Estland: Die dunkle Vergangenheit des Reise-Highlights an der Ostsee

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Stoisch und einschüchternd wacht die Seefestung über Tallinns Küste

Lust auf einen Trip nach Estland? Zugegeben, das nördlichste Land des Baltikums zählt nicht unbedingt zu den Top-Reiseadressen der Deutschen und wird es auf absehbare Zeit wohl auch nicht. Urlaub an der Ostsee lässt sich schließlich auch zwischen Flensburg und Heringsdorf erleben. Wer aber auf der Suche nach einer geballten Ladung Sowjet-Nostalgie ist und eine Vorliebe für "Dark Tourism" hat, könnte den kleinen Staat und seine Hauptstadt bislang völlig zu Unrecht verschmäht haben!

Es ist ein einzigartiges Flair, das durch die Straßen Tallinns weht. In zwei Jahren feiert die geschichtsträchtige Stadt ihren 800. Geburtstag. Die meisten Jahrhunderte waren mehr von Stillstand als von Aufschwung geprägt. Das änderte sich mit dem Ende der Sowjetunion drastisch. Das Land erlebte einen regelrechten Boom und ist heute stolzes Mitglied der EU und der Eurozone. Ganz Estland und im Besonderen Tallinn blicken gen Westen, doch die Relikte aus der Sowjetzeit sind vielerorts nicht zu übersehen. Das Berühmteste unter ihnen ist das ehemalige Militärgefängnis Paratei.

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Einst Folterknast, heute Partystrand

Kaum vorstellbar, dass hier bis 2002 noch Gefangene untergebracht waren

Höllenloch. Dieses Wort fällt immer wieder, wenn Einheimische über Paratei sprechen. Auf gut vier Hektar Fläche waren einst über 5.000 Menschen zusammengepfercht. Hinrichtungen waren keine Seltenheit, Folter gehörte zur Tagesordnung - und das bis 1991. Das Ende der Sowjetunion beendete zwar menschenunwürdige Praktiken, das Gefängnis selbst wurde allerdings bis 2002 weiterbetrieben. Etwa 1.200 Gefangene hausten am Schluss noch in den fensterlosen Räumen, ohne Tageslicht und ohne Hoffnung. Betritt man heute die Gemäuer, scheint es unvorstellbar, dass hier bis vor 15 Jahren Menschen leben mussten.

Im Gegensatz zum legendären Alcatraz vor der Küste San Franciscos können Besucher Paratei völlig frei erkunden. Die estnische Festung wurde dem Verfall preisgegeben. Aufbereitete Teilstücke oder Guides, die Touristen nach einem sklavischen Schema durch die Gemäuer führen, sind eine Seltenheit. Paratei bietet ungefilterten Sowjet-Flair - oder zumindest das, was noch davon übrig ist. Für kleines Geld (um die zwei Euro) können Interessierte einen Mikrokosmos betreten, der an Authentizität nicht zu überbieten ist. Von den Decken bröckelt der Putz, die Gitterstäbe rosten vor sich hin und an den Zellenwänden dokumentieren ellenlange Strichlisten, die verzweifelten Versuche der Gefangenen, einen Überblick über ihren Aufenthalt zu behalten.

Richtig absurd wird der Besuch allerdings erst, wenn man im Anschluss direkt das heutige Gelände rund um die Gefängnismauern erkundet. Seit 2007 ist das Gefängnis Teil des "Kulturparks". Am "Prison Bay" (zu Deutsch: Gefängnisstrand), dem Highlight einer jeden Erkundungstour, lässt sich die Ostsee auf einem Liegestuhl durch den Stacheldrahtzaun betrachten. Und das, während man einen frischgebrühten Kaffee genießt. Eine einzigartige Kombination, die sich wohl nur in der Seefestung Paratei erleben lässt.

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