"Das schwerste Schuljahr seit 1990": In Sachsen zeigt sich schon jetzt das Ausmaß des Lehrermangels

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"Bis 2030 werden uns über 40.000 Lehrkräfte fehlen", warnt der Präsident des Deutschen Lehrerverbands. | iStock
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  • Experten warnen: Schon in wenigen Jahren werden Zehntausende Lehrer in Deutschland fehlen
  • In Sachsen ist die Lage schon jetzt sehr angespannt
  • Wir haben mit der Kultusministerin darüber gesprochen, wie das Bundesland mit der prekären Situation umgeht

Es ist ein Wunder, dass unter Eltern in Deutschland noch keine Massenpanik ausgebrochen ist - bei all den beunruhigenden Prognosen, die über die Bildung ihrer Kinder in Schulen derzeit im Umlauf sind.

"Wir steuern sehenden Auges in einen pädagogischen Notstand", warnte Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), kürzlich in der "Süddeutschen Zeitung".

Das Hauptproblem: massiver Lehrermangel, vor allem an den Grund- und Oberschulen. Die Folgen: Unterrichtsausfall, überfüllte Klassen, überlastete und teils schlecht ausgebildete Lehrkräfte.

Experten warnen vor massiven Folgen des Lehrermangels

Vor den Konsequenzen warnen Experten schon lange. Sie sehen den guten Ruf des Bildungsstandorts Deutschland gefährdet, die Erfolge in der Pisa-Studie der vergangenen Jahre ebenso. Und das alles, so prophezeien sie, habe unvorhersehbare wirtschaftliche Auswirkungen.

"Bis 2030 werden uns über 40.000 Lehrkräfte fehlen", sagte Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, im Deutschlandfunk. Das gelte für alle schulischen Bereiche und praktisch alle Bundesländer.

Er fordert: Wir brauchen einen Masterplan für die Schulen, an dem sich Bundesländer und der Bund beteiligen müssen.

Wie gravierend die Situation ist, scheint inzwischen allen Landesregierungen klar zu sein - auch den Politikern in Sachsen, wo die Lage mit am angespanntesten ist. "Es ist seit 1990 das schwierigste Schuljahr, das wir vorzubereiten haben", sagte Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) kurz vor Start des neuen Schuljahres.

In Sachsen ist die Quote der Seiteneinsteiger besonders hoch

Was können die Bundesländer tun? Die Maßnahmen sind je nach Land verschieden und auch unterschiedlich rigoros, größtenteils aber umstritten.

In Bayern etwa sollen Anträge auf Frühpension von Lehrern vorerst abgelehnt werden, um sie länger im Dienst zu behalten.

Baden-Württemberg will Pensionäre mit mehr Gehalt sogar zu einer Rückkehr an die Schule bewegen.

Eine weitere große bundesweite Initiative: mehr Quereinsteiger in die Schulen holen, damit sie die Kinder unterrichten.

Auf diese Maßnahme greift besonders Sachsen stark zurück. Für das neue Schuljahr wurden dort 1400 neue Lehrkräfte eingestellt - mehr als die Hälfte von ihnen sind keine ausgebildeten Lehrer.

Warum aber ist die Lage genau in diesem Jahr so schwierig?

"Wir stehen vor der Herausforderung eines Generationenwechsels", erklärt Kultusministerin Kurth gegenüber der HuffPost. "Viele Lehrer sind altersbedingt in den Ruhestand gegangen. Deshalb mussten wir dieses Jahr sehr viel mehr Neueinstellungen vornehmen als in den vergangenen Schuljahren."

Die Pensionierungswelle ist also das eine. Das andere ist: Kurth, die seit 2012 im Amt ist, hat mit einem schweren Erbe zu kämpfen.

Zahl der Ausbildungsplätze der Lehrer zu gering

Denn als in den 90er Jahren die Geburtenzahl zurückging, wurde ein großer Teil der Ausbildungsplätze für Lehrer gestrichen - eine Entscheidung, die sich jetzt rächt und im Übrigen auch die anderen neuen Bundesländer betrifft.

"Vor sieben, acht Jahren haben zu wenig Abiturienten und Abiturientinnen ein Lehramtsstudium angefangen", sagt Kurth. Wenig verwunderlich, denn: Es gab schlicht nicht genügend Studienplätze, um die Lehrer für die heutige Zahl an Schülern auszubilden.

Was damals kaum jemand hat kommen sehen: Wie in ganz Deutschland ist die Geburtenzahl auch in Ostdeutschland in den vergangenen Jahren wieder angestiegen - und das wird sie nach Ansicht von Experten auch weiter tun.

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Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung werden 2025 in Deutschland rund 1,1 Millionen mehr Kinder und Jugendliche zur Schule gehen als bislang erwartet.

Lehrerverbands-Präsident Meidinger überrascht die missliche Lage, in der die Schulpolitik steckt, nur wenig. "Die Politik hat weniger Angst vor einem Mangel als vor einem Überangebot”, sagte er der "Süddeutschen Zeitung".

Was er damit meint: Die Bundesländer waren mit ihren Prognosen zur Schülerzahl viel zu vorsichtig - und müssen nun mit den Konsequenzen leben.

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Kultusministerin Kurth behauptet zwar, die Situation an den Schulen sei weit weniger besorgniserregend, als es oft heißt. "Die Seiteneinsteiger bringen eine hervorragende fachliche Kompetenz mit", beteuert sie.

Speziell für ländliche Regionen, in denen die Quote der neu eingestellten Seiteneinsteiger noch deutlich höher ist als 50 Prozent, spricht aber auch sie offen ihre Sorgen aus. In der Oberlausitz etwa liegt deren Zahl bei 77 Prozent an Oberschulen und 72 Prozent an Grundschulen.

Kultusministerin Kurth: "Große Herausforderung für Lehrerkollegien"

"Wir müssen diese Regionen im Blick behalten und die Seiteneinsteiger eng begleiten", sagt Kurth. "Das ist eine große Herausforderung für die Lehrerkollegien, das will ich gar nicht beschönigen."

Bevor die sogenannten Seiteneinsteiger in Sachsen unterrichten dürfen, werden sie in einem dreimonatigen Crashkurs auf den Schulbetrieb vorbereitet.

"In der Einstiegsfortbildung werden ganz praktische Aspekte des Schulalltags gelehrt - etwa: 'Wie erteile ich Noten?' oder 'Wie gehe ich damit um, wenn eine Klasse sehr heterogen ist?'", erklärt Kurth.

Ab kommendem Schuljahr sollen die Einführungen vor Ende der Sommerferien stattfinden. Das können sie in diesem Jahr noch nicht. Die Folge: drei Monate massiver Lehrermangel, in denen improvisiert werden muss.

"Derzeit helfen andere Kollegen, die Lücken zu füllen", sagt die Ministerin. "Zum Beispiel haben sich Lehrer, die offiziell schon in den Ruhestand gewechselt sind, bereit erklärt, in diesen drei Monaten weiterhin Unterrichtsstunden zu übernehmen."

Eltern haben Angst vor Unterrichtsausfall

Eine Notlösung, die sicherlich nicht bei allen Lehrern Begeisterungsstürme hervorruft - ebenso wenig wie bei den Eltern, die Unterrichtsausfall fürchten.

Eine berechtigte Angst? "Hin und wieder gibt es schon einigen Unterrichtsausfall", räumt Kurth ein. "Aber es sollte sich in Grenzen halten."

Auch andere Bundesländer setzen massiv auf das Konzept Seiteneinsteiger - schlicht, weil ihnen zum jetzigen Zeitpunkt nicht viel anderes übrig bleibt.

In Baden-Württemberg etwa hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) im Juli ein Maßnahmenpaket vorgestellt, das unter anderem vorsieht, Seiteneinsteiger gezielt anzuwerben.

Lehrerverbands-Präsident Meidinger sieht den Schritt allerdings kritisch - gleich aus mehreren Gründen.

Die hohe Anzahl von Seiteneinsteigern gehe zulasten der Unterrichtsqualität, warnt er. "Man muss sich von der Illusion lösen, man könne so mal ganz schnell nachqualifizieren für den Lehrerberuf", sagte er im Deutschlandfunk.

"Ich glaube schon, dass es wichtig ist, dass Menschen in den Lehrerberuf gehen, die sich ganz bewusst dafür entschieden haben und das nicht mal schnell ausprobieren wollen, und wenn es nicht klappt, wieder zurückgehen", sagte er im Deutschlandfunk.

Außerdem zweifelt er an der Praxistauglichkeit des Konzepts. "Das wird kein Patentrezept sein und auch nicht so einfach sein, jetzt Leute aus der Wirtschaft für den Schuldienst zu gewinnen." Das sei schließlich auch eine Frage der Bezahlung.

Was also stattdessen tun?

Meidinger fordert schon seit Längerem ein deutschlandweites Lehrerportal für offene Stellen - bisher ohne Erfolg.

"Wir brauchen eine bundesweite Lehrerjobbörse, wo Lehrkräfte beziehungsweise angehende Lehrer, aber auch Quereinsteiger aus der Wirtschaft sofort einen Überblick bekommen, wo Angebote sind", sagte er im Deutschlandfunk.

Brauchen wir einen Masterplan?

"Dazu müsste man die Hürden senken, die derzeit zwischen den Bundesländern bestehen. Wir haben immer noch große Hürden, was zugelassene Fächerverbindungen betrifft, was Anstellungstermine betrifft, die sich deutlich unterscheiden, was die einstellenden Behörden betrifft."

Für eine bundesweite Zusammenarbeit beim Thema Schule spricht sich auch Sachsens Kultusministerin Kurth aus, die selbst viele Jahre als Lehrerin gearbeitet hat. Was ihr eigenes Bundesland betrifft, ist sie optimistisch, dass sie die Lage in den Griff bekommen wird.

"Wir müssen weiterhin gegensteuern, das ist ganz klar", sagt sie. "Aber wir haben in den vergangenen fünf Jahren die Zahl der Lehramtsstudienplätze bereits deutlich erhöht."

Die drastischen Warnungen von Lehrerverbänden und Bildungsexperten zumindest zeigen deutlich: Wenn die Kultusministerien in drei, vier Jahren nicht noch deutlich größere Probleme haben wollen, muss tatsächlich das her, was Meidinger fordert: ein Masterplan.

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(ll)

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