An alle Männer, deren Frau unter Angststörung leidet

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  • Wer unter Angstzuständen leidet, führt ein Leben, das viele sich nicht vorstellen können
  • Für die Partner ist es oft schwer, mit der Krankheit des geliebten Menschen umzugehen
  • Eine junge Mutter mit einer Angststörung hat nun einen berührenden Brief geschrieben

Sie leiden unter plötzlichen Panikattacken, machen sich Sorgen über die kleinsten Details und fürchten, die Kontrolle zu verlieren - Menschen mit einer Angststörung erleben den Alltag oft als große Belastung.

Das als Partner oder Partnerin zu verstehen und feinfühlig damit umzugehen, ist keine leichte Aufgabe.

Die junge Mutter Laura Mazza, die den Blog "Mum on the Run" betreibt, wendet sich nun in einem eindringlichen Brief an alle Männer, deren Frau an Angststörungen leidet.

Sie schreibt in dem Facebook-Post:

"An den Mann, dessen Frau unter Angstzuständen leidet,

vielleicht hast du schon gehört, dass sie unter Angstzuständen leidet, während du an ihrer Seite beim Arzt gesessen bist. Du hast ihre Hand gehalten, während ihr Tränen die Wangen hinunterströmten.

Du hast gesehen, wie sie wütend wurde und explodierte, weil sie überfordert war. Und sich selbst wunderte, woher all diese Wut kam. Vielleicht hast du sie schon in die Ferne starren sehen mit Panik in ihren Augen.

Vielleicht hast du es schon vermutet, oder vielleicht hat sie es dir auch gesagt. Aber so oder so. Es gibt ein paar Dinge, die du wissen solltest.

Angstzustände sind nicht bei jedem gleich, sie äußern sich verschieden und es ist nicht immer einfach, sie zu erkennen. Du könntest denken, dass sie dich nur kurz angefahren hat, aber es war der Angstzustand, der das getan hat.

Du denkst vielleicht, sie ist wütend, aber auch das ist der Angstzustand, der sie im Griff hat.

Du denkst vielleicht, dass sie unglücklich ist, wenn du ausgehst und dass das deine Schuld ist. Aber so ist es nicht - es ist der Angstzustand.

Du weißt, dass sie es nicht verstehen kann, wenn sie dich fragt, woran du gerade denkst und du mit 'nichts' antwortest… Das liegt daran, dass sie niemals nichts denkt. Ihre Gedanken rasen wie ein Eilzug durch ihren Kopf, im Kreis und ohne Pause. Das ist unglaublich anstrengend für sie. Das ist der Grund, warum sie so müde ist.

Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht denkt. Sie denkt über alles nach, und normalerweise malt sie sich alles in den schwärzesten Farben aus. Sie macht sich Sorgen, dass etwas schief geht. Dass eines Tags, wenn sie das Haus verlässt, irgendetwas passieren wird.

Die Kinder werden entführt. Jemand stirbt, fällt, Autos geraten außer Kontrolle - das ist der Grund warum sie nicht einfach so das Haus verlassen oder ausgehen kann, auch wenn du es mit den besten Absichten vorgeschlagen hast.

Aber das ist nicht so einfach. Das ist auch der Grund, warum sie dir gefühlt eine Millionen Mal schreibt, während sie alleine zu Hause ist. Deshalb fragt sie nach jeder Bewegung, jedem Schritt, den du tust.

Deswegen erzählt sie dir davon, was alles schief laufen könnte. Sie weiß, dass du nichts daran ändern kannst, sie weiß, dass du dich hilflos fühlst. Aber auch sie fühlt sich hilflos. Deswegen muss sie ihre Gedanken auch ständig mit dir teilen, denn andernfalls würde ihr Kopf in Panik explodieren.

Manchmal wundert sie sich, warum du überhaupt mit ihr zusammen bist und ob du mit ihr zusammen gekommen wärst, wenn du vorher gewusst hättest, dass sie mal unter Angstzuständen leiden würde. Manchmal fragt sie dich, ob du es bereust, dass du mit ihr zusammen bist. Ob du dir wünschst, mit jemand anderem zusammen zu sein, der nicht diese Bürde um seinen Hals trägt.

Ich will, dass du weißt: Sie sieht genau, dass es schwierig für dich ist. Es ist hart zu sehen, wie deine Liebste leidet, es ist hart für dich, der Druck auf dich ist unendlich groß.

Aber glaube nicht eine Sekunde, dass sie dich nicht sieht. Denke nicht für eine Sekunde, dass sie sich nicht um dich sorgt. Sie hat auch wegen dir Angstzustände.

Sie weiß, dass es nicht deine Schuld ist, und sie weiß auch, dass du alles wieder gut machen möchtest. Und in dieser Weise heißt das auch, dass du ihr hilfst, aber du kannst sie nicht reparieren. Denn sie ist nicht zerbrochen.

Aber du kannst ihr helfen, du kannst die Bürde leichter machen. Du kannst sehen, wann es ihr zu viel wird: Menschenmassen oder das ins Bett bringen der Kinder, Abendessen… Erkenne es und hilf ihr, indem du ihre Hand hältst und ihr sagst, dass du bei ihr bist. Mache es mit ihr gemeinsam, übernimm für sie, lass sie sich für eine Weile hinsetzen und tief durchatmen.

Wenn du siehst, dass sie von ihren Terminen überfordert ist, verlege die Termine für sie. Ermutige sie, langsam zu machen. Zu viel zu machen überfordert sie, auch wenn sie gute Intentionen hat. Lasse nicht zu, dass sie sich schlecht fühlt. Weil sie einen Termin verpasst, oder eine Party oder was auch immer.

Sie wollte hingehen, aber sie konnte nicht. Sie fühlt sich ohnehin schon schlecht. Sag ihr, dass das in Ordnung ist. Geh mit den Kindern raus zum Spielen, wenn du merkst, dass es ihr schlecht geht.

Ermutige sie, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Wenn die Kinder die ganze Nacht wach sind und es ihr schlechter geht, wenn sie zu wenig Schlaf bekommt, steh mit ihr auf, übernimm für sie. Sag ihr, zurück ins bett zu gehen.

Manchmal wird ihre Antwort nicht so eindeutig ausfallen. Manchmal wird sie die Antwort nicht einmal selber kennen. Aber so lange du geduldig mit ihr umgehst, wird sie deine Liebe spüren.

Es hilft weder ihr noch dir, wenn du frustriert reagierst. Das wird die Situation lediglich zum eskalieren bringen und ihr werdet euch beide noch schlechter fühlen. Sie will nicht, dass ihre Angstzustände eure Beziehung definieren und wenn du geduldig bist, dann sagst du ihr, dass du das auch nicht willst.

Ihre Angstzustände brechen ihr selber das Herz, Wirklich, so ist es. Sie wünscht sich, sie würde sich einfach frei von allen Sorgen fühlen anstatt als Gefangene in dieser schrecklichen Krankheit. So frei wie die Stimme, die ihr immer wieder alle Unsicherheiten aufzählt.

Nicht jeder Tag wird schlecht sein, und diese Tage solltet ihr feiern. Aber feiere eure Beziehung auch an den schlechten Tagen, denn das ist es, was sie braucht.

Sie schätzt dich, sie liebt dich. Sie ist verletzlich und ängstlich. Aber sie hat dich gewählt, um mit dir ihre größte Narbe an ihrem Herzen zu teilen. An dem Tag, an dem sie dich das erste Mal gesehen hat wusste sie, du bist derjenige, der sie auch mit all ihren Fehlern sehen darf.

Sie wird dich mit ganzem Herzen lieben und du weißt, sie wird es tun, weil sie mittlerweile bereits alle Vor- und Nachteile kennt. Und genau wie du an ihrer Seite stehst, wird sie stark und loyal an deiner stehen. Für immer und ewig, du musst nur ihre Hand nehmen und ihr sagen:

'Ich bin bei dir.'

Alles Liebe,
eine Ehefrau, Frau und Mama, die unter Angstzuständen leidet"

Die Reaktion auf Mazzas Brief ist enorm. Zehntausende Menschen haben ihren Beitrag auf Facebook geteilt und geliked.

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(lk)

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