Experte: "Kim Jong-Un erpresst den Westen seit Jahren. Und wird es weiter tun"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KIM JONG UN
Experte: "Kim Jong-Un erpresst den Westen seit Jahren. Und wird es weiter tun" | KCNA KCNA / Reuters
Drucken
  • Politiker weltweit überlegen, wie sie Nordkoreas Diktator stoppen können
  • Experten erklären, was sie von den verschiedenen Möglichkeiten halten
  • Und sind sich einig: Nur durch ein großes Risiko könnte man das Atomprogramm stoppen

Ein bisschen drohen. Ein bisschen locken und reden. Sanktionen verhängen. Und noch mehr drohen. Seit Jahren ringt die Welt um eine Antwort auf die Frage, wie man das Kim-Regime in Nordkorea unter Kontrolle halten könnte.

Welche Möglichkeiten es heute gibt – und was Experten davon halten.

1. Militärschlag: extremes Risiko

military north korea

Militärübung zum 85. Geburtstag der nordkoreanischen Armee. Foto: North Korea's Korean Central News Agency (KCNA)/Reuters

In Nordkoreas Verfassung ist die absolute Vorrangstellung des Militärs zementiert. Songun nennen die Nordkoreaner diese Politik.

Nordkorea verfügt nach US-Angaben über die viertgrößte Armee der Welt: 1,2 Millionen aktive Soldaten und bis zu 7,2 Millionen Reservisten - bei nur 24 Millionen Einwohnern. Das Artillerie-Arsenal soll 21.000 Waffen umfassen, die U-Boot-Flotte mit 70 eine der weltgrößten sein. Allerdings gilt die Ausrüstung in weiten Teilen als veraltet, insbesondere die der Luftstreitkräfte. Die Piloten sollen mangels Kerosin kaum geübt sein.

Außerdem entwickelt das Regime ballistische Interkontinentalraketen, die wohl auch das amerikanische Festland erreichen könnten.

Und Kim lässt Ingenieure an Atomsprengköpfen für die Raketen tüfteln. Das Material soll laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri für bis zu 20 Sprengköpfe reichen. Doch wie gut die Sprengtechnik und Trägerrakete schon funktionieren, ist schwer zu sagen.

Das bedeutet: Die Armee Kim Jong-Uns ist stark genug, mit konventionellen Waffen verheerende Angriffe auf Südkorea durchzuführen. Die Hauptstadt Seoul, in der mit gut neun Millionen Menschen fast 20 Prozent der Südkoreaner leben und wo laut Schmidt die Hälfte des BIP erwirtschaftet wird, liegt nur etwa 50 Kilometer von der Grenze entfernt.

Die Atomwaffenproduktion liegt so gut geschützt und im Land verteilt, dass sie nur sehr schwer in kurzer Zeit zerstörbar wäre.

Das bedeutet auch: Letztlich hätte Nordkorea keine Chance, einen Krieg gegen Südkorea und die verbündeten USA zu gewinnen, sagen Experten.

Deshalb würden wohl beide Seiten im Krieg einen Erstschlag vermeiden – weil die Antwort jeweils verheerend wäre. Alexandra Sakaki, Ostasien-Expertin der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) sagte der "Berliner Zeitung" kürzlich: "Ich glaube, sowohl Nordkorea auf der einen Seite als auch Südkorea und die USA auf der anderen Seite sind sich bewusst, dass eine konventionelle Auseinandersetzung sich schnell zu einem unbeherrschbaren Konflikt mit Hunderttausenden von Toten auswachsen kann."

Kleinere militärische Zusammenstöße jedoch hält sie für erwartbar. Es hatte sie auch in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Etwa, als Nordkorea 2010 ein südkoreanisches Kriegsschiff versenkte.

2. Militärischer Druck: Gehört zu Repertoire, nützt wenig

uebung

Bei dem Militärmanöver im August übten Angehörige des Zivilschutzes für den Katastrophenfall. Foto: Getty

Sowohl Nordkorea als auch Südkorea und die USA setzen auf militärischen Druck.

Der zuverlässigste Effekt: immer neue verbale Eskalationen beider Seiten, zuverlässig zu beobachten etwa im Zusammenhang mit den jährlichen Militärmanövern, die Südkorea und die USA mit mehreren zehntausend Soldaten durchführen.

Wesentlich seltener führen die Drohungen zu einer kurzen Beruhigung der Lage. So stellte Kim Jong Un etwa kürzlich nach Drohung von US-Verteidigungsminister James Mattis Pläne für einen Angriff auf die US-Insel Guam zurück. Mattis hatte gedroht, sollte eine nordkoreanische Rakete auf US-Territorium niedergehen, sei "Game on" – dann werde es rund gehen.

Manchmal dienen die eindrucksvollen Militärmanöver auch als Verhandlungsmasse. So forderte Nordkorea auch in diesem Jahr wieder, der Süden solle die Militärmanöver mit den USA unterlassen. Was nicht passiert ist.

Aber: "Sie haben beim letzten Manöver 7000 bis 8000 Soldaten weniger und keine strategischen Waffen eingesetzt und vor allem die Defensive, den Zivilschutz geübt", sagt Hans-Joachim Schmidt, Nordkorea-Experte der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK). "Erst nach dem Abschuss der Rakete über Japan haben sie strategische Waffen wie den B1-Bomber ins Spiel gebracht." Die USA hätten sich also bewegt – wenn auch so, dass es die Öffentlichkeit nicht wahrnahm.

Insgesamt also haben die Drohungen nur einen kleinen Effekt – was nicht verwunderlich ist, wenn beide Seiten davon ausgehen, dass es eigentlich keiner zum Äußersten kommen lassen will.

Eric Ballbach, Nordkorea-Experte der Freien Universität Berlin, sagte dem "Münchner Merkur" kürzlich zum Thema: "Wenn die Vergangenheit eines gezeigt hat, dann, dass Nordkorea auf internationalen Druck mit Gegendruck antwortet."

3. Wirtschaftliche Sanktionen: Ärgern das Regime, helfen aber nicht

farmer

Landwirtschaft in der Hauptstadt Pjöngjang. Foto: Getty

Die Vereinten Nationen, die EU und einzelne Staaten versuchen seit vielen Jahren, Nordkorea mit Handelsrestriktionen zu einem weniger aggressiven Kurs zu zwingen und wollen das auch weiterhin tun.

"Die USA und andere Staaten haben ihre Sanktionen erheblich ausgeweitet und versuchen, auch afrikanische und asiatische Staaten wie Myanmar durch Vergünstigungen auf ihre Seite zu ziehen", sagt Schmidt. Aber:

"Nur China kann Nordkorea wirklich unter Druck setzen." Nordkorea wickle etwa 90 Prozent seines Außenhandels über China ab. China ist auch ein Erdöllieferant für Nordkorea. So forderte der Australische Premier Malcolm Turnbull am Donnerstag denn auch, China solle Nordkorea nicht mehr damit beliefern. "China könnte sicherlich durch eine vollständige Handelsblockade versuchen, Kim Jong-Un in die Knie zu zwingen", sagt Schmidt.

Die Sache hat aber mehrere Haken:

China hat kein Interesse daran, Kim Jong-Un so zu schwächen, dass sein Regime zerbricht. Denn dann würde Südkorea mit seinem Verbündeten USA seine Einfluss auf der koreanischen Halbinsel ausdehnen, bis zur Grenze nach China. Und US-Truppen an der Landesgrenze – das ist eine Horrorvorstellung für Chinas Führung. Außerdem käme auf China wohl eine Massenflucht aus Nordkorea zu.

Deswegen sehen Experten Chinas Bekenntnis zu neuen UN-Sanktionen skeptisch. Experte Ballbach sagte dazu Anfang August: "Im ersten Quartal 2017 sind Chinas Geschäfte mit Nordkorea um 37 Prozent gewachsen – ganz zu schweigen vom Schmuggel an der korruptionsbehafteten Grenze."

Die verschärften Sanktionen würde als erstes die Not der nordkoreanischen Bevölkerung verschlimmern. Die einfachen Menschen, nicht das Regime, würden am meisten getroffen.

Und auch das, sagt Schmidt, würde Kim Jong-Un kaum zum Einlenken bewegen. Schmidt steht mit der Einschätzung nicht allein. Altkanzler Gerhard Schröder etwa sagte, Kim Jong Un sei gewissenlos und würde für seinen Machtanspruch notfalls sein ganzes Volk preisgeben.

Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte des Landes, dass der Kim-Clan seine Politik mit dem Leben anderer bezahlt. 1992 nahm China diplomatische Beziehungen zu Südkorea auf – das Land war ein interessanter Handelspartner geworden. Nordkoreas Führung wütete. Die Nahrungsmittellieferungen aus China fielen aus. Bis zu zwei Millionen Nordkoreaner verhungerten.

Der Wiener Nordkorea-Experte Rüdiger Frank sagte der "Wirtschaftswoche", neue Sanktionen würden "völlig verkehrt" wirken, weil sie jede wirtschaftliche Aktivität behinderten.

"So stärken wir das Regime, weil es weiter darüber bestimmen kann, wem es gut geht und wem nicht.“ Er empfiehlt, der Westen solle sich als Teil der neuen Geschäftsnetzwerke in Nordkorea etablieren.

4. Dialog

verhandlungen

Vertreter Südkoreas, der USA und Japans diskutieren im Januar 2016 in Seoul über Nordkorea. Foto: Getty

US-Präsident Donald Trump twitterte am Donnerstag, nach 25 Jahren der Erpressung seien Gespräche keine Lösung mehr.

Nordkorea hat erst kürzlich Gespräche über sein Atomprogramm abgelehnt. "Wir werden unser Nuklearprogramm zur Selbstverteidigung nicht zur Verhandlung stellen", hieß es in der Erklärung. Das Regime betrachtet die Atomwaffen als Lebensversicherung.

Andere sehen im Dialog sehr wohl einen Weg. US-Außenminister Rex Tillerson will mit Pjöngjang reden, produktiv sei das aber nur, wenn Nordkorea nicht auf seinem Atomwaffenprogramm bestehe. Russlands Präsident Wladimir Putin forderte in der Nacht zum Freitag, man müsse mit Nordkorea sogar ohne Vorbedingungen verhandeln. Und auch China will alle Beteiligten wieder an einem Tisch sehen.

Was hilft: Von allem ein bisschen

protest

Südkoreaner protestieren gegen die Raketenversuche des Nordens. Foto: Getty

Nur mit militärischem Druck oder nur mit Sanktionen oder nur Dialog ist Kim Jong-Un nicht beizukommen", sagt Schmidt. "Es braucht eine Mischung aus allem."

Die fatalistische Sicht, dass letztlich all diese Maßnahmen in den letzten Jahren das Regime nicht endgültig stoppen konnten, teilt er nicht.

Er verweist auf das Genfer Rahmenabkommen von 1994 und den Initial-Action Plan von 2007. "Der eine hat acht Jahre funktioniert, der andere immerhin anderthalb Jahre." Selbst wenn ein neues Abkommen nur zu 80 Prozent umgesetzt werde, wäre es eine deutliche Verbesserung gegenüber der aktuellen Situation, sagt er.

"Denn eines muss klar sein: Wir können nicht verhindern, dass Kim Jong-Un Atomraketen bauen lässt." Ohne einen "verheerenden Militärschlag" könne man die Entwicklung der Raketen und Sprengköpfe wahrscheinlich nur verlangsamen und danach ihren Einsatz versuchen zu verhindern.

Mit anderen Worten: "Kim Jong Un erpresst den Westen seit Jahren. Er wird es weiter tun. Wir können nur versuchen, seine Waffenprogramme zu begrenzen und zu verzögern."

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(lp)

Korrektur anregen