Wieso es scheinheilig ist, wenn Jens Spahn über schlecht integrierte Zuwanderer meckert

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Dieses Video schickte Spahn seinen Followern | Screenshot
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  • In einem neuen Video nimmt CDU-Mann Spahn Zuwanderer in die Pflicht, sich zu integrieren
  • Man könne ein Interesse an deutscher Kultur, Geschichte und Sprache erwarten
  • Doch Spahns Argumentation funktioniert nicht

Jens Spahn ist nicht nur das junge Gesicht der CDU, sondern auch das konservative.

Der Staatssekretär im Finanzministerium ist für die strengen Zwischentöne verantwortlich, etwa in der Integrationsdebatte.

Mit einem Video, das Spahn in seinem Newsletter verschickte, will er jetzt da weitermachen, wo er mit seinen aufgeregten Kommentaren über den Niedergang der deutschen Sprache in Berlin begonnen hat.

Ihm sei wichtig, "dass wir endlich lernen, auch mal Erwartungshaltungen zu formulieren“, sagt Spahn da, das blaue Sakko über dem fliederfarbenen Pullunder.

Niemand müsse "den Goethe oder den Schiller auswendig lernen“, betont Spahn weiter. "Aber so ein bisschen Interesse für deutsche Geschichte, Sprache und Kultur dürfen wir erwarten.“

Dürfen wir?

Die Probleme haben mit Integration nur teilweise etwas zu tun

Spahn sollte noch einmal überdenken, ob das Problem, das er anspricht, wirklich ein Integrationsproblem ist.

Immerhin ergab eine Studie schon vor einigen Jahren, dass deutsche Schüler durch die Bank erschreckend wenig über deutsche Geschichte wissen. Eine Studie der Freien Universität ergab damals, dass vier von zehn Jugendlichen nicht zwischen Demokratie und Diktatur entscheiden könnten.

Nur rund die Hälfte der Schüler konnten NS-Deutschland und die DDR so als Diktatur identifizieren.

Eine Erhebung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung stellte zudem im vergangenen Jahr fest, dass sogar Germanistikstudenten die deutsche Rechtschreibung nicht mehr beherrschen. Über ihre Integration beklagt sich wohl dennoch niemand.

Übrigens: Wer seinen Blick nicht elitär verengt, erkennt ohnehin, dass auch jemand, der sich nicht für Geschichte oder Literatur interessiert, ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft sein kann.

Aber Spahn geht es hier vor allem um ein Gefühl.

Spahn will, dass Zuwanderer anpacken. Doch können sie das?

Und das Gefühl, das er bedient, ist simpel: Zuwanderer stellen in Deutschland Forderungen, aber nehmen unsere Kultur nicht an. Das CDU-Präsidiumsmitglied mäkelt weiter: "Ich find wir dürfen auch erwarten, dass die erste Frage mal ist: Wo kann ich mit anpacken? Und nicht: Wo kann ich einen Antrag stellen?“

Auch hier spricht Spahn ein wichtiges Problem an, dessen Lösung – und das weiß auch der Staatssekretär – nicht so einfach ist, wie er suggeriert.

Denn vor allem die zu hunderttausenden zugewanderten Flüchtlinge haben in den meisten Fällen gar keine Möglichkeit anzupacken. Eine Arbeitserlaubnis bekommen sie oft erst nach vielen Monaten.

Stattdessen müssen sie vor allem eins: Anträge ausfüllen.

Ihnen aus den bürokratischen Strukturen Deutschlands – übrigens zweifellos auch ein Teil unserer Kultur – einen Strick zu drehen, ist zum einen Unsinn. Zum anderen: Wahlkampf.

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(jg)

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