Noch nie ist es mir so schwer gefallen, bei einer Bundestagswahl meine Stimme zu vergeben

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BUNDESTAG
Noch nie ist es mir so schwer gefallen, bei einer Bundestagswahl meine Stimme zu vergeben | GETTY
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  • Rund drei Wochen sind es noch bis zur Bundestagswahl - und HuffPost-Autor Sebastian Christ weiß nicht, wen er wählen wird
  • Das liegt nicht nur am langweiligen Wahlkampf

Sind sie am 24. September verreist? Haben Sie schon die Briefwahlunterlagen angefordert? Im August ist kein einziger Tag vergangen, an dem die Parteien nicht darauf hingewiesen hätten, dass man seine Stimme auch per Post abgeben kann.

Mit Erfolg: Bis zu 30 Prozent der Wähler machen ihr Kreuzchen dieses Mal ein paar Wochen früher. Was besonders die Union freuen dürfte, angesichts der aktuellen Umfragen.

Ich gehöre nicht zu jenen, die in diesem Jahr Briefwahl beantragt haben. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich Ende September an meinem Wohnort bin. Wenigstens das kann ich mit Gewissheit sagen.

Mich dagegen jetzt schon für eine der Parteien entscheiden zu müssen, wäre ein Alptraum für mich.

Ich gebe es zu: Noch nie ist es mir so schwer gefallen, bei einer Bundestagswahl meine Stimme zu vergeben.

Natürlich werde ich wählen gehen

Dass ich wählen gehen werde, steht außer Frage. Denn ich will nicht zu jenen gehören, die erst zu bequem zum Wählengehen sind und dann darüber klagen, dass die falschen Leute das Land regieren.

Wie gefährlich Demokratieverweigerung ist, haben uns die jungen Menschen in Großbritannien gezeigt. Insgesamt haben sich nur 64 Prozent der Erstwähler am Brexit-Referendum beteiligt, aber 90 Prozent der Rentner.

Dafür waren eben diese jungen Erwachsenen später um so lauter, als sie sich darüber beklagten, dass die Alten ihnen die Zukunft genommen hätten.

Aber was soll ich nun wählen? Am besten fange ich per Ausschlussverfahren an.

Ganz rechts und ganz links

Ich werde nicht die AfD wählen. Das weiß ich. Und auch die Linke nicht, obwohl ich während der Wirtschafts- und Finanzkrise vor knapp zehn Jahren fand, dass sie durchaus den ein oder anderen Punkt hatte.

Doch dann sind wir schon bei den zweifelsfrei demokratischen Parteien. Und deren Konzepte sollte man sich zumindest einmal anhören, bevor man "ja" oder "nein" sagt.

Mir fiele jetzt einiges ein, was ich zu den Programmen sagen könnte. Als politischer Journalist interessiere ich mich auch für die Materie, so ist es nicht. Aber am Ende läuft bei mir jedes Nachdenken über Wahlprogramme auf ein ermüdendes Pro-und-Contra hinaus.

Hat die Kanzlerin eine Plan für die Zukunft?

Angela Merkel und die CDU haben in der Flüchtlingsdebatte Menschlichkeit und christliche Nächstenliebe gezeigt.

Gut! Aber was will Merkel eigentlich nach zwölf Jahren als Kanzlerin anders machen, um die offensichtlichen Missstände auf dem Arbeitsmarkt oder in der Rentenpolitik zu beheben?

Und warum hat sie es nicht längst schon anders gemacht? Außerdem wählt man politische Totalausfälle wie Alexander Dobrindt von der CSU mit, wenn man der CDU die Stimme gibt.

Martin Schulz schweigt zu Russland

Martin Schulz und die SPD haben ein spannendes Konzept zum lebenslangen Lernen vorgestellt, das mich begeistert. Aber den Rest des "Zukunftsplans" von Schulz finde ich zu kurz gedacht.

Möchte sich da jemand einfach nur mit dem Wort "Zukunft" schmücken? Und sein dröhnendes Schweigen zu Putins Kriegsverbrechen in Syrien und der Ukraine ist unerträglich.

Die Grünen sind wichtig, haben aber verlernt, Avantgarde zu sein und frische Ideen für dieses Land zu produzieren. Die FDP könnte wichtig sein, gefällt sich jedoch immer noch eher als wirtschaftsliberale Klientelpartei, deren Selbstinszenierung so nervtötend wie der Instagram-Account von "Bibis Beauty Palace" in Dauerschleife wirkt.

Heute gibt es ein großes politisches Ödland

Es gibt in Deutschland viele Linksliberale, aber keine linksliberale Partei. Ebenso leben in Deutschland eine Menge wirtschaftlich schwächere Menschen, die gern eine echte "Kleine-Leute-Partei" wählen würden.

Doch da, wo früher die SPD so stark und wichtig war, ist heute politisches Ödland, auf dem man allenfalls noch ein paar Alt-Kommunisten von der Linken trifft.

Und auch die Konservativen haben ein Problem mit der Union: Wer gegen die "Ehe für alle" ist und für eine stark regulierte Zuwanderung eintritt (was für sich genommen erst einmal eine legitime Position ist), dem bleibt außer der rechtsradikalen AfD kaum eine Alternative.

In meinem Freundeskreis gibt es Sozialdemokraten, die in diesem Jahr nicht für die SPD stimmen werden – wegen der Russlandpolitik der Partei. Und ich kenne CDU-Mitglieder, die wegen der "Ehe für alle" nicht noch einmal Angela Merkel wählen wollen.

Die Politik versteht die Menschen nicht mehr - und umgekehrt

Ein großes Problem für diese Demokratie ist, dass Parteien und Gesellschaft nicht mehr so recht zueinander passen wollen. Wo Volksparteien früher bis zu 90 Prozent der Wähler für sich gewinnen konnten, bleiben heute viele Menschen mit dem Gefühl zurück, dass sie von den Parteien nicht verstanden werden.

Das hat nicht nur programmatische Gründe, sondern auch menschliche. Wer will es einem Maurer mit 1200 Euro netto im Monat und ohne Aussicht auf große Verbesserung denn verübeln, wenn er den meist fertigstudierten und karriereoptimierten Kandidaten der großen Parteien erst einmal mit Skepsis begegnet?

Früher waren die Arbeiter eine der größten Berufsgruppen im Bundestag. Heute sind es vor allem Juristen und Beamte, die das Volk als Abgeordnete vertreten sollen. Wir reden alle über "Diversity" im Beruf.

Neue Stellen sollen mit Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkünfte sowie paritätisch nach Geschlechtern besetzt werden. Nur der Deutsche Bundestag ist da eine Ausnahme: eine akademische Monokultur von vornehmlich weißen Biodeutschen, unter denen sich immer noch überdurchschnittlich viele Männer befinden.

Das ist auch deswegen so besorgniserregend, weil den Parteien dadurch eine Kernkompetenz abhanden zu kommen droht: Eigentlich sollen sie artikulieren, was den Menschen auf dem Herzen liegt. Das fällt den Parteien aber dann schwer, wenn sich große Bevölkerungsgruppen in den Gremien nicht mehr wiederfinden.

Auch das könnte ein Grund sein, warum ich in diesem Jahr sicher nicht allein mit meinen Schwierigkeiten bei der Findung einer Wahlentscheidung bin.

Und natürlich liegt es auch daran, wie in diesem Land Wahlkämpfe geführt werden. Oder auch nicht.

Ein Wahlkampf zum Einschlafen

Die längste Zeit ihrer Kanzlerschaft hat Angela Merkel alles dafür getan, sich als Politikerin so unpolitisch wie möglich zu verkaufen. Wer heute unter 20 ist, hat in politischer Hinsicht kaum etwas anderes erlebt als diese bewusste Entpolitisierung der Debatten.

Und selbst wer älter ist, kann sich womöglich nur noch düster an den letzten echten Wahlkampf erinnern: Das war im Jahr 2005, als Kanzler Gerhard Schröder seine Agenda-Politik zur Abstimmung stellte und sich mit einer damals marktradikalen Angela Merkel als Herausforderin konfrontiert sah. Die Linkspartei war im Entstehen begriffen und bei den Grünen gab es noch Joschka Fischer und eine Menge Elan.

Die Wahlbeteiligung lag damals bei knapp 78 Prozent und damit deutlich unter dem Niveau von 2002. Nach zwölf Merkeljahren wären 78 Prozent wohl schon ein großer Erfolg.

Wie aber sollen sich Bürger ein Bild von der Politik machen, wenn selbst die Kanzlerin nur wenig dafür tut, die Menschen zu erreichen?

Wir müssen Demokratie wieder leben

Wahrscheinlich müssen wir wieder intensiver lernen, dass wir für diese Demokratie selbst verantwortlich sind. Dass es in einer Parteiendemokratie kein "die da oben" mehr gibt, wenn ich zur nächsten Jahreshauptversammlung des Ortsverbandes meiner Wahl nur genug Freunde und Gleichgesinnte mitbringe, um den Laden zu übernehmen.

Für die Bundestagswahl 2017 könnte vorerst auch der Blick auf die kleinen Parteien helfen. Das Beispiel der Piraten hat 2009 gezeigt, dass Stimmen für nicht im Bundestag vertretene Parteien nicht unbedingt verloren sein müssen.

Zwar haben die Piraten damals mit zwei Prozent der Stimmen den Einzug ins Parlament klar verpasst. Und dennoch war das Ergebnis ein unerwarteter Erfolg, der die anderen Parteien dazu brachte, sich stärker um die Digitalpolitik zu kümmern.

Und wer unbedingt protestwählen will, der möge sein Kreuz bei "Der Partei" machen. Deren Spitzenkandidat Nico Semsrott macht bisher einen sehr lustigen Wahlkampf. Auch wenn er das selbst wohl bestreiten würde.

Passend zum Thema: Wahl-O-Mat 2017: Testet für die Bundestagswahl, welche Partei zu euch passt

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