Wladimir Putin stärkt dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un den Rücken - dahinter steckt Kalkül

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PUTIN NORTH KOREA
Russlands Präsident Putin (l.) empfing 2014 Choe Ryong Hae, einen Vertrauten Kim Jong Uns, in Moskau | KCNA KCNA / Reuters
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  • Russlands Präsident Putin hat sich für Verhandlungen ohne Vorbedingungen mit Nordkorea ausgesprochen
  • Ein Experte erklärt, welche Interessen Putin damit verfolgt

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un lässt Raketen und Atomsprengköpfe testen, verletzt damit UN-Sanktionen. Und die Welt ringt um eine adäquate Antwort.

In der Nacht zum Freitag hat Russlands Präsident Wladimir Putin eine Erklärung veröffentlicht, in der er russischen Agenturen zufolge einerseits vor einem "Konflikt größeren Ausmaßes" warnt.

Und andererseits fordert, alle beteiligten Länder müssten direkt mit Nordkorea über eine Einstellung seines Atom- und Raketenprogramms verhandeln - und zwar "ohne jede Vorbedingungen". Provokationen, Druck und kriegerische Rhetorik seien "der Weg ins Nichts".

Putin stärkt dem international geächteten Regime also den Rücken.

Was Russland und Nordkorea verbindet

Tatsächlich gilt Russland – nach China – als wichtigster Verbündeter des Kim-Regimes.

Hans-Joachim Schmidt, Nordkorea-Experte der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), verweist auf die vielfältigen Beziehungen zwischen beiden Staaten:

Militärische Beziehungen: 1961 hat Nordkorea mit der Sowjetunion eine Militärallianz geschlossen. Das kommunistische Regime in Moskau versprach, das ebenfalls kommunistisch geprägte Regime in Pjöngjang im Bedrohungsfall militärisch zu unterstützen.

Der gemeinsame Feind: Südkorea und dessen Verbündeter USA, die im Koreakrieg der 50er-Jahre gegen Nordkorea gekämpft hatten. Im Jahr 2000 wurde die Militärallianz überarbeitet – seither muss auch Nordkorea Russland unterstützen.

Wirtschaftliche Beziehungen: Beide Länder betreiben Handel miteinander, wenn auch nur in geringem Umfang. Im vergangenen Jahr waren es laut Schmidt 70 Millionen US-Dollar. Im ersten Quartal 2017 allerdings sei er um 85 Prozent gestiegen, "weil Russland die von China gestoppten Energielieferungen ersetzte".

Zum Vergleich: Nordkoreas Handel mit China betrug 2016 über sechs Milliarden US-Dollar. Russland habe bis 2013 mehr als 300 Millionen US-Dollar in die Infrastruktur der nordkoreanischen Sonderwirtschaftszone Rason im Nordosten des Landes investiert.

Geographische Nähe:Nordkorea grenzt im äußersten Nordosten an Russland. Die Grenze ist keine 20 Kilometer lang, aber es gibt laut Schmidt eine kleine Fährverbindung zwischen Nordkorea und dem russischen Wladiwostok.

Das Kalkül Putins

Diese Verflechtungen erklären zwar eine wohlwollende Haltung Putins, aber noch nicht das Kalkül, das ihn zu so einer Mitteilung verleiten würde.

Wenn Putin durch seine Taktik einen Verhandlungserfolg erzielen würde, könnte ihm das auf internationalem Parkett nützen – und damit auch innenpolitisch Pluspunkte bringen.

Besonders, nachdem er infolge der Ukraine-Krise international isoliert dastand. Die Gelegenheit, sich nun als besonnener Verhandler zu präsentieren, ist umso günstiger, als US-Präsident Donald Trump selbst in dieser hochriskanten Situation auf Twitter zündelt, häufig den Ton ändert und sich offensichtlich nicht mit seinen Beratern und Militärs abstimmt.

Schmidt sieht noch einen anderen Grund: "Russland hat wegen des Ukraine-Konflikts und der damit verbundenen Sanktionen mit dem Westen viele Probleme – und orientiert sich deshalb nach China, dem engsten Verbündeten Nordkoreas", sagt Schmidt.

So hatte sich Russland etwa Chinas "Double-Freeze-Vorschlag" angeschlossen: Die USA sollten ihre multinationalen Militärmanöver in Südkorea einstellen, dafür das Kim-Regime seine Raketentests.

Vor allem hat Putin aber immenses Interesse daran, dass die Lage auf der koreanischen Halbinsel nicht eskaliert. Angeblich hat er aus Sorge schon 1500 Russen von der Grenze zu Nordkorea evakuieren lassen.

Putins Dilemma: Kim Jong-un darf weder zu stark werden - noch zu schwach. Denn in beiden Fällen würden die Amerikaner ihren Einfluss auf der koreanischen Halbinsel ausweiten.

Wenn die Lage weiter so angespannt bleibt, sagt Schmidt, dann könnten die USA und Südkorea ihre Raketenabwehr ausbauen. "Das ist weder im Interesse Russlands noch im Interesse Chinas." Wenn Kim Jong-uns Regime dagegen fiele, dann würden es wohl nur noch ein Korea geben - ein kapitalistisches.

Sollte sich die Lage nicht beruhigen und es tatsächlich zu einem Krieg kommen, wäre Putin formal gezwungen, Nordkorea militärisch zu unterstützen. Ebenso wie China, das auch einen Bündnisvertrag mit Nordkorea hat. Eine solche Konfrontation kann niemand wollen. Und China hatte Nordkorea jüngst auch mitgeteilt, dass man nicht helfen werde, wenn Nordkorea selbst einen Krieg anzettelt.

Russland, sagt Schmidt, habe ein Interesse daran, Nordkorea an der Entwicklung von Nuklearwaffen zu stoppen. "Wie alle Nuklearwaffenstaaten ist Russland daran interessiert, dass nicht noch ein Staat über Atomwaffen verfügt. Das würde die Instabilität des internationalen Systems weiter erhöhen."

Und letztlich, sagt Schmidt habe Putin in einem Punkt Recht: "Mit Druck allein ist Kim Jong-un zu nichts zu bewegen. Er hat sich bislang weder durch Militärmanöver noch durch Sanktionen erweichen lassen. Es brauchte immer auch Gespräche."

Damit verfolgt Putin also eindeutig seine Interessen. Doch diesmal muss das für die internationale Gemeinschaft nicht einmal schlecht sein. So hatte etwa auch der Wiener Nordkorea-Experte Rüdiger Frank kürzlich im Interview mit der "Wirtschaftswoche" dafür plädiert, die Taktik zu ändern. Denn Sanktionen und Rote Linien hätten bislang auch nichts gebracht.

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(ll)

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