand ein. Ähm ja, genau das mache ich auch immer am Strand. Als Frau habt Ihr mich definitiv schon jetzt für euer Produkt begeistert - einen angeblich günstigen Mietwagen für den Urlaub.

Aber im Ernst: Wenn ihr meint, im Jahr 2017 mit nackten Frauenhintern in der Werbung immer noch Aufsehen zu erregen und modern zu sein - bitte. Ist jetzt nicht so, dass ihr damit die Einzigen wäret.

Das ist es nicht, was mich schockiert hat. Sondern das, was danach kommt.

Ihr stempelt Frauen wortwörtlich ab

Nach all den durchtrainierten, sandigen Hintern von schlanken Frauen ist auf einmal eine deutlich übergewichtige Frau zu sehen. Damit der Kontrast schlanke Frauen, dicke Frau auch ganz sicher jedem auffällt, blendet ihr einen gelben Stempel mit dem Wort "Pfui!" auf der Frau ein.

sixt

Credit: Screenshot/Sixt

Anschließend zeigt ihr auch noch kurz einen Mann - damit jetzt auch der minderbemitteltste Zuschauer verstanden hat, dass sich diese Werbung an Männer richtet - die eurer Meinung nach natürlich auf dünne Frauen stehen und nicht auf Dicke. Die sind pfui.

"Pfui!" sagen Herrchen und Frauchen übrigens zu ihren Hunden, wenn diese eklige Dinge fressen wollen, die leider manchmal auf den Gehwegen herumliegen: Kot, Müll oder Kotze. Nur mal so zum Vergleich.

Ihr sagt das nämlich nicht über Kot, Müll oder Kotze - sondern über eine Frau.

Ich frage mich, wie so etwas entstehen kann, wie es gewesen sein muss, als die Idee gepitcht, also den Zuständigen präsentiert wurde. Ob da drei frustrierte Single-Männer aufgeregt zitternd vor ihren Power-Point-Folien standen und sich nur mit dem Gedanken an sandige Frauenhintern beruhigen konnten.

Denn sie waren kurz vor dem Höhepunkt ihrer Werbespot-Vorstellung. "Jetzt passt auf", müssen sie gesagt haben, "Hier, hier an dieser Stelle, auf der Fetten, da blenden wir..." - Spannungsbogen, neue Power-Point-Folie - "'PFUI' ein!"

Und dann haben alle gejohlt und sich auf die Schenkel geklopft und sich die dicken Bäuche gehalten vor Lachen und der Chef hat sich die Tränen aus den Augenwinkeln gewischt und immer wieder japsend "Pfui...hahaha...pfui..hahaha" und "Jungs, ihr seid genial! Das nehmen wir!" gerufen.

77 Prozent der 11 bis 15-Jährigen fühlen sich zu dick

So oder so ähnlich muss es sich abgespielt haben. Und ihr habt euch innerlich selbst gefeiert für eure Idee - die streng genommen übrigens auch noch 16 Jahre alt ist und schon damals nicht lustig war.

Aber nicht einen Gedanken habt Ihr daran verschwendet, dass nicht nur alte Herren mit mäßigem Humor, sondern auch Frauen euren Werbespot sehen. Die wenigsten Frauen werden über diesen Werbespot lachen, und zwar ganz egal, ob sie einen schlanken oder einen übergewichtigen Körper haben.

Es gibt Menschen, die sich deshalb umbringen

Denn kein Körper ist perfekt - und es gibt genug Frauen (und übrigens auch Männer), die deshalb Komplexe haben. Es gibt sogar Frauen und Männer, die sich deshalb umbringen.

Dass Essstörungen gerade unter Frauen weit verbreitet sind und dickere Frauen vermehrt psychische Probleme entwickeln, dürfte auch schon zu euch durchgedrungen sein.

Schon 77 Prozent der Mädchen zwischen elf und fünfzehn Jahren fühlen sich zu dick - auch dann, wenn sie objektiv betrachtet dünn sind , wie eine Studie der MHAT (Mental Health in Austrian Teenagers) ergeben hat. Fast 19 Prozent von ihnen haben deshalb psychische Probleme.

Ihr zeigt ganz deutlich, was ihr von Frauenkörpern haltet

Frauen, die wirklich übergewichtig sind, werden außerdem vermehrt psychisch krank, weil sie oft regelrecht dafür geächtet werden, wie Leipziger Forscher herausgefunden haben. So wie von euch zum Beispiel.

Gut, dass ihr diesen Frauen noch einmal ganz deutlich zeigt, was von ihren Körpern zu halten ist: "PFUI!"

Schön auch, dass bei Sixt nur durchtrainierte, perfekt aussehende Menschen arbeiten - und wenn doch nicht: Dann hängt dem Kollegen mit dem dicken Hintern doch einfach ein Schild mit "Pfui!" um den Hals. Er würde sich bestimmt nicht gedemütigt, bloßgestellt oder wie ein Objekt fühlen.

Es wäre einfach nur total witzig. Oder etwa nicht?

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(ll/ks)

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