"Ein Drittel des Landes wird nicht abgebildet": "Spiegel"-Journalistin fällt bei "Anne Will" vernichtendes Urteil über das TV-Duell

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HOFMANN
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  • Das TV-Duell war für die "Spiegel"-Journalistin Christiane Hoffmann bezeichnend für ein großes Problem der deutschen Politik
  • Die Sendung habe den Frust und die Sorgen vieler Menschen nicht abgebildet, sagte Hoffmann bei "Anne Will"

"Duett statt Duell" - die Phrase wurde nach der Fernseh-Debatte von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Kandidat Martin Schulz (SPD) zum geflügelten Wort.

Zu langweilig, zu harmonisch war vielen das Aufeinandertreffen der beiden Kandidaten der zwei großen Volksparteien Deutschlands verlaufen.

"Spiegel"-Journalistin Christiane Hoffmann fällte nach dem Duell bei "Anne Will" in der ARD ebenfalls ein vernichtendes Urteil - denn das harmlose Geplänkel machte ihr Sorgen.

Das TV-Duell bilde nur einen Teil der politischen Realität ab, sagte sie. "Ein Drittel der Menschen in diesem Land sehen sich da überhaupt nicht abgebildet", warnte sie.

"Es gibt eine potentielle Wechselstimmung in Deutschland"

Gemeint waren damit die Politikverdrossenen, die Abgehängten, diejenigen, "die wir auf den Marktplätzen sehen", wo Merkel spreche und angebrüllt und augebuht werde.

Blickt man auf die Wähler von Protestparteien wie Die Linke und AfD sowie auf die Zahl der Nicht-Wähler, dürfte die Schätzung von "einem Drittel der Menschen" in etwa stimmen.

"Damit müssen wir uns beschäftigen", sagte die Journalistin. Denn es gebe durchaus eine Wechselstimmung in diesem Land. Nur: “Die kommt bei diesem TV-Duell nicht raus. Die kann Martin Schulz auch nicht bedienen.”

Denn in den vergangenen vier Jahren von Merkels Kanzlerschaft habe sich etwas entscheidendes verändert. "Merkel polarisiert unglaublich", sagte Hoffmann. "Von links, aber vor allem von rechts. Das ist neu".

Von den Volksparteien werde diese "Emotionalisierung" Merkels jedoch ignoriert, sagte Hoffmann. Und das mache ihr Sorgen.

"Wie ein 'Business-Meeting'"

Dabei kann man den Machern des TV-Duells nicht vorwerfen, dass sie die Stimmung gegenüber Flüchtlingen nicht aufgegriffen hätten. Die erste Hälfte des Duells bestand nur aus Fragen über Migration, Grenzschutz und Abschiebungen.

So sehr war die Flüchtlingspolitik Thema, dass viele Zuschauer sich im Internet verdutzt fragten, ob die AfD die Fragen ausgesucht habe.

Das Problem des Duells war aber weniger dessen Inhalt, sondern vielmehr die Art und Weise der Debatte. Zwar setzte Herausforderer Schulz Angriff um Angriff - langweilig fanden viele das Duell trotzdem.

Auf den Punkt brachte das Sandra Maischberger schon zu Beginn von “Anne Will”. Sie hatte das TV-Duell mitmoderiert und beschrieb die Atmosphäre im Studio wie bei “einem Business-Meeting”.

“Beide sind sehr schnell wieder gegangen, ohne dass ich das Gefühl hatte, es gebe eine Regung”, sagte Maischberger. So holt man die Wähler, vor allem die von der Politik entfremdeten, nicht ab.

"Die politische Debatte läuft nicht mehr"

Kein Thema hat die Menschen in den vergangenen Jahr so bewegt wie die Flüchtlingskrise, das zeigen viele Umfragen. Beim Duell war von diesen Emotionen wenig zu spüren. Eher “business as usual” für zwei Polit-Profis.

Die Gäste bei "Anne Will" teilten daher Hoffmanns Sorge, dass die Politik einen Teil der Menschen nicht abhole.

“Jede Partei hängt da mit drin, eine Lösung zu finden”, sagte der ehemalige Minister Karl-Theodor zu Guttenberg über die Unzufriedenheit über die Volksparteien. “Es ist nicht damit getan, nur besseres Personal zu suchen.” Eine wirkliche Lösung hatte aber auch Guttenberg nicht parat.

Der ehemalige Vorsitzende der SPD, Franz Müntefering, sagte: “Wir dürfen in den nächsten vier Jahren nicht so weitermachen wie bisher.” Über die Themen der Zukunft müsse gesprochen werde. Aber er warnte: “Die politische Debatte läuft nicht mehr.”

"Wie wollen wir eigentlich in zehn Jahren leben?"

“Wir diskutieren über Dinge, über Formeln, die die meisten Menschen nur halbwegs verstehen. Die Sorgen müssen politisch aufgearbeitet werden. Das geht uns alle an", mahnte er an.

Viele Menschen würde sich fragen: "Wie wollen wir eigentlich in zehn Jahren leben?" Auch das waren nur Phrasen von Müntefering. Aber nach dem TV-Duell wusste man immerhin, was gemeint war.

Denn bezeichnenderweise hatte das Duell die Frage nach der Zukunft fast vollständig ausgeklammert. Die Rente kam kurz vor, die Digitalisierung oder die Bildung nicht.

Die politische Debatte über die Zukunft - sie fand nicht im TV-Duell statt.

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