Erdogan schwört die Türken auf einen Krieg ein – und zeigt in Syrien, dass er zu allem bereit ist

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Erdogan schwört die Türken auf einen Krieg ein – und zeigt in Syrien, dass er zu allem bereit ist | Muhammad Hamed / Reuters
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  • Die türkische Armee plant offenbar weitere Angriffe im Norden Syriens
  • Erdogan könnte damit eine direkte Konfrontation mit den USA riskieren
  • Der türkische Präsident schwört sein Volk in drastischen Worten auf einen Krieg ein

Das "Schutzschild“ wird zum "Schwert": Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan geht im Norden Syriens zum Angriff über.

Die im August 2016 als "Operation Schutzschild Euphrat" gestartete Militäraktion, mit der die türkische Armee den Norden Syriens von Terror-Gruppen befreien wollte, droht so zu einem brutalen Angriffskrieg gegen kurdische Milizen zu werden.

Die kurdische Nachrichtenagentur ANHA berichtete am Sonntag von einem türkischen Vorrücken in der Region Kobane. Soldaten sollen demnach für kurze Zeit in die Dörfer Bobene und Sifteke eingedrungen seien. Augenzeugen berichten, die Truppen hätten die Gegend vermint.

Großangriff auf Afrin?

In der türkischen Grenzstadt Kilis zieht Erdogan derweil rund 7000 Soldaten, Panzer und Artilleriegeschosse zusammen. Beobachter fürchten: Es steht ein großangelegter Angriff auf die Stadt Afrin bevor.

Schon im Juni warnten Politiker aus Afrin den Westen: "In den letzten Tagen hat die Türkei schweres militärisches Gerät an die Grenze verschoben." Ihr Appell: "Bitte lassen Sie die Menschen in Afrin nicht im Stich!"

In der vergangenen Woche erneuerte die Menschenrechtsorganisation Gesellschaft für bedrohte Völker ihre Warnung: "Weitere Angriffe in Afrin würden zu einem Massen-Exodus nach Europa führen."

Die Provokationen an zwei Fronten zeigen: Erdogan ist bereit, große Opfer für sein Ziel zu bringen, Nordsyrien aus der kurdischen Kontrolle herauszulösen.

Konfrontation mit den USA

Denn besonders in der Region Kobane ist auch die US-Armee sehr präsent. Wie "Buzzfeed" zuletzt berichtete, haben die USA sogar eine "semi–dauerhafte diplomatische Vertretung" in der Nähe der Stadt eröffnet. Die türkischestaatliche Nachrichtenagentur Anadolu leakte vor einigen Wochen den Standort von zehn US-Stellungen im syrischen Norden.

Die Anadolu-Provokation zeugt von einem tiefen Riss in der Beziehung zwischen Washington und Ankara.

Der Grund: Die USA haben ihre Unterstützung der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) unter Präsident Donald Trump deutlich intensiviert.

Erdogan hatte gehofft, die US-Allianz mit den Kurden mit einem Pakt mit Trump beenden zu können.

Türkische Medien berichten allerdings: Fast 1.000 Lastwagen mit amerikanischem Militärgerät sollen allein in den vergangenen Wochen über den Irak an die SDF geliefert worden sein. "Es regnet Kalaschnikows" titelte die "Hürriyet“ jüngst. Es ist gängige Praxis, dass die USA andere Streitkräfte mit dem in der Sowjetunion entwickelten Gewehren ausstattet.

Wenn Erdogan tatsächlich Angriffe auf die Region riskiert, könnten US-Soldaten zwischen die Fronten geraten. Aus dem US-Außenministerium heißt es, man werde keine Aktionen dulden, die den Kampf gegen den IS schwächen.

Allerdings würde Washington wohl türkische Angriffe auf die verbündeten Kurden als solche beurteilen.

Erdogan schwört Türken auf Krieg ein

Gleichzeitig rüstet Erdogan verbal auf.

Zum Jahrestag der seldschukischen Eroberung von Manzikert in Ostanatolien schwor der türkische Präsident am Samstag seine Zuhörer auf einen Krieg ein.

"Sind wir bereit, Leichentücher zu tragen? Sind wir bereit unseren Vorfahren zu folgen?", soll Erdogan das Publikum laut türkischen Medien gefragt haben.

Erdogan meint wohl nicht nur den Krieg gegen den Terror und vermeintliche "Demokratiefeinde" im Inneren des Landes. Sondern auch den Krieg um den Norden Syriens.

Ankara habe begonnen, die türkische "Sicherheitszone" über die Landesgrenzen hinaus zu definieren, erklärte der türkische Sicherheitsberater Kadir Ertac Celik zuletzt.

Heißt: Erdogan will sein politisches Interesse auch außerhalb seiner Landesgrenzen durchsetzen.

Dazu riskiert er offenbar eine Konfrontation mit den USA – und nähert sich sogar an den Iran an. Bei einem Besuch des iranischen Oberbefehlshabers Mohammad Hussein Bagheri in Ankara soll es zuletzt um gemeinsame Militäraktionen gegen kurdische PKK-Kämpfer gegangen sein.

Auch das dürfte in den USA für wenig Begeisterung sorgen.

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(mf)

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