Türkei nimmt "Dschihad" in den Lehrplan an Schulen auf

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ERDOGAN
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan | Anadolu Agency via Getty Images
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  • Türkische Schulen sollen künftig den "Heiligen Krieg" unterrichten
  • Religiöse Minderheiten und Oppositionspolitiker sind besorgt
  • Erdogan und Bildungsminister Ismet Yilmaz werben für das Vorhaben

Das Vorhaben platzt in eine ohnehin schon tief gespaltene türkische Gesellschaft und in eine Zeit politischer Unruhe hinein: Die islamisch-konservative Regierung in Ankara will den "Dschihad" von September an zu einem Lehrfach in den Schulen machen.

Präsident Recep Tayyip Erdogan ist ohnehin bemüht, seine Macht zu festigen und stützt sich dabei immer stärker auf überzeugte Nationalisten und Islamisten.

Großes Entsetzen herrscht aber bei den Alewiten, einer Glaubensrichtung, die in der Türkei die größte religiöse Minderheit stellt und seit langem Diskriminierung zu spüren bekommt. Die Alewiten machen geschätzte 20 Prozent der 80 Millionen Einwohner aus und stehen den Schiiten näher als den Sunniten, die weltweit und auch in der Türkei die Mehrheit der Muslime stellen.

"Den Dschihad als eine Art Gottesdienst in Schulen zu unterrichten, steht im Einklang mit den Doktrinen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und ist sehr gefährlich", warnt Erdogan Döner, der Präsident des Alewiten-Dachverbandes Cem Vakfi.

Präsident Erdogan wirbt für "Dschihad"

Bedenken, die die Regierung in Ankara mit Verweis auf die eigentliche Bedeutung des Wortes "Dschihad" zurückweist.

Radikale Islamisten hätten den Begriff für ihr Konzept des "Heiligen Krieges" ausgeschlachtet. Der Unterricht werde sich aber auf den inneren geistlichen Kampf in einem patriotischen Kontext konzentrieren, heißt es.

Erdogan und Bildungsminister Ismet Yilmaz selbst werben in der Öffentlichkeit für die Idee des "Dschihad" als persönliches Streben, böse Neigungen zu bekämpfen.

Tatsächlich wird Dschihad oft als "Heiliger Krieg" übersetzt, womit der Kampf für die Ausbreitung oder Verteidigung des Islams gemeint ist. Aber mit Dschihad muss nicht zwangsläufig Krieg verbunden sein. Der Begriff kann das ganz persönliche Bemühen eines Muslim bezeichnen, ein besserer Gläubiger und Mensch zu werden.

Trotz aller Beschwichtigungsversuche - die Skepsis unter führenden Alewiten bleibt.

Groß ist die Angst, dass Lehrer schlecht vorbereitet sein könnten, um die komplexe Idee des "Dschihad" zu erklären. Auch die Vorstellung, ihre Kinder bekämen Lektionen im sunnitischen Islam, besorgt Vertreter der Glaubensrichtung.

Schon jetzt gebe es Unterrichtsstunden, in denen falsche Details über ihre Religion gelehrt würden. Diese trügen zum verzerrten Bild bei, das in der türkischen Gesellschaft existiere.

Alewiten werden in der Türkei diskriminiert

Alewiten haben ihren Namen von Ali, dem Schwiegersohn des Propheten entlehnt, den sie verehren. Sie beten nicht in Moscheen, sondern in "Cemevis" genannten Versammlungshäusern - und zwar Frauen und Männer gemeinsam donnerstagabends, wobei Musik erklingt. Bilder schiitischer Imame schmücken - anders als in den bildlosen sunnitischen Moscheen - die Wände.

Der türkische Staat fördert finanziell nur sunnitische Moscheen. Die Türkei definiere das Alewitentum als "eine Kultur, nicht einen Glauben" und verleihe somit nur dem sunnitischen Islam eine Glaubwürdigkeit als Doktrin, kritisiert Remzi Akbulut vom Verband der Alewiten-Stiftungen.

Die Diskriminierung von Alewiten ist Analysten zufolge historisch und begann lange vor der Zeit der AKP-Regierung: "Doch die AKP hat auch nichts getan, um das Problem zu lösen", sagt etwa Demir Murat Seyrek, ein ranghoher politischer Berater bei der Europäischen Stiftung für Demokratie in Brüssel. Alewiten sehen sich unter anderem von Topjobs in Regierung und beim Militär ausgeschlossen.

Androhung von Gewalt

Kürzlich wurde die dritte Brücke über den Bosporus in Istanbul nach dem osmanischen Sultan Selim I. aus dem 16. Jahrhundert benannt. Ungehört verhallte der Protest der Alewiten, die Selim für Unterdrückung und Morde an ihren Glaubensbrüdern verantwortlich machen.

In Erinnerung wird wohl auch das Massaker von Sivas bleiben: 1993 hatten sunnitische Extremisten 35 Alewiten in der zentraltürkischen Stadt ermordet. Das US-Außenministerium schrieb in seinem jüngsten Jahresbericht zu Religiöser Freiheit, "Alewitische Muslime sehen sich mit Protesten und Androhung von Gewalt konfrontiert".

Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte befand 2016, der Staat verletze Rechte der Alewiten, weil er öffentliche Gelder zurückhalte.

Mit dem neuen Unterrichtsfach würden Schüler ferner weniger über die Idee des Säkularismus lernen, wie sie der Begründer der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, postuliert hatte.

Auch die größte Oppositionspartei ist beunruhigt

Ein Bild Atatürks hängt auch in den Cemevis, neben Porträts von Ali. Atatürk sei der Retter der Alewiten gewesen, meinen viele Alewiten. Denn mit der Abschaffung des islamischen Kalifats habe er eine Nation ohne religiöse Teilung im Sinn gehabt.

Dass diese Idee nun ebenfalls in den Hintergrund rücken könnte, alarmiert auch die größte politische Oppositionspartei. So erklärte Lale Karabiyik von der Mitte-Links-Partei CHP: "Mit dem Wegbewegen vom Säkularismus besteht das Risiko der wachsenden Polarisierung in der Gesellschaft."

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(mf)

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