Auf diese Gesten und Floskeln sollten die Zuschauer beim TV-Duell zwischen Merkel und Schulz achten

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MERKEL SCHULZ
Auf diese Floskeln und Gesten sollten die Zuschauer beim TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz achten | dpa
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  • Wenige Wochen vor der Bundestagswahl soll das TV-Duell wankelmütigen Wählern Hilfe geben
  • Doch nicht nur die inhaltlichen Äußerungen, auch die Gesten und Floskeln der beiden Spitzenkandidaten sind laut Experten aufschlussreich

Fast die Hälfte der Wähler weiß noch nicht, wo sie am 24. September ihr Kreuzchen machen sollen. Möglicherweise sind sie nach dem TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD) schlauer.

Interessant dürfte aber nicht nur werden, was die beiden genau sagen - sondern auch wie sie das tun.

Die HuffPost hat deshalb eine Sprechwissenschaftlerin und einen Experten für Körpersprache gebeten, zu erläutern, auf was die Zuschauer beim TV-Duell achten sollen - und womit sich Merkel und Schulz möglicherweise entlarven.

1. Merkels "Killerphrase"

"Ein Unwort, das Angela Merkel geprägt hat, ist 'alternativlos'. So etwas gibt es nicht, es können immer auch kreativ andere Lösungen gefunden werden", erläutert Marita Pabst-Weinschenk, Sprechwissenschaftlerin von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung.

Sie betont im Gespräch mit der HuffPost: "'Alternativlos' ist eine Killerphrase, die bedeutet, dass sie über das Thema nicht weiter diskutieren will."

Für Herausforderer Schulz hält Pabst-Weinschenk auch gleich eine Lösung parat. Eine solche Phrase könne man auflösen, indem man nachhakt und die Frage zurückgibt.

Die Sprechwissenschaftlerin hat zudem einen kleinen Sprachfehler bei der Kanzlerin ausgemacht - der ihr aber zugute kommt: "Merkel spricht das 'S' nicht ganz korrekt aus, es ist ein bisschen zu nah an den Zähnen. Das lässt sie freundlicher, ungefährlich und fast ein bisschen kindlich kokett klingen", erläutert Pabst-Weinschenk.

Die Wähler sollte jedoch aufpassen: "Mit ihrer leisen weiblichen Autorität, die sich deutlich vom Imponiergehabe männlicher Politiker unterscheidet, war sie bisher erfolgreich. Wir lassen uns von ihr vereinnahmen und bemuttern."

Doch das reiche nicht mehr, wenn die Wähler auf berechtigte Forderungen konkrete Antworten hören wollen.

2. Die Lieblingsfloskel von Schulz

Laut Pabst-Weinschenk versuche der SPD-Chef "kumpelhaft und umgangssprachlich rüberzukommen". So sagt er beispielsweise oft "Leute" statt '"Menschen". Oft falle er auch in seinen rheinischen Dialekt. Damit wolle er Emotionen schüren und zeigen "Ich bin einer von euch".

Doch seine Art und Sprechweise kann kontraproduktiv wirken. Denn der SPD-Chef tendiere teilweise auch zu einem nasalen Klang, "was eher als distanziert und überheblich empfunden wird, wie bei 'hanseatischen Snobs'".

Zudem hat auch Schulz eine Floskel. "Er bemüht oft die 'Gerechtigkeit'. Das ist ein moralischer Wert, der nicht direkt überprüft werden kann", erklärt Pabst-Weinschenk.

"Wenn er davon spricht, könnte Merkel nachfragen, wie es denn sein müsste und welche Vorschläge er habe. Sie muss versuchen, auf konkrete Fakten zurückzukommen."

3. Was Merkels Blickkontakt verrät

Stefan Verra hält Merkels Körpersprache für sehr glaubwürdig. Seit 1999 beschäftigt sich der Österreicher - der jegliche Coaching-Anfragen von Parteien ablehnt - mit Körpersprache. Er ist Dozent, Coach und Autor und hält weltweit Vorträge zu dem Thema.

"Merkel ist das Paradebeispiel für Stabilität, 'Lasst mich in Ruhe weiterarbeiten' ist die Aussage", erläutert der 44-Jährige der HuffPost. "Diese Unbeweglichkeit hat einen evolutionären Vorteil: "Sie zeigt Sicherheit und vermittelt Stabilität trotz Krisen. Allerdings schafft sie so keine Begeisterung."

angela merkel

Doch weil Merkel so unbeweglich sei, "ist es immer auffällig, wenn sie sich plötzlich dramatisch bewegt", betont Verra.

Ein weiteres Problem aus Sicht des Experten: Merkel habe das Bedürfnis, auf Distanz zu anderen Menschen zu gehen. "Das verschafft ihr das Image der Unbestechlichkeit, wirkt aber auch nicht sehr volksnah." Zudem meide sie langen Blickkontakt bei unbequemen Fragen

Da sowohl Merkel als auch Schulz "in sich gedrungen" sind, würden sie aufgrund ihrer Körpersprache "keine Visionen vermitteln", sagt Verra. "Beide gehen nicht mit erhoben Hauptes in das Rennen. Trudeau, Macron oder Obama sind das Gegenteil. Sie schauen in die Ferne. Merkel hingegen schaut von leicht unten in die Welt."

4. Schulz und der "Pistolenfinger"

Das größte Problem von Schulz sei, dass er sich zu wenig von Angela Merkel abhebe, bemerkt Verra. "Beide sind ruhig und starr. Schulz bewegt sich wenig und ist somit fast nicht von Merkel zu unterscheiden. Und wer Unbeweglichkeit, sprich Stabilität sucht, der wählt sowieso schon Merkel."

Schulz kontrolliert sich einfach noch zu sehr. "Das ist er aus dem EU-Parlament gewöhnt, wo er sich sehr diplomatisch geben musste", glaub Verra.

Viele Möglichkeiten das zu ändern hat der SPD-Chef nicht. Der Gestik-Experte hat aber zwei Tipps:

1. "Um noch Boden gut zu machen, müsste Schulz die Körpersprache der frustrierten Deutschen auffangen. Mit Worten tut er das bereits. Allerdings bleiben die unglaubwürdig, weil sich seine politische Haltung nicht in seiner Körpersprache widerspiegelt."

2. "Schulz pendelt nur stereotypisch von links nach rechts. Dabei würde es helfen, wenn er sich bei wichtigen Punkten aufrichtet und bei unwichtigen zur Seite dreht."

schulz

Schulz ist zudem für seinen "Pistolenfinger" bekannt. Dieser ist aus Sicht von Verra ein "zweischneidiges Schwert": "Einerseits macht er sich damit größer und betont wichtige Punkte. Wenn man aber nach vorne zeigt, dann ist das andererseits eines der ältesten Waffen, die der Mensch hat. Es wirkt bedrohlich."

Doch selbst wenn er aggressiv wirken will, gelingt Schulz das nicht, sagt Verra. Er nennt ein Beispiel: "Selbst wenn er auf den Tisch haut, läuft die Bewegung ganz sanft aus. So als ob er auf Watte schlagen würde. Ihm fehlt dabei jeglicher Nachdruck."

5. Was Redner entlarvt

"Das Gesamtbild des Redners muss stimmig sein. Immer wenn wir irgendwie stutzen und irritiert sind, dann ist das ein Anzeichen dafür, dass Inhalt und Sprechweise nicht übereinstimmen", erläutert Sprechwissenschaftlerin Pabst-Weinschenk.

Aus ihrer Sicht sollten die Zuschauer auch bei "zu viel Wortgeklingel" vorsichtig sein. "Viele toll klingende Wörter schaffen noch keine Glaubwürdigkeit." Was zähle sind Fakten.

Körpergesten-Experte Verra räumt zudem mit einer Behauptung auf: "Man kann Lügen nicht erkennen."

Allerdings könne man erahnen, ob einem Redner ein Argument unangenehm ist. "Wenn sich die Haltung des Politikers zum Moderator plötzlich verändert, er also den Kopf zur Seite dreht oder seine Haltung ändert, macht uns das skeptisch."

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(lp)

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