Die USA verlegen tausende neue Soldaten nach Afghanistan - das müsst ihr jetzt über den Krieg am Hindukusch wissen

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AFGHANISTAN
Blut und Asche: Die USA verlegen tausende neue Soldaten nach Afghanistan - eine Katastrophe bahnt sich an | Getty
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  • Die USA werden ihre Truppen in Afghanistan massiv aufstocken
  • Doch ein Blick auf die Lage am Hindukusch zeigt: Die Entscheidung könnte in einer Katastrophe enden

In der Stadt Lashkar Gah im gebirgigen Südwesten von Afghanistan besuchen einige Kinder eine Moschee, als sich vor der Polizeistation nebenan ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengt.

Die Explosion zerreißt zwei Frauen und ein Kind, vier Soldaten sterben. 38 Menschen sind teilweise schwer verletzt, berichten die afghanischen Behörden - unter ihnen viele der Kinder aus der Moschee.

Das Attentat geschah vor einer Woche. Es ist nur eines von vielen, das die Taliban und der sogenannte Islamische Staat (IS) in diesem Jahr begangen haben.

Mord und Terror sind in Afghanistan wieder blutiger Alltag geworden - und der Krieg im Land ist längst kein schwellender Konflikt mehr, sondern längst ein heißer Kampf. Einer, in den sich nun auch die USA wieder stärker einmischen wollen.

US-Präsident Donald Trump will tausende neue Soldaten an den Hindukusch schicken. Die ersten Befehle dazu hat US-Verteidigungsminister James Mattis am Donnerstag unterzeichnet.

Es ist eine Entscheidung, die im Hinblick auf die Lage in Afghanistan in einer Katastrophe enden könnte.

Zahl der ermordeten Zivilisten in Afghanistan auf Rekordniveau - auch wegen der USA

1662 unschuldige Menschen sind im ersten Halbjahr im Afghanistan-Krieg ermordet worden. Laut den Vereinten Nationen ein trauriger Rekord: Seit 16 Jahren steige die Zahl der getöteten Zivilisten in Afghanistan jährlich.

174 der Opfer waren Frauen, 436 waren Kinder. Zusätzlich wurden laut der UN 3582 Zivilisten in dem Konflikt verwundet - unter diesen waren fast ein Drittel Kinder.

Die meisten dieser Menschen starben demnach bei Bombenanschlägen oder Luftschlägen. Etwa zwei Drittel der Toten waren Opfer der Taliban oder des IS.

Doch auch die USA töten in Afghanistan Zivilisten. Bereits 389 Luftschläge hat die US-Luftwaffe Ende Juni 2017 in Afghanistan durchgeführt - mehr als beispielsweise noch im gesamten Jahr 2013. Dabei starben laut den Vereinten Nationen 85 Zivilisten - alleine 26 bei einer fatalen Attacke in der Stadt Sangin.

Folgt der Eskalation des Luftkriegs der USA in Afghanistan nun auch eine Bodenoffensive, könnte die Zahl der ermordeten Zivilisten noch viel höher ausfallen.

Noch keine fremde Macht hat Afghanistan erobert - und die Taliban sind so mächtig wie nie zuvor

Afghanistan, so von Leid geplagt wie es ist, hat sich seit seinem Bestehen als Nation bisher jedem Invasoren widersetzt. Die Sowjetunion erlebte in den 80er-Jahren hier ihr Vietnam: Von den USA unterstützte Mudschahedin setzten den Russen in einem Zermürbungskrieg zu, bis diese außer Landes flohen.

Aus diesen Widerstandskämpfern gingen die Taliban hervor, die Terrormiliz, die auch Osama bin Laden und Al Qaida unterstützte. Und gegen die die USA im Jahr 2001 in den Krieg zogen.

Zwar eroberten die Vereinigten Staaten schnell das Land und schafften es 2011 schließlich sogar, bin Laden zu ermorden. Doch die Taliban bekamen die US-Streitkräfte nie in den Griff. Die Miliz kontrolliert heute sogar mehr Territorien als vor Beginn des Krieges.

Für die US-Truppen im Land erhöht das die Gefahr erheblich. Auch wenn ihre Zahl erhöht wird - tödliche Konfrontationen mit den Taliban werden immer wahrscheinlicher.

In Afghanistan droht den USA ein offener Konflikt mit Russland

Doch die sind nicht die einzige Gefahr, die den USA in Afghanistan droht. Da ist zum einen die Terrororganisation IS, die sich Donald Trump und seine Generäle wohl zum neuen Hauptfeind in dem Land erkoren haben.

Doch da ist auch Russland. Kreml-Chef Wladimir Putin hat im Frühjahr angekündigt, dass sein Land sich stärker in Afghanistan engagieren werde. Auf einer Konferenz im April, die er gemeinsam mit Vertretern von Staaten wie China, Indien, Pakistan und dem Iran abhielt, kündigte er an, die Bedrohung des Terrors aus Afghanistan bekämpfen zu wollen.

Putin schloss dabei auch eine Zusammenarbeit mit den Taliban nicht aus - sehr zum Entsetzen von Militärs in den USA.

Und auch Experten reagierten skeptisch oder gar empört auf Putins Afghanistan-Vorstoß: Alexej Malaschenko, Forschungsdirektor am Institut "Dialog der Kulturen" und Experte des Moskauer Carnegie-Zentrums, sagte im Januar der Deutschen Welle: "Man muss nicht befürchten, dass von Afghanistan irgendeine Instabilität nach Russland überschwappen kann. Diese Gefahr besteht einfach nicht."

Der Zentralasien-Experte Arkadij Dubnow sagte dem Sender, dass Russland trotz alledem das Vakuum nach einem Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan füllen wolle. Der Kreml versuche, die verschiedenen extremistischen Gruppen in dem Land gegeneinander auszuspielen.

Ein geopolitisches Machtmanöver, dem die USA nun eine Erhöhung der eigenen Truppenstärke entgegensetzen. Ein riskantes Unterfangen.

Mehr zum Thema: Der ewige Krieg in Afghanistan geht weiter - jetzt betritt Putins Russland das Schlachtfeld

Die USA sind seit 16 Jahren in Afghanistan im Krieg - ohne nennenswerte Erfolge

Denn die neue Übermacht der Taliban und auch Putins aggressives Vorgehen verdeutlichen: Obwohl die USA seit 16 Jahren Krieg in Afghanistan führen, haben sie kaum Erfolge erzielt. Zwar wird Afghanistan nun von einer US-gestützten Regierung geführt.

Doch diese hat es nicht geschafft, das Land zu befrieden, geschweige denn zu kontrollieren. Nicht einmal die Hauptstadt Kabul ist wirklich in afghanischer Regierungshand. Die Taliban, der IS, die afghanischen Warlords: Sie bestimmen das Leben in weiten Teilen des Landes.

Unter dem Strich steht für die USA bei ihrer Operation Enduring Freedom also nur ein wirklich erfülltes Ziel: Der Tod des Mannes, der die Anschläge auf das World Trade Center befahl. Und das unabhängig davon, wie viele zehntausend Truppen sie im Land einsetzten.

2403 dieser US-Soldaten sind im Afghanistan-Krieg bisher gestorben. Insgesamt forderte der Krieg über 100.000 Menschenleben, 31.000 der Opfer waren Zivilisten.

Es werden mehr werden, sollte Donald Trump sich dazu entscheiden, den Konflikt aufs Neue zu eskalieren. Den ersten Schritt dazu hat der US-Präsident mit seiner geplanten Entsendung von über 10.000 neuen Soldaten getan.

Und das, obwohl er "keinen Plan hat, wie er den Krieg in Afghanistan beenden will", wie Vali Nasr, der Direktor der John Hopkins School of Advanced International Studies, der "New York Times" kürzlich sagte. Trump brauche dringend einen diplomatischen Kurs.

"The Intercept" formulierte es weit drastischer. In einem Artikel warnte das US-Magazin vor der möglichen neuen Katastrophe in Afghanistan: "Donald Trumps neuer Afghanistan-Plan verspricht mehr Morde - und wenig anderes."

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(ll)

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