Nordkorea provoziert erneut mit einem Raketentest - das ist Kim Jong-uns Strategie

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Nordkorea provoziert erneut mit einem Raketentest - das ist Kim Jong-uns Strategie | KCNA KCNA / Reuters
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  • Auch schärfere UN-Sanktionen wirken sich nicht auf Nordkoreas Raketenprogramm aus - das Land macht unbeeindruckt weiter
  • Doch was ist die Strategie dahinter?
  • Experten glauben: Mit dem Test verfolgt Kim Jong-un einem langfristigen Plan

Die Verschnaufpause war nur von kurzer Dauer. Der jüngste nordkoreanische Test einer weitreichenden Rakete, die am Dienstag über Japan flog, hat Hoffnungen auf eine Entspannung in der Region beseitigt.

Zugleich ist der neuerliche Raketentest ein Schlag ins Gesicht von US-Präsident Donald Trump.

Er hatte sich noch vor wenigen Tagen zuversichtlich geäußert, Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un beginne, "uns gegenüber Respekt zu zollen".

Was steckt hinter der erneuten Provokation Nordkoreas?

1. Was will Nordkorea mit dem Raketentest kurzfristig bezwecken?

Kim Jong-un scheint sich auf ein langes Kräftemessen mit Trump einzurichten.

Dabei ist der Zeitpunkt des jüngsten Raketentests nach Einschätzung von Experten bewusst gewählt. "Das nordkoreanische Regime hat einen scharfen Sinn dafür, wie es mit seinem beschleunigten Raketentestprogramm maximale Wirkung erzielt", schreibt der Direktor beim Informationsdienst IHS Jane's, Paul Burton.

Absicht des Tests einer mutmaßlichen Mittelstreckenrakete des Typs Hwasong-12 sei es wohl gewesen, "bei Washington und seinen Verbündeten mehr Achtung zu erlangen, ohne zu sehr zu provozieren".

Der frühere japanische Vize-Admiral Yoji Koda sieht das ähnlich.

Pjöngjang wolle den Streit mit Trump offenbar nicht auf die Spitze treiben, sagte er der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo. Wäre die Rakete nahe der US-Insel Guam niedergegangen, wo die USA Truppen stationiert haben, wäre die Reaktion "heftig" ausgefallen, urteilte er.

2. Warum die fortwährenden Provokationen?

Südkoreas Generalstab gab an, dass Nordkorea in diesem Jahr trotz Verbote durch UN-Resolutionen bereits 13 Tests mit ballistischen Raketen einschließlich der beiden ICBM im Juli durchgeführt habe.

Am Wochenende hatte Nordkorea den Test von drei Kurzstreckenraketen folgen lassen, auf die die USA und Südkorea jedoch noch vergleichsweise gelassen reagierten.

Jetzt signalisiert Nordkorea mit dem jüngsten Test nach Meinung von Beobachtern zweierlei:

1. Dass das Land nicht im Konflikt um sein Atom- und Raketenprogramm einlenken will.

2. Dass es jederzeit imstande ist, Guam mit seinen Raketen zu erreichen.

3. Wie sieht die langfristige Strategie von Kim Jong-un aus?

Den Hauptgrund für den neuerlichen Raketentest sieht der US-Politikwissenschaftler Thomas Wright im Überleben des kommunistischen Regimes.

"Die Vereinigten Staaten werden keinen Präventivschlag gegen Nordkorea starten, wenn Pjöngjang dies mit Nuklearwaffen vergelten könnte", erklärte Wright in einem Beitrag mit dem Titel "Kim Jong-uns Theorie des nuklearen Sieges" für die renommierte australische Denkfabrik Lowy Institute.

Denn Kim Jong-un ist erst 33 Jahre alt und könnte deshalb - zumindest aus gesundheitlicher Sicht - noch etliche Jahrzehnte an der Macht bleiben. "Interkontinentalraketen sind der Schlüssel zur seiner Langzeitstrategie" unterstreicht der Konflikt-Experte.

Das ist allerdings nicht der einzige Grund:

Machtgleichgewicht: Aus Sicht von Kim Jong-un würden Interkontinentalraketen die Macht zugunsten Nordkoreas verschieben. Die USA könnten sich gezwungen sehen, ihre Truppen - immerhin etwa 28.500 Mann - aus Südkorea abzuziehen. So hatte Trumps Ex-Berater Steve Bannon einen solchen Deal - die Vereinigten Staaten rufen ihre Truppen ab, wenn Nordkorea sein Nuklearprogramm einfriert - bereits in Erwägung gezogen.

"America first": Wright zufolge seien die USA, anders als in Zeiten des Kalten Krieges, nicht mehr bereit, New York für Berlin oder Paris zu opfern. Gleiches gelte für Südkorea. "Je mehr die Amerikaner denken, er (Kim Jong-un) sei verrückt, desto glaubwürdiger wären seine Drohungen", schreibt Wright. Und desto eher könnte der von Bannon angeführte Deal auch Realität werden.

Das wiederum hätte für Nordostasien verheerende Folgen. Der Politikwissenschaftler sieht Gefahr für einen neuen Koreakrieg - bei dem Japan und Südkorea möglicherweise selbst Nuklearwaffen einsetzen.

4. Wie sollten die USA reagieren?

Neue Sanktionen sind der falsche Weg, glaubt Wright. Stattdessen müssten sich die USA auf eine "neue Ära" vorbereiten.

Das Weiße Haus...

…müsse erkennen, dass Kim Jong-uns Raketen nur seinem Überleben dienen.

…müsse einen "beispiellosen Druck" auf das kommunistische Regime ausüben.

…müsse dabei Chinas Hilfe gewinnen.

Wright stellt klar: "Dies bedeutet, klar zu machen, dass sich die Vereinigten Staaten von nichts stoppen lassen, um Nordkorea die Grenzen aufzuzeigen - selbst wenn sie damit ihr eigenes Land gefährden."

Folglich müsse jeder Akt der Aggression mit einer entsprechenden Antwort begegnet werden.

Mit Material der dpa

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