Absprache vor TV-Duell? Merkel weicht kritischen Fragen aus – und zeigt, wie nervös sie ist

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SCHULZ MERKEL
Absprache vor TV-Duell? Merkel weicht kritischen Fragen aus – und zeigt, wie nervös sie ist | Francois Lenoir / Reuters
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  • Vor dem TV-Duell am Sonntag weicht Kanzlerin Merkel kritischen Fragen aus
  • Merkel hatte sich gegen ein geändertes Sendekonzept gewehrt, gar mit einer Absage gedroht
  • Die Kanzlerin hat gute Gründe, nervös zu sein

Es fällt schwer, vor dem TV-Duell am Sonntagabend nicht das abgedroschene Bild von David und Goliath zu bemühen.

Der fast bemitleidenswert glücklose SPD-Chef Martin Schulz trifft dann im großen Fernsehduell von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 auf Kanzlerin Angela Merkel (CDU), der seit Jahren fast alles zu gelingen scheint – selbst wenn sie bisweilen wenig dafür tun muss.

Nicht wenige – auch in der SPD-Fraktion – sehen im TV-Duell die letzte Chance für Schulz, der in den Umfragen noch immer abgeschlagen ist. Merkels Situation dagegen ist so komfortabel, dass es einem schwerfällt, ein Szenario zu entsinnen, in dem der Schlagabtausch am Sonntag ihr noch schaden soll.

Die Kanzlerin selbst jedoch scheint nervös zu sein.

Merkel weicht aus: "Das Duell ist mir wichtig"

Darauf deuten zumindest die Bedingungen hin, die das Kanzleramt an die Sender stellte und die der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender gar als "Erpressung“ bezeichnete.

Im Interview mit dem "Spiegel“ auf die Absprachen angesprochen, wich Merkel nun gar so ungelenk aus, dass es so wirkt, als scheue sich die Kanzlerin regelrecht vor einem offenen Rededuell.

Warum sich Merkel den Bemühungen der Sender widersetzt habe, das altbekannte Format durch mehr Freiheit für die Moderatoren und Zuschauerfragen aufzulockern, wollte der "Spiegel“ wissen.

Merkel antwortete mit 90 Wörtern, und sagte doch nichts zu der eigentlichen Frage. "Dieses TV-Duell ist mir wichtig, deshalb habe ich von vornherein wieder meine Bereitschaft zu einem Duell erklärt“, begann die Kanzlerin.

Es sei eine "gute Regel, dass die formalen Modalitäten der Sendung mit den Sendern besprochen werden.“ Was gegen ein freieres Diskussionsformat spräche, präzisierte Merkel aber auch auf Nachfrage nicht.

"Ich achte die Pressefreiheit, aber..."

Merkels Antwort: "Ich achte die Pressefreiheit sehr hoch. Zugleich aber hat auch ein Politiker immer die Freiheit zu entscheiden, ob er oder sie eine Einladung in eine Sendung annimmt oder nicht.“

Die Kanzlerin pochte so mehr oder minder direkt auf ihr Recht, sich der öffentlichen Debatte zu entziehen.

Auch die Idee, mehrere TV-Duelle auszutragen, lehnte Merkel ab: "Weil wir in Deutschland kein Präsidialsystem haben, sondern Parteien wählen.“

Warum das TV-Duell für Merkel eine so heikle Angelegenheit ist, zeigt ein Blick auf die vergangenen Wahlkämpfe. Denn: Die letzten drei TV-Debatten hat die CDU-Chefin allesamt verloren.

Schröder zeigt Schulz, wie es geht

Im Jahr 2005 machte Gerhard Schröder Schulz lehrbuchartig vor, wie die Kanzlerin zu knacken ist. Auch Schröder, damals noch Kanzler, lag in den Umfragen weit hinter Merkel.

Nach dem Duell, bei dem 54 Prozent der Zuschauer Schröder vorne sahen, konnte die SPD eine bemerkenswerte Aufholjagd starten: Schröders SPD kam letztendlich immerhin auf über 34 Prozent und verlor damit nur hauchdünn gegen die Union.

Schröder warf Merkel damals "mangelnden Respekt vor den Wählerinnen und Wählern“ vor, weil sie so tue, "als sei das Duell schon gelaufen“. Der damalige Kanzler betonte immer wieder seine eigene Erfahrung, beim größten Wahlkampf-Thema Steuern konnte Merkel mit ihren Konzepten nicht überzeugen.

Auch gegen Frank-Walter Steinmeier vier Jahre später unterlag die Kanzlerin. Zehn Prozentpunkte mehr konnte der SPD-Mann im Zuschauervoting einfahren. Dafür brauchte Steinmeier die Kanzlerin nicht einmal attackieren: Von einem 0:0 schrieben die Medien damals, von einem nahezu harmonischen Gespräch zwischen den beiden Kandidaten.

Auch Steinbrück besiegte Merkel

Peer Steinbrück ging da 2013 anders vor: Er griff Merkel immer wieder scharf an. Ein Vorgehen, dass viele Beobachter auch von Schulz erwarten – und das im Fall von Steinbrück Erfolg hatte: Fünf Prozentpunkte lag der SPD-Herausforderer, dem im Wahlkampf sonst nicht viel gelang, im Zuschauerranking vor der Kanzlerin.

Einen großen Fehler allerdings leistete sich Steinbrück: Er betonte, im Falle einer Wahlniederlage unter Merkel keinen Ministerposten annehmen zu wollen. TV-Entertainer Stefan Raab, einer der Moderatoren des Duells, warf Steinbrück daraufhin vor, den "King of Kotelett" zu markieren.

Fehler wie diese kann Merkel von Schulz nicht erwarten. Denn: Obwohl die SPD in Umfragen hinterherhinkt, hat sich der ehemalige EU-Parlamentspräsident bislang wenige rhetorische Schnitzer geleistet.

"Schulz hat noch keinen kapitalen Fehler gemacht"

Der ehemalige SPD-Wahlkampfstratege Frank Stauss sagte der HuffPost kürzlich, Schulz habe "keinen kapitalen Fehler gemacht, trotz des Dauerfeuers". "Er ist im Blick der Wähler nicht belastet, hat noch immer eine hohe Glaubwürdigkeit", glaubt Stauss.

Auch in der RTL-"Wahlarena“ konnte der SPD-Chef vor wenigen Wochen einen erbaulichen Auftritt hinlegen. Dass er durchaus in der Lage ist, Menschen zu begeistern, hat Schulz in diesem Frühjahr zu Genüge unter Beweis gestellt, als nach seiner Ernennung zum Spitzenkandidaten ein Ruck durch die politische Landschaft zu gehen schien.

Regelmäßig begeisterte Schulz zu Beginn seiner Kandidatur bei öffentlichen Auftritten. Vor großen und kleinen Menschenmengen.

Am Sonntag wird sein Publikum wohl größer denn je: Laut einer Forsa-Umfrage wollen 48 Prozent der 61,5 Millionen Wahlberechtigten sich die TV-Debatte ansehen.

Für Merkel sind das nur bedingt gute Nachrichten. Auch sie weiß, dass das Format ihre "Achillesferse" ist – wie es die "FAZ" nennt.

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(ll)

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