Schulz attackiert Angela Merkel 13 Mal scharf - warum er am Ende trotzdem verloren hat

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MERKELSCHULZ
Martin Schulz attackiert Angela Merkel im TV-Duell | dpa
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  • Merkel und Schulz trafen am Sonntagabend zum einzigen TV-Duell aufeinander
  • Schulz schaltete sofort auf Angriff
  • Doch die allermeisten seiner Attacken verfingen nicht

Das Urteil der Zuschauer am Ende war deutlich: In Punkto Angriffslust war Martin Schulz der klare Sieger.

87 Prozent der Zuschauer, die im Auftrag der ARD befragt wurden, fanden den SPD-Chef in der Abteilung Attacke besser als die Kanzlerin. Kaufen kann sich Schulz dafür aber nichts.

Denn für 55 Prozent der Zuschauer war Angela Merkel überzeugender im Duell. Von Schulz sagten das nur 35 Prozent. Für Merkel ist es das beste Ergebnis aller TV-Duelle, die sie bestritten hat.

Im ZDF war der Ausgang zwar weniger deutlich: Hier kam die Kanzlerin auf 32 Prozent Zustimmung, Schulz auf 29 Prozent. Fakt ist aber: Die Chance, den Wahlkampf herumzureißen, hat Schulz verpasst.

Und das, obwohl Schulz 13 deutliche Angriffe gegen Merkel fuhr und zeigen wollte, wo die Bilanz der Kanzlerin alles andere als einwandfrei ist. Schulz wirkte dabei agiler als Merkel und in vielen Momenten auch wacher. Doch die Kanzlerin konterte Schulz in vielen Situationen einfach aus. Sie münzte viele seiner Angriffe in Siege für sich um.

Streit um Flüchtlingspolitik

Gleich am Anfang, als es um die Flüchtlingspolitik geht, schaltet Schulz das erste Mal auf Attacke.

Merkel hätte die europäischen Partner während der Flüchtlingskrise mehr einbinden müssen, kritisiert er. Die Deutschen würden an den ungarischen Premier Viktor Orban immer noch Geld zahlen, obwohl der Europa bei der Flüchtlingspolitik im Stich lasse.

Und Schulz legt nach: Der bayerische Ministerpräsident Seehofer habe Orban auch noch getroffen. Um gleich die nächste Attacke zu fahren: Die Flüchtlingskrise 2015 sei vorherzusehen gewesen. Merkel habe sich nicht ausreichend vorbereitet.

Merkel deutet Kurswechsel in der Türkeipolitik an

Merkel dagegen geht Schulz in diesen ersten Minuten gar nicht an. Stattdessen verteidigt sie ihre Flüchtlingspolitik - und verspricht, dass so etwas wie 2015 nicht mehr passieren werde. Ein offensichtlicher Widerspruch.

Das waren die ersten vier Angriffe von Schulz auf Merkel. Der fünfte trifft den CDU-Innenminister Thomas de Maizière. Rund 100.000 Asylanträge seien noch nicht bearbeitet, kritisiert Schulz. Merkel stimmt ihm hier sogar zu.

Dann erringt Schulz seinen größten Sieg in dem Duell.

Es geht um die Türkeipolitik.

Ein Kanzler müsse Position beziehen, sagt Schulz und impliziert damit, dass Merkel diese nicht hat. Dann legte er nach: Er werde als Kanzler die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sofort abbrechen.

Mehr zum Thema: Nach 35 Minuten kennen viele Zuschauer den Sieger des TV-Duells – es ist weder Merkel noch Schulz

Merkel gerät ins Schwimmen und bringt sich selbst in Bedrängnis: "Ich bin noch nie für die Beitrittsverhandlungen gewesen", sagt sie. Schulz schaltet sofort und wirft ihr an den Kopf: "Dann können Sie sie ja stoppen."

Merkel in Bedrängnis

Nun stottert die Kanzlerin. Ja, sie werden das Thema nochmal mit den Zuständigen besprechen. Diese Zusage wird Merkel in den kommenden Tagen noch verfolgen. Sie wird sich positionieren müssen.

Am Ende könnte tatsächlich ein Stopp der EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei stehen. Das wäre eine radikale Wende in der deutschen Türkeipolitik.

Nach 55 Minuten im Duell schaut Merkel offensichtlich nervös. Sie schiebt nach: “Auch ich weiß, wie man mit Erdogan spricht.”

Das war Schulz’ siebter Angriff. Und es sollte sein deutlichster Punktgewinn im Duell bleiben.

Maut oder nicht Maut - Merkel kontert geschickt

Attacke Nummer acht kommt bei der Rente.

Hier poltert Schulz, dass Merkel die Rente mit 70 wolle. Die lässt ihn abblitzen. Eine “Randgruppe” habe das gefordert, sagt Merkel. Nämlich der Wirtschaftsrat der Partei. Das stehe nicht für die gesamte Partei. Sie verspricht: Mit ihr werde es die Rente mit 70 nicht geben. Punkt für die Kanzlerin. Während Schulz mäkelt, hat sie ein klares Versprechen abgegeben.

Mehr zum Thema: "Finde ich ganz, ganz toll, Frau Merkel": Schulz verrät mit einem Satz, warum er das Duell verloren hat

Nun kommt Schulz zur Maut

Merkel habe vor der Wahl 2013 versprochen, dass es keine Maut geben werde. Wenn sie jetzt Rentenversprechen gebe, seien diese auch nicht glaubwürdig.

Merkel präzisiert wieder und lässt Schulz ins Leere laufen: Sie habe versprochen, dass deutsche Autofahrer nicht belastet werden. Und genau so sei es gekommen.

An dieser Stelle wird ein weiteres Problem von Schulz deutlich: Er kommt kaum dazu, zu erklären, wie ein Deutschland unter seiner Kanzlerschaft aussehen würde. Er spricht viel darüber, was Merkel angeblich falsch gemacht hat, wenig Konkretes sagt er über seine eigenen Pläne.

Hinzu kommt: Wenn Schulz eigene Ideen präsentiert, präsentiert Merkel ganz ähnliche. Als Schulz ein Einwanderungsgesetz fordert, will Merkel ein Einwanderungsgesetz für Fachkräfte.

Aber Schulz lässt nicht locker. Angriff Nummer zehn.

Die Maut habe Verkehrsminister Alexander Dobrindt nur durchgebracht, weil er mit dem Linken-Ministerpräsidenten Bodo Ramelow kooperiert habe, kritisiert Schulz.

Schulz gibt sich als Macher

Dumm nur: Als Schulz später auf seine eigenen Koalitionsoption angesprochen wird, will er eine Zusammenarbeit mit der Linken nicht ausschließen. Er würde es, so kommt es bei den Zuschauern an, Dobrindt also zur Not nachmachen.

Der elfte Angriff kommt beim Thema Dieselskandal.

Schulz moniert, dass Merkels Kanzleramt ein Gesetz zur Entschädigung von Dieselfahrern nicht schnell genug unterzeichne. Merkel schießt zurück: SPD-Justizminister Heiko Maas wolle bei dem Gesetz nicht nacharbeiten. Schulz gibt sich als Macher und verspricht Heiko Maas gleich morgen anzurufen.

Beim nächsten Angriff lässt Schulz Merkel tatsächlich kurzzeitig alt aussehen.

Die Kanzlerin kritisiert die SPD-geführten Bundesländer, weil sie beim Thema Innere Sicherheit versagten. Schulz kontert sofort und fragt sie in welchem Bundesland die Kriminalitätsrate pro Kopf am höchsten sei.

Merkel weiß es nicht. Im CDU-geführten Sachsen-Anhalt, sagt Schulz. Ein klarer Punkt für ihn. Außer acht lässt Schulz allerdings, dass die Stadtstaaten die höchsten Kriminalitätsraten haben.

Den Augenblick des Vorteils will Schulz gleich nochmal für sich nutzen und holt zum 13. Angriff aus.

Merkel, so sagt er, solle mit dem “roten-Peter-Spiel” aufhören. Er meint damit, dass Merkel Misserfolge der Bundesregierung auf SPD-geführte Bundesländer schiebt.

Duett statt Duell

Dann war Schluss und trotz der Attacken durch Schulz waren die Reaktionen in den sozialen Netzwerken und den TV-Talkshows eindeutig: Es war weniger ein Duell, sondern ein Duett.

Es zeigte sich weniger, wo die Unterschiede der beiden Kandidaten liegen, sondern vielmehr ihre Gemeinsamkeiten.

Thomas Gottschalk brachte es nach dem Duell, das keines war, in der Talkshow von Anne Will auf den Punkt. Er nannte das Aufeinandertreffen langweilig.

Aber Langeweile sei genau das, was die Deutschen in der Politik wollten, fasste der Entertainer zusammen. Und bekannt ist auch: In dieser Disziplin ist Merkel unschlagbar.

Mehr zum Thema: "Klare Niederlage fürs Fernsehen": Zuschauer und Politiker kritisieren das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz

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(jkl)

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