"Auch Wutbürger können zuhören": Grünen-Politiker Janecek macht Wahlkampf für die AfD

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JANECEK
"Auch Wutbürger können zuhören": Grünen-Politiker Janecek macht Wahlkampf für die AfD | BR
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  • Für den Bayrischen Rundfunk hat Grünen-Politiker Dieter Janecek einen Tag lang Wahlkampf für die AfD gemacht
  • Er wollte wissen, wie man den Rechtspopulisten am besten begegnet - und erhielt Antworten

Es war ein Experiment, das es so noch nie gab: Der Münchner Grünen-Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek wechselte für einen Tag die Seiten.

Acht Stunden stellte er sich an den Wahlkampfstand des AfD-Bundestagskandidaten Martin Sichert, der wiederum Janeceks Platz einnahm.

Janecek verteilte Flyer gegen Rundfunkgebühren und unterhielt sich mit der Basis der Partei, die derzeit wegen rassistischer Äußerungen ihrer Spitzenkandidaten massiv in der Kritik steht.

Der Bayrische Rundfunk filmte die Tortur, die sich in Ausschnitten bereits hier ansehen lässt. Der Sender veranstaltet mit allen Parteien einen "Parteientausch" - CSU und Linke, SPD und FDP und eben Grüne und AfD.

Warum Janecek mitmachte?

"Ich will, dass wir Wähler zurückgewinnen - oder zumindest verstehen, warum sie zu einer Partei gehen, deren DNA im Grunde rassistisch ist", sagt Janecek im Gespräch mit der HuffPost. "Auch Wutbürger können zuhören, zumindest einige."

Es ist noch gar nicht so lange her, da weigerten sich Politiker anderer Parteien, überhaupt mit Vertretern der AfD zu reden.

Dass aber ein Politiker für einen Tag die Seiten wechselt - und dann auch noch ein Grüner -, "das geht eigentlich gar nicht", wie Janecek selbst sagt.

"Die Partei lebt vom Opfermythos"

Wer aber die Wähler zurückgewinnen wolle, müsse nicht nur mit ihnen reden - sondern ihnen auch mit Respekt begegnen.

Die Wähler, mit denen er sprach, hatten im Grunde etwas gemein: "Sie fühlten sich von ihren Freunden, Bekannten und ihrer Familie ausgegrenzt, weil sie AfD wählen", sagt Janecek.

“Die Partei lebt von diesem Opfermythos: Gesellschaft, Politiker, Medien - man sieht sich als einziger Kämpfer gegen ein System, das einem Böses will.”

Wer diesen Menschen mit Respekt begegne, entziehe der “AfD ihre Lebensgrundlage”. Deswegen spricht Janecek sich dafür aus, den Dialog zu suchen - anstatt zu verurteilen. "Da muss man sich zwangsläufig auf eine Partei einlassen, die einem zuwider ist. Aber es lohnt sich, wie ich erfahren habe", sagt er.

Das ganze Gespräch lest ihr hier:

Herr Janecek, Sie haben für einen Tag Wahlkampf für die AfD gemacht. Eine Tortur?

Von den acht Stunden, wo ich vor Ort war, haben wir sieben Stunden teils sehr heftig ​diskutiert und gestritten. Man sieht im Film, glaube ich, ganz gut, wie sich mir mehrmals mein Magen umdreht. Aber im Ernst: Die Gespräche mit den AfD-Anhängern waren nicht leicht.

Worüber haben Sie gesprochen?

Ich habe mit einem schwulen Mann diskutiert, der die Ehe für alle ablehnt. Mit einer Frau, die Flüchtlinge für Serien-Vergewaltiger hält. Oder einem Mann, der auf das System schimpfte. Aber am Ende ging es nicht um mein persönliches Wohlbefinden - sondern darum, etwas zu erreichen.

Was wollten Sie erreichen?

Ich will, dass wir Wähler zurückgewinnen - oder zumindest verstehen, warum sie zu einer Partei gehen, deren DNA im Grunde rassistisch ist. Die alles Fremde ablehnt.

Sind Sie nun schlauer?

Ja. In der Parteiführung sitzen kühl kalkulierende Rassisten - an der Basis ist das Bild vielfältiger. Da finden sich Menschen mit eingefleischtem rassistischen, xenophoben Weltbild. Und Menschen, bei denen das nicht zwangsläufig so ist. Und die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, hatten im Grunde alles etwas gemein: Sie fühlten sich ausgegrenzt.

Von wem?

Von ihren Freunden, Bekannten und ihrer Familie, weil sie AfD wählen. Die Partei lebt von diesem Opfermythos: Gesellschaft, Politiker, Medien - man sieht sich als einziger Kämpfer gegen ein System, das einem Böses will.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Das beste Mittel dagegen ist, den Leuten mit Respekt zu begegnen. Damit entzieht man der AfD ihre Lebensgrundlage. Und deswegen haben ich mich auch auf dieses Experiment eingelassen.

Wie haben die Leute auf Sie reagiert?

Einige waren sauer, viele waren überrascht - und am Ende sogar dankbar, dass ich mich mit ihnen auf Augenhöhe unterhalten habe. In der AfD-Welt ist ein Grüner der Hauptfeind.

Sie haben sich also zu erkennen gegeben?

Ja, klar. Alles andere hätte ich auch nicht mit mir vereinbaren können. Ich habe zwar AfD-Flyer gegen Rundfunkgebühren verteilt - aber dagegen zu argumentieren, wollte ich dann doch nicht.

Wie haben Ihre Parteifreunde auf das Experiment reagiert?

Mir war bewusst, dass es eine sehr heikle Art der Auseinandersetzung ist. Ein Grüner und die AfD, das geht eigentlich gar nicht. Einige reagierten positiv, es gab aber auch Kritik, die ich auch gut nachvollziehen kann. Etwa: Zu viel Verständnis kann dazu führen, dass man den Schrecken und die Distanz zu der Partei verliert.

Was entgegen Sie dem?

Das ist ein Zwiespalt, klar. Wer die Wähler zurückgewinnen will, muss auch mit ihnen reden. Da muss man sich zwangsläufig auf eine Partei einlassen, die einem zuwider ist. Aber es lohnt sich, wie ich erfahren habe. Auch Wutbürger können zuhören, zumindest einige.

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(ll)

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