"Maßvolle und angemessene Reaktion": Medien zeigen überraschendes Verständnis für die Raketenabschüsse aus Nordkorea

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NORTH KOREA
"Maßvolle und angemessene Reaktion": Medien zeigen überraschendes Verständnis für die Raketenabschüsse aus Nordkorea | Kim Kyung Hoon / Reuters
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  • Trotz verschärfter Sanktionen und internationaler Warnungen hat Nordkorea erneut eine Rakete getestet
  • Anders als einige Reaktionen vermuten lassen, kam der Abschuss aber nicht überraschend
  • Der Test offenbart auch, wie machtlos die USA sind - und dass man insbesondere die Entwicklung an der innerkoreanischen Grenze beobachten sollte

Kim Jong-un hat wieder auf den roten Knopf gedrückt. Am Dienstag schoss Nordkoreas Diktator eine Rakete über Japan hinweg. Sie stürzte schließlich in den Pazifik.

Der jüngste Raketentest war - wieder mal - eine pure Provokation. Fast einhellig zeigten sich sowohl die USA sowie seine Verbündeten Japan und Südkorea als auch Russland und China alarmiert.

Zwar sehen die Kommentatoren die Aktion ebenso kritisch, im Detail gehen ihre Analysen jedoch weit auseinander.

Diese fünf Sichtweisen kristallisieren sich dabei heraus:

1. Der Raketentest kam wenig überraschend

Zwar ruderte Kim Jong-un bei seinen Drohungen gegen die amerikanische Pazifikinsel Guam zurück. Dennoch kommen der Raketentest und die damit einhergehende Eskalation "nicht ganz überraschend", erklärt die "Rhein-Neckar-Zeitung".

Reagierte doch Nordkorea vor allem auf das alljährliche Manöver der USA mit Südkorea. Das fasst Pjöngjang als gezielte Provokation auf, wie die Zeitung aus Heidelberg erläutert.

2. Kim Jong-un hat nur die Säbel rasseln lassen

"Kim Jong-un blufft", titelt die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ"). Denn bei den Waffenstillstandsbeobachtern an der innerkoreanischen Grenze sei "alles ruhig wie immer".

Aus Sicht der "SZ" hat US-Präsident Donald Trump selbst falsch reagiert, als er vor wenigen Tagen "onkelhaft bemerkt" hatte, Kim Jong-un beginne, Respekt zu zeigen. Das Problem: "Kim will jedoch nicht gelobt, sondern gefürchtet werden."

Deshalb habe Nordkoreas Diktator mit dem Raketentest "sein Gesicht gewahrt", schreibt die "SZ". Und wie zu erwarten war, habe er nicht in Richtung Guam geschossen. "Er wollte Guam ohnehin nicht treffen, sondern - wie jedes Jahr - die gemeinsamen Manöver des Südens mit den USA stören."

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") sieht das ähnlich: "Nach innen demonstriert Kim Jong-un Stärke, der Außenwelt signalisiert er Unnachgiebigkeit. Die Art und Richtung des Raketentests zeigt andererseits, dass er es nicht zum Äußersten kommen lassen will."

Kim Jong-un sei nicht "irre", wie vielfach behauptet, schreibt der "Mannheimer Morgen". Im Gegenteil. "Der Abschuss war - aus seiner isolierten Sicht - eine maßvolle, angemessene und unvermeidliche Reaktion auf die derzeitigen Manöver der USA mit ihren südkoreanischen und australischen Verbündeten."

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3. Weniger die Raketentests, sondern die Situation an der Grenze ist entscheidend

"Die Lage an der Grenze bildet, selbst wenn Raketen die potenzielle Kampfzone weit weg verschieben, weiterhin den Schlüssel zur Beurteilung des Konflikts", unterstreicht die "SZ".

Selbst wenn die USA einen Präventivschlag erwägen oder nur entfernt mit einem effektiven Raketenangriff Pjöngjangs rechnen, "dann müssten beide Seiten mit der konventionellen Fortsetzung der so begonnenen Auseinandersetzung rechnen".

Diese würde an der innerkoreanischen Grenze ausbrechen, erläutert die "SZ".

Wichtig: Ein konventioneller Krieg würde Monate der gut sichtbaren Vorbereitungen erfordern - doch darauf deute nichts hin.

4. Die USA sind machtlos

"Sanktionen beeindrucken Kim nicht, er macht einfach weiter." Für die Mainzer "Allgemeine Zeitung" ist das die Quintessenz des jüngsten Raketentests.

Und selbst die größte Militärmacht der Erde könne gegen Nordkorea unterhalb eines Militärschlags nichts ausrichten, erklärt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Denn der nordkoreanische Staatsführer stelle sich "ziemlich geschickt an".

Aus Sicht der Zeitung stecken die USA und ihre Verbündeten in einem Dilemma. Wenn sie Peking freie Hand in Nordkorea ließen, wäre das Atomproblem womöglich bald gelöst. "Allerdings vermutlich um den Preis eines Regimewechsels nach chinesischem Gusto. Aber auch da bestünde das Risiko einer militärischen Eskalation", fasst die "FAZ" zusammen.

Auch die britische Zeitung "The Independent" betont, Trump könne Kim Jong-un kaum Einhalt gebieten. Zwar sei auch Chinas Führung beunruhigt, doch "so brutal und und unberechenbar Kim auch sein mag, Peking zieht ihn jeder realistischen Alternative vor".

Laut "Independent" hätten Libyen und Syrien gezeigt, welches Chaos entstehen kann, wenn ein starker Mann von der Macht vertrieben wird. "Peking möchte dem US-Präsidenten Donald Trump zweifellos helfen, aber nicht auf Kosten seiner Sicherheit", schreibt das Blatt aus London.

Hinzu kommt: Auch Südkorea und Russland lehnen derzeit ein härteres Einschreiten ab. "Der US-Präsident hat also kaum zuverlässige Freunde, mit denen er Kim zähmen könnte", erklärt der "Independent".

5. Nordkorea stellt größte Gefahr für den Weltfrieden dar

Angesichts des jüngsten Raketentests ist für die spanische Zeitung "El País" klar, "dass Nordkorea in diesem Moment die wichtigste Gefahr für den Weltfrieden darstellt."

Das würde auch daran liegen, dass Peking schon seit einiger Zeit keine Argumente mehr habe. Das wiederum macht wenig Hoffnung auf eine baldige Lösung.

(Mit Material der dpa)

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(ks)

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