Wie sich ProSieben mit einem Beitrag über Erstwähler lächerlich macht

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PRO SIEBEN
Wie "taff" sich über Jungwähler lustig macht | screenshot
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  • ProSieben versucht sich an einem neuen Format über Erstwähler
  • Und scheitert völlig, weil der Sender die jungen Menschen vorführt
  • Mit seiner politischen Stimmungsmache spaltet der Sender das Land

Die Idee selbst ist schon ziemlich alt: Man nehme einige sehr unbedarfte Erstwähler, setze sie in ein Fernsehstudio und stelle ihnen Fragen zum politischen Leben.

Stefan Raab hat das bereits im Vorfeld der Bundestagswahl 2002 gemacht. Im Rahmen eines Castings wurden ganz unterschiedliche junge Menschen zum politischen System der Bundesrepublik befragt.

Es war keine Sternstunde des Bildungsfernsehens, die Kommentare des Off-Sprechers waren bisweilen sexistisch und gehässig. Aber wenigstens wechselten sich die Szenen ab, in denen man über und mit den Dargestellten lachen konnte.

Seitdem müht sich ProSieben jedes Wahljahr aufs Neue an diesem Format ab. Nachdem Raab in den künstlerischen Vorruhestand getreten ist, ist nun offenbar das Boulevardmagazin "taff" für das Format verantwortlich.

Junge Menschen als dämliche Verlierer

Am Donnerstag wurde das entsprechende Video veröffentlicht, das bereits in den ersten 24 Stunden mehr als 1,5 Millionen Abrufe hatte. Es ist journalistisch und menschlich ein Armutszeugnis für die gesamte Redaktion von "taff", ja für den Sender insgesamt. Für jene, die es gemacht haben. Und für jene, die es zugelassen haben.

Von der Situationskomik der Vorlage ist nichts übrig geblieben. Die Autoren haben nicht im Ansatz versucht, gut beobachtete Pointen zu zeigen. Es geht einfach nur darum, junge Menschen als dämliche Verlierer dastehen zu lassen, die es eigentlich nicht verdient haben, am 24. September zur Wahl gehen zu dürfen.

Nichtwähler werden abgewatscht

Dabei ist auch völlig egal, was diese Menschen zu sagen haben: Wenn ein junger Mann namens Patrick etwa davor warnt, dass Nichtwähler am Ende ihre Chance einbüßen, Einluss auf politische Entscheidungsprozesse zu nehmen, wird das ironisch mit der Melodie des Deutschlandliedes unterlegt. Wenn eine andere junge Frau sagt, dass sie nicht wählen geht, wird sie dafür auch abgewatscht.

Ein junger Mann, der im Herbst sein Studium anfangen will, wird nur am Anfang gezeigt und als daddelnder Handy-Trottel lächerlich gemacht. Hat er am Ende gewusst, welche Staatsform Deutschland hat? Wir werden es nicht erfahren, weil "taff" nur die absurdesten Antworten zeigt.

Nebenbei, liebe Checker von der "taff"-Redaktion: Die richtige Antwort auf eure Frage wäre "parlamentarische Bundesrepublik" gewesen, und nicht "Demokratie", wie ihr nahelegt. Letzteres ist das Regierungssystem. Aber muss man auch nicht wissen, wenn man dafür bezahlt wird, menschenverachtende Schmutzfilme für ein intellektuell randständiges Boulevardmagazin zu drehen.

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Warum lachen Menschen über so etwas?

Trotzdem ist der politische Aspekt des Beitrags als Milieustudie spannend.

Warum lachen Menschen über so etwas? Weil sie sich über andere erheben wollen. Die alten und weniger alten Bundesbürger können sich daran ergötzen, wie doof doch die Nachgeborenen sind. Die Mittelschicht bekommt die Gelegenheit, sich über die gefühlte (Bildungs-) Unterschicht zu stellen. "Normalos" werden gegen "Prolls" aufgehetzt, Vorurteile bestätigt, und am Ende lernen wir die jeweils anderen durch solche Beiträge zu verachten.

Warum wird so ein menschenfeindlicher Unsinn gesendet? Weil ProSieben damit Quote machen kann: mit dem Voyeurismus, mit der Gehässigkeit und mit den sozialen Konflikten, die es seit Jahren in Deutschland gibt.

Und was sagt uns dieses Video über unsere Demokratie? Offenbar ist ein nicht unbedeutender Teil der Deutschen mit der reißerischen Facebook-Zeile einverstanden, unter der das Video von der politisch offenbar sehr unterkomplex denkenden Redaktion geteilt wurde. Wörtlich hieß es da: "Ohje... bei der Bundestagswahl dürfen ALLE über 18 Jahre wählen gehen."

Staatsbürger zweiter Klasse

Was die ProSieben-Journalisten hier beklagen, ist nichts weniger als die Gleichheit vor dem Gesetz und das Wahlrecht für alle.

Die Redaktion will uns sagen, dass die "dummen Unterschichts-Verlierer" eigentlich Staatsbürger zweiter Klasse sind, weil sie - mit politischen Fragen, vor einer Kamera sitzend, unter Druck gesetzt - noch nicht einmal den Namen der Kanzlerin nennen können.

Diese Art von politischer Stimmungsmache, die "taff" hier betreibt, steht nicht nur im Konflikt zum Grundgesetz, sie spaltet auch unser Land.

Und wir selbst? Sollten uns vielleicht auch mal fragen, worüber wir lachen, wenn wir solche Clips anklicken. Hässliche Menschen erkennt man übrigens daran, dass sie hässliche Dinge tun.

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(ben)

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