"Dating-Portal für die GroKo": Politiker berichten, was sie am TV-Duell am meisten genervt hat

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SCHULZ MERKEL
"Dating-Portal für die GroKo": Was deutsche Politiker am TV-Duell am meisten genervt hat | Screenshot
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  • Viele Zuschauer, Experten und Politiker beurteilen das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz kritisch
  • Die HuffPost hat einige Politiker gefragt: Was hat Sie am meisten genervt?

Bei "Anne Will" stand der "Spiegel"-Journalistin Christiane Hoffmann der Ärger ins Gesicht geschrieben. Hoffmann war eigentlich eingeladen worden, um das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Herausforderer Martin Schulz zu kommentieren.

Doch es war nicht die Performance der beiden Kontrahenten, die Hoffmann so ärgerte. Es war die Sendung per se.

Das TV-Duell bilde nur einen Teil der politischen Realität ab, klagte die Journalistin. "Ein Drittel der Menschen in diesem Land sehen sich da überhaupt nicht abgebildet."

Viele Fernsehzuschauer teilen diese Meinung. In den sozialen Medien überwog die Kritik an der allzu harmonischen Merkel-Schulz-Show. Und auch ein Großteil der deutschen Politikerinnen und Politiker äußerten sich kritisch zu der Sendung. Denn viele Themen – und eben auch die Meinung der anderen Parteien - wurden ausgeblendet.

Die HuffPost hat Politikerinnen und Politiker gefragt: Was hat Sie am meisten am TV-Duell genervt?

Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen

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"Die größte Bedrohung unseres Planeten, die Klimakrise, war beiden Kandidaten keine Erwähnung wert. Bei Merkel ist das angesichts ihrer desaströsen Bilanz sogar erwartbar, in den letzten 8 Jahren ihrer Kanzlerschaft sind die klimaschädlichen Emissionen nicht gesunken.

Schulz hat leichtfertig die Chance verpasst, Merkels Klimablockade anzugreifen und sich selbst zum Klimaschutz zu bekennen. Mit diesem Schweigekartell setzen die beiden die hohle Klimapolitik der schwarz-roten Koalition fort."

Katja Kipping, Vorsitzende Die Linke

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"Das bemerkenswert eindimensional moderierte so genannte Duell lief eher wie ein Dating-Portal für die Große Koalition. Alle elf Minuten zeigten Angela Merkel und Martin Schulz, dass sie eigentlich ganz gut miteinander können.

Dass dabei die Sorgen und Nöte von Millionen Menschen im Land in Bezug auf bezahlbare Wohnungen, von Armut bedrohte Kinder und Alte, kaputt gesparte Schulen, Zwei-Klassen-Medizin unter den Tisch fielen, war schon deshalb keine Überraschung, weil das in den zurückliegenden vier Jahren gemeinsamen Regierens von CDU/CSU und SPD nicht anders war.“

Nicola Beer, Generalsekretärin der FPD

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"Was wir gesehen haben, war mehr ein handzahmes, enttäuschendes Duett als ein echtes 'Duell'. Wir haben der GroKo live bei der Arbeit zugesehen: vergangenheitsorientiert und den Status Quo beschwörend.

Themen wie die Zukunft, Bildung, Arbeit 4.0, Innovationsförderung, fanden nicht statt – das brennt aber Freien Demokraten unter den Nägeln, weil es hier um unsere Zukunft geht.

Wir brauchen endlich eine Politik, die mutig die vielen Chancen ergreift, die sich uns bieten. Die eigentliche Frage ist, wer drittstärkste Kraft im Bundestag wird. Es macht einen Unterschied ob Freie Demokraten an dieser Stelle als Impulsgeber dabei sind oder nicht."

Omid Nouripour, Bundestagsabgeordneter der Grünen

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"Dieser Groko-Brei war an Langeweile kaum zu überbieten. Kein Wunder, dass niemand dessen Fortsetzung will. Und dass die beiden in einer Woche mit weltweit drei Jahrhundert-Hochwassern – Niger, USA, Südasien – das Wort "Klima" nicht einmal ausgesprochen haben, ist eine Bankrotterklärung."

Delara Burkhardt, stellvertretende Juso-Vorsitzende

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"35 Minuten Geflüchtete - 0 Minuten Digitalisierung, Bildung und Zukunft. Als junger Mensch bleib ich nach der Schwerpunktsetzung des TV-Duells ratlos zurück. Die Auswahl der Fragen war Zeugnis einer krassen Diskursverschiebung nach Rechts - auf der Strecke bleiben die wichtigen Zukunftsfragen, vor denen sich Merkel eh schon drückt."

Michael Kellner, Wahlkampfleiter der Grünen

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"Merkel und Schulz haben sich als Umweltversager erwiesen. Auch der Kampf gegen rechts, gegen völkisches Gedankengut und rechte Hetze wurde weder von den beiden Kandidaten noch von den Moderatoren angesprochen."

Sevim Dagdelen, Bundestagsabgeordnete Die Linke

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"Millionen Menschen fragen sich, warum ihre laufenden Kosten steigen, aber nicht ihr Einkommen. Sie fragen sich, ob man noch eine sichere Rente erhält oder die Ausbildung der Kinder finanziert oder wie man angesichts immer neuer Rekorde bei Rüstungsexporten und Militärausgaben in Frieden leben kann.

Kein Wort darüber im ‚Duell’ von Merkel und Schulz, das über weite Strecken große schläfrige Harmonie, ohne politische Leidenschaft und Attacke war. Man hatte zudem den Eindruck, dass die SPD sich mit Schulz bereits selbst aufgegeben hat.“

Boris Palmer, Tübinger Oberbürgermeister der Grünen

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"Was am meisten genervt hat? Dass das Klima kein Wort wert war."

Özlem Demirel, NRW-Landessprecherin Die Linke

demirel

"Das TV Duell war schon von der Themenauswahl eine Zumutung. Die komplette erste Stunde ging es lediglich um die Themen Einwanderung, Flucht und Islam.

Im Gegenzug dazu kamen andere Themen wie Rente, Armut, Klimawandel, Gesundheit und Pflege Wohnungs- und Verkehrspolitik oder Waffenexporte viel zu kurz oder gar nicht vor. Dabei sind diese zentral für alle hier lebenden Menschen. Die Unterschiede zwischen SPD und CDU sind ebenfalls minimal."

Sven Lehmann, NRW-Landesvorsitzender der Grünen

sven lehmann

"Das war kein Duell, das war ein Duett zweier Kandidaten ohne wirkliche Unterschiede. Mich hat enttäuscht, dass die große globale Klimakrise kein Thema war. Angesichts von zunehmenden Unwetterkatastrophen, Artensterben und Erderwärmung war der Abend eine große Enttäuschung. Außerdem finde ich befremdlich, dass es bei der Flüchtlingspolitik fast nur um Abschottung ging, dabei sterben gerade unzählige Menschen im Mittelmeer und in Lagern in Afrika."

Niema Movassat, Bundestagsabgeordneter Die Linke

movassat

"Das war das langweiligste TV-Duell aller Zeiten. Merkel und Schulz trennt politisch kaum etwas. Die Moderatoren waren eine Katastrophe: Wichtige Themen wie Kinderarmut, niedrige Löhne, Mieten, Rente sprachen sie so gut wie nicht an. Dabei sind das die Themen, die im Alltag die große Mehrheit der Bevölkerung bewegen."

Agnieszka Brugger, Bundestagsabgeordnete der Grünen

brugegr

"Im todlangweiligen Selbstgespräch der Großen Koalition kamen die zentralen Herausforderungen für unser Land nicht zur Sprache. Weder Angela Merkel noch Martin Schulz haben über Klimaschutz, Abrüstung und die dringend notwendigen Investitionen in gute Bildung, erneuerbare Energien und saubere Mobilität gesprochen.“

Marcel Rohrlack, Jungpolitiker der Grünen

rohrlack

"Im diesem Zwiegespräch der GroKo ging es nicht um die Zukunft unseres Landes – weder Klimaschutz, noch die Zukunft der Automobilbranche, noch die Digitalisierung, noch die Bildungschance gerade junger Menschen kamen zur Sprache. Platz 3 entscheidet jetzt darüber, ob in Deutschland Politik für die Zukunft und für junge Menschen gemacht wird.“

Das sagen andere

Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter hält die Absage von Merkel an die Rente mit 70 für unglaubwürdig. "Weil nämlich starke Kräfte innerhalb der Union da ganz anderer Meinung sind und die Leute dazu bringen wollen, bis 70 zu arbeiten", sagte er am Montag im ARD-"Morgenmagazin".

Hofreiter sprach sich für eine Flexibilisierung des Renteneintrittsalters aus. Merkel hatte im TV-Duell mit Herausforderer Martin Schulz (SPD) eine Anhebung des Renteneintrittsalters von derzeit 67 auf 70 Jahre vehement ausgeschlossen.

Linke-Spitzenkandidat Dietmar Bartsch kritisierte das TV-Duell als "großkoalitionäres Therapiegespräch". "Martin Schulz hat sich nicht von der Union abgesetzt", sagte Bartsch der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Der Linksfraktionschef warf Schulz vor, nach der Bundestagswahl eine Fortsetzung von Schwarz-Rot als Juniorpartner mittragen zu wollen.

Auch aus der CSU kam erstaunlich scharfe Kritik an der Diskussionsveranstaltung. Karl-Theodor zu Guttenberg ätzte bei seiner Bierzeltrede beim niederbayerischen Volksfest Gillamoos gegen die beiden Spitzenkandidaten.

"Ich habe zwischendurch das Gefühl gehabt, (...) jetzt müssen wir aufpassen, dass die beiden sich nicht plötzlich umarmen mit Tränen in den Augen und sagen: 'Ich hab es nicht so gemeint’. Wir müssen aufpassen, dass nicht bald die Fusion der beiden Volksparteien erklärt wird“, kritisierte zu Guttenberg.

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(ben)

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