Werden Nordkorea oder Donald Trump einen Atomkrieg riskieren? Vier Experten geben Antworten

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KIM JONG UN
Werden Nordkorea oder Donald Trump einen Atomkrieg riskieren? Vier Experten geben Antworten | KCNA KCNA / Reuters
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  • Raketenabschüsse, Atomtests, Drohgebärden: Nordkorea provoziert einen Konflikt mit den USA
  • US-Präsident Donald Trump lässt das zu - er droht und wütet in Richtung des Kim-Regimes
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass aus dem Schlagabtausch ein Atomkrieg wird? Vier Experten geben Antworten

Donald Trump und Kim Jong-un werfen sich Drohungen und Beleidigungen an den Kopf - und die Welt schaut entsetzt zu.

Erst vor wenigen Wochen drohte der US-Präsident Nordkorea mit “Feuer und Zorn, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat”. Als Antwort erhielt er vom Kim-Regime das Versprechen, dass ein “allumhüllendes Feuer” die US-Pazifikinsel Guam verschlingen werde.

Seitdem eskaliert der Konflikt zwischen den beiden Ländern zunehmend. Höhepunkt war zuletzt Nordkoreas sechster - und größter - Atomtest.

Die britische Ausgabe der HuffPost hat vier Experten gefragt, um Antworten auf die Frage zu finden, die viele Menschen auf der Welt derzeit beschäftigt: Werden Kim oder Trump einen Atomkrieg auslösen?

Die Experten sind sich einig: Keiner der beiden wird mit Absicht in den Krieg ziehen - doch das heißt nicht, dass es aus Versehen nicht doch passieren könnte.

Diese vier Experten hat die HuffPost befragt:

Mark Seddon, Redenschreiber des ehemaligen UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon und Professor für Internationale Beziehungen an der University of Columbia

Tom Plant, Direktor am Londoner Institute for Defence and Security Studies im Bereich Proliferation und Nuklearpolitik

John Nilsson-Wright, Dozent für Japan-, Asien- und Nahost-Studien an der University of Cambridge

James Hoare, Forscher im Bereich Japan und Korea am Department of East Asian Languages and Culture

Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zur Nordkorea-Krise:

Wie groß ist die Chance, dass ein Nuklearkrieg ausbricht?

Mark Seddon:

Das Risiko eines Krieges ist groß, wenn irgendeine unerwartete oder ungeplante Provokation von einer der beiden Seiten kommt. Besonders, wenn diese Provokation in der entmilitarisierten Zone zwischen Süd- und Nordkorea stattfinden würde.

Tom Plant:

Die Situation in Korea könnte tatsächlich in einen Krieg umschlagen - doch das ist sehr unwahrscheinlich. Es bräuchte eine klare Entscheidung - oder einen Unfall.

John Nilsson-Wright:

Am Ende werden Verhandlungen und Dialog nötig sein, um die Korea-Krise zu entschärfen. Wenn nicht alle Seiten miteinander reden, könnte der Konflikt allein deshalb eskalieren, weil es mit der Zeit zu immer mehr Missverständnissen kommt.

Wie gefährlich ist die Lage in dem Konflikt wirklich?

Mark Seddon:

Die Situation ist so unvorhersehbar und gefährlich wie noch zu keiner Zeit seit dem Koreakrieg in den 1950er-Jahren. Sowohl Kim Jong-un als auch Donald Trump sind unberechenbare Staatschefs.

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Kim Jong-un inspiziert eine mutmaßliche Wasserstoffbombe

Der größte Unterschied zwischen dem neusten Atomtest Nordkoreas und jenen zuvor ist, dass das Regime diesmal eine Wasserstoffbombe getestet hat.

Nordkorea behauptet, diese sei von dem Land selbst hergestellt worden und habe eine Sprengkraft von mehreren zehntausend Kilotonnen. Zum Vergleich: Die Atombombe, die auf die japanische Stadt Hiroshima niederging, hatte eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen.

Wie könnte es zu einem versehentlichen Kriegsausbruch kommen?

Tom Plant:

Einige der militärischen Optionen, über die die USA gerade nachdenken, könnten uns in eine sehr gefährliche Lage bringen. Wenn die Vereinigten Staaten sich zu einer Attacke auf Nordkorea hinreißen lassen, so wie es Trump mit seinem Raketenschlag gegen Syrien tat, dann würde Pjöngjang mit Sicherheit darauf antworten.

Nordkorea müsste zurückschlagen - denn sonst würde seine Drohgebärden dramatisch an Wirkung verlieren. Das könnte zu einer Eskalationsspirale führen, bei der jede Seite die andere missversteht und die zu einem Krieg führen könnte. Weder die USA noch Nordkorea würden das wollen - doch es bleibt eine ernstzunehmende Möglichkeit.

John Nilsson-Wright:

Donald Trumps Impulsivität und seine dünne Haut sind angesichts von Kim Jong-uns Provokationen eine Quelle der Unsicherheit. Trumps Drohungen, das Militär gegen Nordkorea einzusetzen, sind derweil nicht ernst zu nehmen: Die menschlichen Verluste wären zu groß.

Die Hoffnung ist, dass Trumps Berater in der Lage sind, den US-Präsidenten von militärischen Lösungen abzubringen. Doch am Ende entscheidet Trump allein - und wir können nicht ausschließen, dass er einen Präventivschlag gegen Nordkorea befehlen wird.

Warum verhält sich Nordkorea so aggressiv?

Mark Seddon:

Die letzten Raketentests Nordkoreas sind ein Hinweis darauf, dass das Regime bereit ist, alle Möglichkeiten bis auf einen offenen Konflikt auszureizen. Kim Jong-un hat gedroht, eine Rakete auf Guam zu feuern - doch stattdessen flog sie über Japan.

Der aktuelle Nukleartest ist jedoch besonders ernst zu nehmen: Er soll da Signal senden, dass Nordkorea wie eine Atommacht behandelt werden soll. Das Regime will den USA auf Augenhöhe begegnen. Dass es zu solchen Gesprächen kommt, ist aber unwahrscheinlich.

John Nilsson-Wright:

Kim Jong-un ist ein vernünftiger Diktator. Obwohl er keine Risiken scheut, wird er sicherlich nicht seine Nachbarn oder die USA angreifen. Sein primäres Ziel ist es, ein Level nuklearer Abschreckung zu erreichen, das genügt, um die USA von einem Angriff auf Nordkorea abzuhalten.

Die jüngsten Tests sind auch ein Mittel Kims, seinen Rückhalt in der Heimat zu sichern. Er hat seinem Volk versprochen, die nordkoreanische Militärmacht zu vergrößern - und er tut dies massiv. Hinzu kommt, dass der Diktator durch seine Provokationen Trump lächerlich machen will. Er zeigt: Ich lasse mich von deinem "Feuer und Zorn" nicht einschüchtern.

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Beim Thema Nordkorea ist Donald Trump unberechenbar

In welche Richtung wird sich der Konflikt also entwickeln?

James Hoare:

Auf gewisse Weise war die Bedrohung eines Krieges auf der koreanischen Halbinsel schon immer gegeben. Seit 1990 erkennt der Norden den Waffenstillstand mit dem Süden nicht mehr an. Dennoch ist es nie zu einem Kriegsausbruch gekommen

Das bedeutet natürlich nicht, dass sich das nicht ändern könnte. Doch Koreas Geschichte zeigt, dass kritische Situationen immer wieder entschärft werden konnten.

Derzeit wird die Stimmung durch die USA und Nordkorea angeheizt. Was das Kim-Regime angeht, sind wir das gewohnt. Doch wenn es um Präsident Trump geht, dann wird es schwierig.

Sollte er einen Militärschlag gegen Nordkorea befehlen, dann müssten vor allem Japan und Südkorea das ausbaden. Als Bill Clinton Anfang der 1990er über eine Attacke auf Nordkorea nachdachte, kam er zu dem Schluss, dass der Verlust von Leben und die Zerstörung zu groß wären.

Diese Gefahren sind heute noch größer. Gerade deshalb tun alle Seiten gut daran, weiter einem diplomatischem Ansatz nachzugehen

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(ll)

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