Lange schämte sie sich für ihr Aussehen - jetzt genießt sie es, wenn man sich nach ihr umdreht

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Sie trägt einen knalligen Turban, makelloses Make-Up und einen perfekt gepflegten Bart. Harnaam Kaur hat sich daran gewöhnt, dass sie angestarrt wird. Als wir uns treffen, fesselt mich aber vielmehr ihre herzliche Persönlichkeit, das ansteckende Lachen und ihr ausgeprägter Slough-Akzent (Slough ist eine Stadt im Süden Englands, Anm.d.Red.).

Die 26-Jährige, auch "bärtige Lady" genannt, leidet seit der Pubertät unter einer seltenen Krankheit. Bei ihr haben Ärzte das "polizystische Ovar-Syndrom" diagnostiziert, durch das ihr seit der Jugend ein Bart wächst.

Die vergangenen Jahre hat sie damit verbracht, die Krankheit bekannt zu machen - und arbeitete auch bei einer Anti-Mobbing-Kampagne. Inzwischen setzt sie sich mit ihrer Marke "Treasures Within" für Selbstliebe ein.

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Kaur glaubt: Selbstliebe kann alles verändern. Sie ist sogar der Meinung, Selbstliebe könnte "Kriege beenden".

Die HuffPost UK hat sich im Rahmen ihrer "Fierce"-Reihe mit Kaur auf dem "Treasures Within #LoveThySelf Event" getroffen.

HuffPost: Was lässt dich morgens aufstehen und was treibt dich an?

Kaur: Wir haben alle eine Bestimmung im Leben - und ich glaube meine Bestimmung ist es, eine Aktivistin zu sein. Das ist meine Antriebskraft. Was mich auch antreibt, ist zu wissen, dass ich wirklich das Leben von anderen Menschen verändere. Viele Frauen erzählen mir, dass ich das Vorbild ihrer Tochter bin. Aber auch zu wissen, dass ich jemandem geholfen habe, sich nicht das Leben zu nehmen. Solche Nachrichten zu bekommen ist einfach gewaltig.

Und so klischeehaft das klingen mag: Meine Hater motivieren mich auch sehr. Durch sie erkenne ich immer wieder, dass es einfach zu wenig Verständnis für meine Krankheit und das Anderssein gibt. Genau wegen dieser Ignoranz will ich weitermachen und die Leute darüber aufklären.

Worauf warst du als Letztes stolz?

"Auf das hier (das #LoveThySelf Event, Anm.d.Red.). Es gibt so viele Menschen, die sich selbst nicht lieben und so viele Menschen, die so viele schwere Zeiten durchleben müssen. Ich wollte eine Möglichkeit finden, bei der Menschen einfach reden können - ich habe eine Plattform für andere geschaffen, bei der jeder seine Meinung sagen darf.

Ich besuche verschiedene Orte wie Jugendhäuser oder Universitäten, um das Selbstvertrauen zum eigenen Körper zu bestärken - ich rede aber auch über Mobbing. Ich mag es sehr, Events wie diese zu veranstalten. Hier habe ich die Möglichkeit, über diese wundervollen Dinge zu sprechen.

Wer ist deine Inspiration und wieso?

Ich habe keine Inspiration und ich habe kein Vorbild. Ich mag es, unterschiedlichen Menschen zu begegnen und etwas von ihrer Erfahrung und ihrem Leben für mich mitzunehmen. Ich nehme mir die Inspirationen und Werte von ihren Geschichten.

Ich habe niemanden, zu dem ich aufsehe, abgesehen von mir - wenn das Sinn ergibt. Ich schaue auf die Person, die ich gestern noch war und versuche, mich jeden Tag zu verbessern so gut wie ich kann.

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Wie werden erfolgreiche und ehrgeizige Frauen deiner Meinung nach von der Gesellschaft wahrgenommen?

Ich glaube, es gibt einen Teil der Gesellschaft, der es ziemlich gut findet, wenn Frauen selbstbewusst sind. Aber genau so gibt es auch einen anderen Teil, der sich davon bedroht fühlt, wenn Frauen stark sind.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Viele Menschen fühlen sich von mir und meiner Einstellung bedroht. Ich bin eine indische Frau, ich trage einen Turban, ich habe einen Bart. Ich vermittle zwar eine starkes Image aber die Menschen vergessen oft, dass ich trotzdem Angst habe. Ich bin sehr offen, ich spreche über alles und ich schrecke vor nichts zurück.

Durch die feministische Bewegung fühlen sich viele Frauen bestärkt sie selbst zu sein und ihr Leben so zu gestalten wie sie es wollen.

Hat dein Erfolg auch einen Nachteil für dich?

Ich denke schon. Je erfolgreicher du wirst d und je mehr du in der Öffentlichkeit stehst, desto mehr Angriffsfläche gibt es -
besonders durch soziale Medien.

Aber es kommt sowieso darauf an, was man als Erfolg bezeichnet. Jemand könnte auch was Armseliges machen und würde es trotzdem als Erfolg einordnen.

Für mich heißt das aber, dass du etwas Positives bewirkst, jemand anderem ein gutes Gefühl vermittelt oder ihr Leben bereicherst.

Mach es einfach, aber sei dir im Klaren, dass es immer Menschen gibt, die dich hassen für das, was du tust.

Warum ist es wichtig, sich um sich selbst zu kümmern und wie machst du das?

Das kommt ganz darauf an, manchmal ist es nur ein entspanntes Bad oder ich mache mir einfach die Nägel. Die einfachen Dinge machen mir Freude. Sei es einfach nur alleine einen Film gucken, alleine kochen oder mich schminken.

Ich liebe es spazieren zu gehen, das wirkt therapeutisch. Wir verschwenden so viel Zeit mit unserem Besitz, dass wir vergessen, wie viel Kraft wir haben. Dabei müssen wir uns selbst und unsere Gesundheit als Priorität setzen.

Was bereust du am meisten? Was hast du davon gelernt?

Ich finde, ich habe Fehler gemacht, aber ich bereue nichts. Ich habe die falschen Menschen zur falschen Zeit an mich ran gelassen. Du weißt nie, was sie für Absichten haben.

Davon habe ich aber gelernt und jetzt weiß ich, wer meine richtigen Freunde sind und genau das auch brauche. Du brauchst Menschen um dich herum, die dich dazu bringen dein Bestes zu geben.

Was ist dein Ratschlag für andere Frauen?

Liebe dich selbst, los! Liebe dich einfach selbst! Das ist das Schönste und Befriedigendste, das du machen kannst. Es ist aber auch das Schwierigste, besonders für jemanden, der sich jahrelang selbst nicht leiden konnte.

Man kann sich mit Meditation oder positiver Bestätigung davon lösen. Das passiert aber nicht von heute auf morgen. Ich habe Jahre dafür gebraucht und ich bin immer noch nicht da angekommen, wo ich sein will. Aber sobald man das Gefühl gefunden hat, überwältigt einen die Befreiung.

Was würdest du in diesem Jahr ändern wollen, um Frauen voran zu bringen?

Frauen müssen aufhören, gegeneinander zu kämpfen. Aber nicht nur gegen andere Frauen, sondern auch gegen sich selbst. Ehrlich gesagt glaube ich, dass Selbstliebe sogar so stark ist, dass sie Kriege beenden könnte.

Wenn wir das in uns verankern könnten und anderen helfen würden, sich selbst zu lieben, würde sich die ganze Welt komplett ändern. Daran glaube ich wirklich.

Harnaam Kaur hat mit der HuffPost UK beim Treasures Within #LoveThySelf Event gesprochen, das bei Lush UK stattgefunden hat.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der HuffPost UK und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.

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(lk)

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