Experte für Körpersprache: Deshalb konnte Schulz die Wähler im TV-Duell nicht überzeugen

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LANGWEILIG
Das Standbild zeigt: Sowohl Angela Merkel als auch Martin Schulz gaben sich zahm | Screenshot/ZDF
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  • Das TV-Duell zwischen Kanzlerin Merkel und Herausforderer Schulz ist vorbei
  • Neben den inhaltlichen Äußerungen war insbesondere die Gestik aufschlussreich
  • Die hat Körpersprache-Experte Stefan Verra analysiert - mit einer klaren Meinung zum Sieger und Tipps für den Verlierer

Oft entscheidet die Körpersprache und nicht das Wahlprogramm in einem TV-Duell. Denn nur die wenigsten Wähler kennen die politische Forderungen der Parteien. Deshalb brauchen sie einen Übersetzer, jemanden, der das Programm einer Partei glaubwürdig vertritt - den Spitzenkandidaten.

Die Kanzleranwärter von CDU und SPD duellierten sich am Sonntagabend erst- und einmalig im TV. Auch, um mit ihren Gesten und ihrer Ausstrahlung insbesondere unentschlossene Wähler von sich zu überzeugen.

Das klappte vor allem bei Kanzlerin Angela Merkel - wenn man Stefan Verra glaubt. Auch, weil das TV-Duell "wenig Energie versprühte" und deshalb "ein Gefühl von Gesättigtkeit" verbreitete. Das kam der Amtsinhaberin zu Gute.

"Merkel hat mich mehr überzeugt"

Seit 1999 beschäftigt sich der Österreicher - der jegliche Coaching-Anfragen von Parteien ablehnt - mit Körpersprache. Er ist Dozent, Coach und Autor und hält weltweit Vorträge zu dem Thema.

"Merkel hat mich mehr überzeugt", sagt der der 44-Jährige der HuffPost. Er macht das an mehreren Beobachtungen fest:

1. Herausforderer Martin Schulz hat es nicht geschafft, Merkel aus der Reserve zu locken:

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"Er hätte das Tempo erhöhen sollen, dann fällt die Kanzlerin sofort in ihren apathischen Gesichtsausdruck", erläutert Verra. Doch der SPD-Chef sei - zumindest unterbewusst - in seine diplomatische Art abgeglitten:

"Er hat sie ausreden lassen, genickt und ihr aufmerksam zugehört. Doch er hätte deutlich aggressiver vorgehen, laut werden sollen und den Körper vorbeugen müssen." Denn mit extrem hoher Energie könne Merkel nicht umgehen.

2. Merkel hat viel gelächelt:

merkel positiv

Die Kanzlerin habe mehr als üblicherweise gelächelt, erklärt Verra. "Das war gut."

Allerdings werde es gefährlich, wenn sie das asymmetrisch tue, also nur einen Mundwinkel hochzieht. "Das signalisiert, dass sie noch nicht vollends weiß, ob sie etwas witzig finden soll oder nicht - und das wirkt dann zynisch."

3. Schulz war nicht das Alphatier:

augen nach unten

"Merkels Blickrichtung ging oft nach oben, Schulz schaute viel nach unten. Damit signalisiert er, dass er nicht das Alphatier ist und ihm der Überblick fehlt", betont der Experte für Körpersprache.

4. Schulz suchte nach Ruhe:

zunge

Gerade in den ersten 20 Minuten habe Schulz gezeigt, dass er nach Ruhe sucht. "Er hat lange geblinzelt, den Mund verschlossen und die Zunge herausgestreckt. Damit wirkte er wenig offen und selbstsicher", erklärt Verra.

Im Laufe des Duells sei es zwar besser geworden. "Allerdings fand er insgesamt nicht die Ruhe, um gezielte Angriffe zu starten."

5. Berater mischten sich zu sehr ein:

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Verra vermutet, dass beide Redner Stichwortgeber hatten. Aus seiner Sicht ist das "völlig daneben gegangen". Denn sowohl Merkel als auch Schulz haben oft unter die Kamera geschaut, möglicherweise auf dort positionierte Teleprompter.

"Die Berater sollten beim TV-Duell hin und wieder die Klappe halten", sagt Verra. Wenn Schulz frei gesprochen hätte, hätte er besonders beim Schlussplädoyer viel besser abgeschnitten. "Denn er ist ein guter Freiredner, konnte das aber nicht nutzen."

Fazit:

Weil sich Schulz nicht auf einen aggressiven Schlagabtausch setzte, machte er "als politischer Partner eine gute Vorstellung", sagt Verra.

Fraglich ist allerdings, ob ihm das zusätzliche Wählerstimmen einbringt. Denn über alle Parteigrenzen lehnt eine Mehrheit eine Weiterführung der Großen Koalition ab.

Kritik übt Verra zudem an den TV-Regisseuren des Duells. Denn diese zeigten fast ausschließlich die Oberkörper, meist sogar nur die Gesichter von Schulz und Merkel.

"Das Gesamtbild fehlte - und damit auch wichtige Informationen", sagt Verra und fordert: "Es sollte bei Politikdebatten viel mehr Ganzkörperaufnahmen geben."

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