Die Abstiegsangst der Deutschen ist dramatisch zurückgegangen - für die SPD wird das zum Problem

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MARTIN SCHULZ
Die Abstiegsangst der Deutschen ist dramatisch zurückgegangen - für die SPD wird das zum Problem | dpa
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  • Die SPD kommt nicht aus dem Umfragetief
  • Ein Grund dafür: Die Deutschen haben weniger Angst vor dem sozialen Abstieg
  • Das glaubt der Soziologe Holger Lengfeld - für die Sozialdemokraten hat er eine ernüchternde Botschaft

Die Deutschen wollen den Wechsel einfach nicht.

Das ist die Erkenntnis des bisherigen Wahlkampfes. SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz kann schimpfen und poltern wie er will: Er kommt in den Umfragen nicht vom Fleck.

Auch die Hyperaktivität, mit der Schulz jeden Tag eine andere Maßnahme für seine Zeit als Kanzler verspricht, hilft ihm nicht. Die SPD ist derzeit unter der 25-Prozent-Grenze festgetackert.

Nur knapp ein Drittel der Deutschen sorgt sich vor dem sozialen Abstieg

Erklärungen für Merkels Beharrungsvermögen und den bisher aussichtslosen Kampf von Martin Schulz gibt es viele. Eine der überzeugendsten kommt derzeit vom Leipziger Soziologen Holger Lengfeld.

Er hat in einer großen Studie herausgefunden: Die Deutschen haben so wenig Abstiegsangst wie seit der Wiedervereinigung nicht. Nur knapp ein Drittel der Bürger sorgt sich vor dem Abstieg – für Westdeutschland ist das der zweitniedrigste Wert seit Beginn der Messungen 1984.

Um das Jahr 2005 herum hatte die Abstiegsangst zuletzt ihren Höhepunkt erreicht. Zwei Drittel der Deutschen sorgten sich damals vor dem Jobverlust und dem darauf folgenden sozialen Abstieg. In Ostdeutschland waren es zeitweise sogar 8 von 10 Bürgern, die die Abstiegsangst umtrieb.

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Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes aller Erwerbstätigen 1991-2016 in Prozent. Quelle: Holger Lengfeld, Institut für Soziologie der Universität Leipzig

"Die Tendenz ist positiv"

Deutschland war nach der langen wirtschaftlichen Stagnation Anfang der 2000er-Jahre tief verunsichert. Nun ist das Gegenteil der Fall.

Lengfeld hat für seine Untersuchung die Aussagen von 40.000 Erwerbstätigen ausgewertet.

"Es fließen sicher keine Milch und kein Honig in Deutschland, aber die Tendenz ist derzeit positiv", sagt Lengfeld im Gespräch mit der HuffPost. "Deshalb treibt das Thema Gerechtigkeit weite Teile der Bevölkerung nicht zur Wahlurne.”

Weiter sagt der Forscher: “Ein Großteil der Deutschen fühlt sich ökonomisch sicher, das passt auch zu allen Daten, die wir zur wirtschaftlichen Entwicklung haben."

Die SPD hat ein Imageproblem

Ohne Frage: In Deutschland gibt es weiter Probleme. Zu viele Menschen profitieren immer noch nicht vom Wirtschaftsboom. Die Löhne steigen für weite Teile der Bevölkerung kaum. Die Chancenungleichheit ist weiter gravierend.

Und dennoch: Die Deutschen blicken positiv in die Zukunft. Sie glauben, dass sich etwas bessert.

Und genau an diesem Punkt bekommt die SPD auch ihr Problem, erklärt Lengfeld.

"Das Image der SPD ist mit der Verteilungsfrage und der Frage, wie gerecht es in einer Gesellschaft zugeht, eng verbunden. Nun haben wir aber keinen Verteilungswahlkampf. Das erklärt, warum die Botschaften der SPD nicht verfangen."

Wenn immer weniger Menschen Angst vor dem sozialen Abstieg haben, dann können sich auch immer weniger Menschen für Umverteilung begeistern. Stattdessen steht die Chancengleichheit ganz oben bei den Fragen, die die Deutschen im Wahlkampf umtreiben. In diesem Feld ist überraschenderweise der FDP-Chef Christian Lindner deutlicher zu vernehmen als der SPD-Spitzenkandidat.

Für die SPD ist derzeit nicht viel zu holen

Bleibt die Frage: Hätte Schulz etwas anders machen können? Hat die SPD auf das falsche Thema gesetzt? Nein, glaubt Lengfeld.

"Am Ende hat die SPD in diesem Jahr auch Pech gehabt, weil die Themen, für die die Partei steht, die Bürger derzeit nicht sehr bewegen. Das kann man aber der SPD nicht vorwerfen."

Vor dem gesamtgesellschaftlichen Hintergrund sei für die SPD derzeit nicht viel zu holen, sagt Lengfeld. Hätte Schulz auf ein anderes Thema gesetzt, hätte er sich zu weit vom Markenkern der Partei entfernt - und wäre damit unglaubwürdig geworden.

Daraus ergibt sich eine ernüchternde Botschaft für die SPD: Laut Lengfelds Theorie muss die Partei warten, bis sich die wirtschaftliche Situation dreht. Das ist allerdings nicht in Sicht. Merkel kann sich freuen.

Hintergrund: Das sind die wichtigsten Erkenntnisse aus Lengfelds Studie im Überblick

Als Grund für die sinkende Abstiegsangst sehen die Forscher neben der guten ökonomischen Entwicklung, dass die Erwerbstätigen sich zunehmend besser mit Unsicherheiten arrangieren und lernen, sie zu bewältigen.

Durchaus überraschend: Der Rückgang der Abstiegsangst betraf Frauen und Männer, verschiedene Altersgruppen und soziale Schichten in nahezu gleicher Weise, schreiben die Forscher.

In Ostdeutschland ist die Abstiegsangst immer noch etwas größer als im Westen. Allerdings ist der Rückgang der Angst in Ostdeutschland in den vergangenen 10 Jahren größer.

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(ll)

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