Impfen: Eine Psychologin erklärt, warum Akademiker besonders skeptisch sind

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Akademiker sind besonders häufig Impfkritiker. | FatCamera via Getty Images
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  • Gerade in Deutschland sind viele skeptisch, was Impfungen betrifft
  • Besonders Akademiker und Menschen, die in wirtschaftsstarken Regionen leben, sind kritisch
  • Woher kommt das Misstrauen?

Deutschland ist ein skeptisches Land - auch was das Impfen betrifft. Es gibt keine Impfpflicht wie zum Beispiel in Frankreich. Nur die Impfberatung ist verpflichtend.

Überraschend dabei ist, dass gerade Akademiker und Menschen, die in einkommensstarken Regionen leben, Schutzimpfungen eher kritisch sehen, wie die HuffPost bereits berichtete.

Im wirtschaftsstarken Süddeutschland, wie den Landkreisen Rosenheim oder Freiburg, sind zum Beispiel wesentlich weniger Kinder gegen Masern geimpft als in anderen Regionen Deutschlands.

Wenig harte Gegner, aber viel Unsicherheit

Die Psychologin Cornelia Betsch erforscht schmerpunktmäßig, wie Impfskepsis in der Bevölkerung entsteht. In einem Interview mit dem Magazin "Spiegel" sprach sie über mögliche Gründe, warum gerade Akademiker ihre Kinder so ungern impfen lassen.

Richtige Impfgegner seien in der Bevölkerung zwar in der Minderheit, ihre Anzahl liege im einstelligen Prozentbereich, aber eine Skepsis oder Unsicherheit ließe sich feststellen, sagte sie.

Bewusste Entscheidungen treffen

Akademiker seien deshalb kritisch, vermutet die Psychologin, weil sie sich stärker individuell mit dem Thema auseinandersetzten und nicht zwingend den Impfempfehlungen der Ärzte oder der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert Koch Instituts folgten.

Es geht dabei darum, die Entscheidung selbst zu treffen auf Grundlage der Informationen, die sie selbst zusammengetragen haben. "Akademiker wollen auch beim Impfen eine bewusste Entscheidung treffen. Deshalb fangen sie an zu googlen und stoßen auf Quellen, die möglicherweise viele Falschinformationen enthalten", sagte Betsch im "Spiegel".

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Akademiker glaubten zwar, die Studien durchblicken zu können, sagte Betsch. In Wirklichkeit fehle ihnen aber oft das methodische Wissen in dem Bereich. Außerdem sprächen gerade Quellen, die dem Impfen kritisch gegenüber stünden, eher die Gefühle der Internetnutzer an als sie rational zu überzeugen.

Emotionen leiten das Handeln

Ängste spielen hier eine große Rolle. So zeigen Studien, dass auch nur eine kurze Recherche auf impfkritischen Internetseiten die Skepsis erhöhen können. Rationales Wissen muss muss man sich zuerst aneignen. Das Gefühl aber, das ausgelöst wird, wenn der Internetnutzer über Einzelschicksale von Kindern mit Impfschäden liest oder jemand davon erzählt, wirkt unmittelbarer.

"In der Realität leitet häufig eher das Gefühl unser Handeln als das Wissen", sagte Betsch.

Das ist ein Problem, wenn es um das Impfen geht, denn Wissenschaftler sind sich weitgehend darin einig, dass Schutzimpfungen notwendig und wirksam sind. Der gesellschaftliche Nutzen ist groß, da die Impfung nicht nur den Geimpften schützt, sondern auch die Menschen, die mit ihm in Kontakt kommen.

Gefährliche Krankheiten könnten sich wieder ausbreiten

Je weniger Menschen in Deutschland geimpft seien, desto größer sei die Gefahr, dass Krankheiten wiederkommen könnten, die längst ausgerottet seien, sagte Jan Leidel, Vorsitzender der Stiko in einem Interview mit der Zeitung “Heilbronner Stimme”.

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“Der große Erfolg von Impfungen ist gleichzeitig einer ihrer größten Feinde”, warnte Leidel. “Denn in dem Maße, wie eine Krankheit verschwindet, verliert sie ihren Schrecken. Doch es gibt Krankheiten, die jederzeit wiederkommen können, wenn wir die Impfquote nicht hochhalten.”

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(lk)

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