Die internationalen Medien sehen beim TV-Duell keinen eindeutigen Gewinner - aber einen großen Verlierer

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TV DUELL
Die internationalen Medien sehen beim TV-Duell keinen eindeutigen Gewinner, weder Angela Merkel noch Martin Schulz | dpa
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  • Die internationalen Medien sind sich nach dem TV-Duell unschlüssig, wer gewonnen hat
  • So richtig wollen sie weder Kanzlerin Merkel noch Herausforderer Schulz den Sieg zusprechen
  • Einen klaren Verlierer sehen sie aber

Anders als die Kommentatoren in Deutschland tun sich die internationalen Medien schwer, einen eindeutigen Gewinner zu bestimmen.

Allerdings sehen die Medien weltweit einen großen Verlierer: Und der heißt Deutschland, dem eine Fortsetzung des langweiligen Wahlkampfes droht und wohl die Fortsetzung der Großen Koalition.

Aus dem TV-Duell lassen sich demnach fünf verschiedene Schlussfolgerungen ableiten:

1. Die Große Koalition geht weiter

Der österreichische "Standard" wartete vergebens auf "den einen großen Moment, der in die TV-Geschichte eingehen wird".

Deshalb kommt die Zeitung aus Wien zum nüchternen Fazit: Eigentlich passen Schulz und Merkel ganz gut zusammen. "Man könnte also die große Koalition durchaus fortsetzen."

Die "Neue Zürcher Zeitung" ("NZZ") sieht das genauso: Das TV-Duell "wirkte eher wie ein vorgezogenes Koalitionsgespräch." Schulz und Merkel nickten sich oft gegenseitig zu. Der eine sprach, die andere nickte und umgekehrt.

Deshalb hätten beide "über weite Strecken eher wie die Koalitionäre, die sie sind, denn wie erbitterte politische Gegner" gewirkt, betont die "NZZ".

2. Das Format war schlecht

Aus Sicht des britischen "Guardian" muss es eine "enttäuschende Nacht" für Merkels Herausforderer gewesen sein.

Denn Schulz konnte die Kanzlerin nicht überraschen. "Denn das Format und die Fragen gaben ihm keine Möglichkeit, dieses Momentum zu behalten."

3. Der Wahlkampf bleibt langweilig

Das TV-Duell sei wie der bisherige Wahlkampf verlaufen, meckert die spanische Zeitung "El Mundo": "ohne Turbulenzen, ohne Überraschungseffekte, ohne große Versprechen, ohne Selbstkritik."

Schulz habe einzig in der Frage der Beziehungen zur Türkei eine andere Meinung als Merkel gehabt.

Dennoch konnte Schulz den "K.o.-Schlag nicht" setzen, unterstreicht die italienische "Corriere della Sera".

Der Sozialdemokrat habe zwar versucht, die Kanzlerin anzugreifen - mit den Themen Einwanderung, soziale Ungleichheit, Autoskandale und Außenpolitik, Trump und eben Erdogan.

Aber Merkel kam aus Sicht der "Corriere della Sera" nie in Schwierigkeiten. Weil die Diskussion keine wirklichen Zusammenstöße zeigte, werde sich an der Richtung des langweiligen Wahlkampfs nichts ändern.

Aus Sicht des "The Economist"-Korrespondenten in Berlin ,Jeremy Cliffe, war das TV-Duell "eine der deprimierendsten politischen Erlebnisse meiner Laufbahn. Und ich habe den Brexit gecovered."

Auch deshalb lautet Cliffes kritisches Fazit: "Der wahre Verlierer der Debatte war Deutschland."

4. Öde Debatte ist vorteilhaft für das Mehrparteiensystem

Der britische Historiker Timothy Garton Ash zog dagegen als einer der wenigen ausländischen Beobachter ein positives Fazit: "Ich schaue eine eindrucksvoll ernste, gut informierte und Un-Trumpsche Debatte zwischen Merkel und Schulz."

In eine ganz ähnliche Richtung argumentierte die belgische Zeitung "De Tijd". Natürlich habe man von den beiden Chefs der Koalitionsparteien "kein Zündfeuer" erwarten sollen, betont die Zeitung. Doch die öde Debatte sei nicht unbedingt ein Nachteil.

Im Mehrparteiensystem werde es immer schwieriger, politische Kompromisse zu schließen, hält "De Tijd" fest. Das Duell habe zu dieser Kompromissfindung beigetragen.

"Deutschland hat den großen Vorteil der tödlich langweiligen Mäßigung mit wenig extremen Kräften, die die Debatte bestimmen. Das erscheint einschläfernd, ergibt aber am Ende eine stabile Regierung."

5. Merkel und Schulz können Trump nicht leiden

Die US-Zeitung "Washington Post" zeigte sich nach dem TV-Duell resigniert - weil dieses "zeitweise eher einem Duett glich". Ein Thema nach dem anderen hätte gezeigt, dass das Paar nur leichte Unstimmigkeiten habe. Aber von ernsthaften Attacken hätten beide aber abgesehen.

Kurzum: "Trump selbst bekam wesentlich mehr Kritik ab als das, was die beiden Kandidaten gegenseitig auf sich abluden", resümiert die "Washington Post".

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