8 Momente, die im Wahlkampf richtig wehgetan haben

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  • Bisher war der Wahlkampf entweder langweilig - oder peinlich
  • Im Video oben seht ihr 8 Momente, die richtig wehgetan haben

Merkels Youtube-Interview, Gaga-Plakate oder Spahns wirre Hipster-Debatte: Viele Momente dieses Bundestagswahlkampfes waren nur mit Schmerzmitteln zu ertragen.

Drei Wochen vor dem Finale am 24. September ziehen wir eine Zwischenbilanz - mit acht Beispielen aus der Wahlschlacht, die richtig wehgetan haben. Fortsetzung folgt!

1. Merkels Youtube-Interview

Es war das vermutlich langweiligste Interview der Kanzlerin in diesem Wahlkampf. Vor knapp einem Monat stellte sich Angela Merkel den Fragen von vier Youtube-Stars, die es ihrer Gesprächspartnerin denkbar einfach machten.

Sie stellten kaum kritische Nachfragen.

Sie ließen sich von der Kanzlerin einlullen. Der Dritte Weltkrieg, der werde schon nicht ausbrechen, dafür werde sie alles tun, keine Sorge, sagte die Kanzlerin.

Und sie nahmen es sogar hin, dass die Kanzlerin sie bloßstellte. "Sonst machen Sie nur Selbstdarstellung?", fragte Merkel eine Youtuberin, als die ihr gestand, gerade ihr erster Interview geführt zu haben.

"Zeit Online" kommentierte treffend:

"Merkel hat das schnelle Medium YouTube verlangsamt, hat die jungen Fragenden, die sonst für immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen sprechen und schneiden, runtergeholt auf ihr Tempo. Wenn Merkel spricht, steht sogar das Internet still."

2. Die vielen Fakenews und Hassbotschaften, auf die AfD-Anhänger ständig reinfallen

Die Hetze und Falschnachrichten der AfD wirken wie ein Fremdkörper im ansonsten recht anständigen Wahlkampf.

Zahlreiche Flüchtlinge, die Urlaub machen. Staatsministerin Aydan Özoguz, die wahlweise "entsorgt" oder "achtkantig aus Deutschland herausgeworfen" werden soll. Oder vermeintliche "Grapschpartys" auf einem Volksfest in Schorndorf.

Diesen Stuss verbreitet die AfD auf kleinen Bildchen mit großen Lettern im Netz. Alle hundertfach geteilt. Und jedes Mal fragt man sich: Fallen wirklich so viele darauf rein?

3. Die Dirndl-Plakate der AfD

Es ist das wohl dämlichste unter den vielen dämlichen Wahlplakaten in diesem Bundestagswahlkampf.

Bier, Breze, Dirndl sind darauf zu sehen. Was soll da schon schiefgehen, um für das "Bewahren deutscher Traditionen" zu werben?

Das dachte sich wohl der AfD-Politiker Daniel Schneider aus Sachsen-Anhalt, als er ein entsprechendes Wahlkampfmotiv auf seine Facebook-Seite stellte. Wohlgemerkt: Schneider ist Vorstandsmitglied des völkisch-nationalistischen Parteiflügels "Patriotische Plattform" und kandidiert derzeit für den Bundestag.

Doch das Bild des selbsternannten Bewahrers deutscher Traditionen sorgt nun für einen Shitstorm. Denn viele Nutzer, mutmaßlich zum Großteil aus Bayern, empfanden die Darstellung als Beleidigung - und äußerten sich erbost unter dem Beitrag.

"Das Bild hat weder mit Tradition noch mit deren Bewahrung zu tun", erklärt Erich Tahedl, Geschäftsführer des Bayerischen Trachtenverbandes, der HuffPost.

Er betont: "Es wird das preußische Klischee vom multipotenten, saufenden und jodelnden Bayern bedient."

4. Lindners Interview auf Malle, in dem er sich Putin anbiedert

Kreml-freundliche Töne kannte man bis vor kurzem nur von den Spitzenkandidaten der AfD und der Linken. Doch dann gab FDP-Chef Christian Lindner im Sommerloch der "WAZ" ein Interview auf Mallorca.

"Wir müssen raus aus der Sackgasse", sagte er mit Blick auf die Ukraine-Krise und die durch Russland besetzte Halbinsel Krim.

Es müsse Angebote geben, damit "Putin ohne Gesichtsverlust seine Politik korrigieren kann.“ Die Sanktionen sollten "nicht erst fallen können, wenn das Friedensabkommen von Minsk vollständig erfüllt ist.“

Den Krieg in der Ukraine - wo noch heute fast täglich Menschen sterben -, gelte es "einzukapseln“, um "an anderer Stelle Fortschritte zu erzielen."

Bis dahin hatte die FDP eine "klare Haltung gegenüber Russland“ - mit diesen Worten jedenfalls bewirbt die Partei ihr Wahlprogramm im Internet, im Kapitel "Freiheit und Menschenrechte weltweit“ im Abschnitt "Außenpolitik aus einem Guss.“

5. Schulz und seine Programmschlacht

Ein bisschen wirkt es so, als stecke die SPD in einer Endlosschleife, wenn Schulz mal wieder einen neuen Programmvorschlag macht.

Im Februar ging es los mit dem Arbeitslosengeld Q, dann folgte Schulz' Grundsatzrede zur Bildungspolitik, daraufhin kam der Entwurf zum Regierungsprogramm, dann das Steuer- und Rentenkonzept, darauf das Regierungsprogramm und dann der Zukunftsplan von Schulz persönlich.

Manchmal widersprechen sich die Pläne gar - wie sein Bildungsplan von Anfang der Woche, der sich in wesentlichen Punkten von seiner Grundsatzrede zur Bildungspolitik unterschied.

Es sind ja gute Ideen dabei. Aber wie sie vorgestellt werden, verwirrt und wirkt chaotisch.

Wünschten sich die Deutschen vor wenigen Monaten noch mehr Inhalte von Schulz, wissen sie heute nicht mehr, wofür der Mann eigentlich steht. Mit so vielen Programmen, Konzepten und Ideen haben die Sozialdemokraten die Öffentlichkeit seither förmlich erschlagen.

6. Spahns merkwürdige Hipster-Debatte

Wie man Probleme erfindet, um im Gespräch zu bleiben - in dieser Disziplin lief Jens Spahn im Wahlkampf zur Hochform auf.

Das CDU-Präsidiumsmitglied mag es nicht, wenn in Restaurants Englisch gesprochen wird.

Das Problem fand er offenbar so dringlich, dass er dem Thema einen ausführlichen Gastbeitrag der Wochenzeitung "Die Zeit" widmete.

Darin hat Spahn auch einen angeblichen Übeltäter identifiziert, der für diese Unsitte, Englisch zu sprechen, mitverantwortlich sei: die Hipster. Durch sie entstehe in Berlin eine "völlig neue Form der Parallelgesellschaft". Wie merkwürdig fremd müsse man sich dabei im eigenen Land, in der eigenen Hauptstadt fühlen.

Merkwürdig fanden viele Politiker und Journalisten allerdings nur Spahns Beobachtung.

"Lieber Jens Spahn", schrieb daher Grünen-Politiker Cem Özdemir auf Englisch in einem ironischen Tweet an den CDU-Politiker, "Hipster sein dreht sich mehr um Stil als um Englisch sprechen. Entspann dich und trink' einen Chai-Latte."

Und der SPD-Politiker Sebastian Hartmann kommentierte: "Irgendwas lief wohl schief." Er teilte ein Bild mit dem Zitat von Spahn. Und machte aus der Parallelgesellschaft der jungen Leute eine Parallelgesellschaft der Jungen Union.

7. Die SPD-Frau, die rumtänzelt, während Schulz der Opfer von Barcelona gedenkt

Am Ende half auch die Entschuldigung nicht mehr, die SPD-Bundestagskandidatin Eva Högl eilig an Journalisten verschickte.

Die Bilder waren in der Welt. Und sie ließen die Berliner Politikerin denkbar schlecht aussehen:

Schulz trauert in einer Pressekonferenz um die Opfer von Barcelona und bekommt nicht mit, was die Kollegin hinter ihm macht

Auf einer Wahlkampfveranstaltung bekundete Kanzlerkandidat Schulz seine Trauer um die Opfer des Terroranschlags in Barcelona.

Hinter ihm: Högl, die offenbar nicht gehört hatte, was vor ihr passierte. Fröhlich wippte sie hin und her, winkte ins Publikum, begrüßte Gäste der Veranstaltung. Schulz' Trauer, Högls Freude - der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten.

8. Als ein Sat.1-Moderator Lindner nach Tinder fragt

Es waren Szenen zum Fremdschämen.

In der Sat.1-Wahlsendung mit den vier Spitzenkandidaten der Linken, Grünen, FDP und AfD fragte Moderator Claus Strunz nach der Attraktivität von Christian Lindner - ob dieser wollte oder nicht.

So musste Linke-Chefin Katja Kipping beantworten, ob sie den Dreitagebart des Liberalen-Chefs nicht toll finde.

"Ich verarbeite noch, dass zum ersten Mal bei einem Mann vor allem über das Äußere gesprochen wird. Früher haben wir uns immer beschwert, wenn das bei Frauen der Fall war", sagte sie.

Das sei zwar ein interessantes Phänomen, "doch ich überlege, ob das nun die Gleichstellung ist, die ich wollte." Denn diese wolle sie eigentlich über Inhalte erreichen.

Sat.1 fragt Kipping, ob sie Lindner scharf findet – die Antwort muss Deutschland Sorgen machen

Kipping ließ sich dann doch noch zu dieser Aussage über Christian Lindner hinreißen: "Das Aussehen ist noch das, was ich am wenigsten zu kritisieren hab."

Darauf sprang Moderator Strunz natürlich sofort an: "Ah, sie finden ihn also scharf, ja?"

Das verneinte Kipping deutlich und betonte: Wenn sie etwas Positives über Lindner sagen müsse, dann wäre das vielleicht etwas über sein Aussehen. Nur um dann zu fragen: "Können wir auch noch über Politik reden?"

Eine berechtigte Frage zum richtigen Zeitpunkt.

Schon zu Beginn der Sendung fragte er Lindner frei heraus, ob es bei diesem bei der Dating-App Tinder gut laufe. Ein Moment, bei dem man dem FDP-Chef ansah, wie sehr er sich beherrschen musste.

Passend zum Thema: Wahl-O-Mat 2017: Testet für die Bundestagswahl, welche Partei zu euch passt

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(ll)

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