"Sie bewerfen mich mit Flaschen": In München leben über 7000 Obdachlose – eine Begegnung mit einem, der den Mut nicht verliert

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  • In München hat sich die Zahl der Obdachlosen in zehn Jahren verdreifacht
  • Das Leben auf der Straße ist gefährlich - Lino, ein Betroffener, berichtet von seiner Erfahrung mit Gewalt
  • Doch Lino lässt sich nicht unterkriegen: Er glaubt weiter an seinen Traum

Lino bittet freundlich in sein Wohnzimmer. Er nimmt auf seiner Matratze Platz, für seine Gäste hat er eine kleine Bank zum Sitzen freigeräumt.

Linos Wohnzimmer liegt direkt an der Isar, unter dem Kabelsteg. Seit fünf Jahren lebt er hier.

“Jeder Tag ist wie ein Neuanfang”, sagt Lino auf Englisch und lächelt breit. An manchen Abenden werde er mit Flaschen beworfen, von den jungen Männern, die hier saufen und kiffen.

“Aber das machen ja nicht alle”, sagt Lino und zeigt auf eine Gruppe junger Studenten, die am Ufer gemütlich den lauen Sommerabend genießen.

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Lino will nicht von vorne fotografiert werden, doch er erzählt gerne seine Geschichte

München ist die reichste Metropole des Landes.

Nirgendwo in Deutschland haben die Menschen mehr Geld zur Verfügung als hier. Und nirgendwo müssen sie so viel davon für ihre Miete aufbringen.

Der Wohnraum in München ist knapp. Immer mehr Menschen können es sich nicht leisten in Bayerns Hauptstadt zu leben. Und immer mehr von ihnen landen auf der Straße.

Über 7000 Obdachlose gibt es in München – dreimal so viele wie vor zehn Jahren. Dazu kommen Tausende, die als wohnungslos gelten und keine sichere Bleibe haben.

Es sind Menschen, die aus den unterschiedlichsten Lebenslagen in den Alltag auf der Straße abrutschen. Drogensüchtige, psychisch Kranke, Tagelöhner, Alkoholiker - aber auch Menschen, bei denen an irgendeiner Stelle im Leben einfach etwas schief gelaufen ist. Die Pech hatten.

So wie Lino.

Man sieht Lino an, dass er etwas bereut

“Ich bin glücklich”, sagt er. Der blaue Sportpullover ist an den Schultern etwas weit, die weißen Sneakers trägt Lino offen. Er ist über 50, doch sein Gesicht hat etwas Jungenhaftes.

Lino ist Rumäne, ab und zu rutscht ihm ein Wort in seiner Muttersprache heraus. 1994 ist er nach Deutschland gekommen. Nach München, das ihm zunächst wie ein großer Dschungel vorkam. Er fand Arbeit in einem italienischen Restaurant.

Zehn Jahre kellnerte er dort, schickte Geld in die Heimat, zu seiner Frau und seinen zwei Töchtern.

Dann passierten zwei Dinge. Aus Linos Erzählung wird nicht ganz klar, was zuerst geschah. Im Jahr 2004 ist der Job weg. Die Familie auch. “Meine Entscheidung”, betont Lino einmal zu oft. Man sieht ihm an, dass er etwas bereut.

An die ersten Tage unter dem Kabelsteg kann er sich nicht erinnern. Dafür an die schlimmsten.

“Gegen vier Leute oder mehr kann ich eh nichts ausrichten”

An die, an denen es viel regnet in München und die Isar sein ganzes Wohnzimmer überschwemmt. An denen das Wasser aus den Löchern in der Brücke läuft.

Und an die, wenn die jungen Männer am Kiesstrand mal wieder aggressiv werden. “Die trinken dann Wodka oder Jim Beam. Dann nehmen die Drogen und wollen sich prügeln”, sagt Lino.

“Ich bin kein guter Kämpfer”, schmunzelt er und rudert mit den Armen wie ein Jahrmarktboxer aus dem vergangenen Jahrhundert. Er lacht durch seine breite Zahnlücke: “Gegen vier Leute oder mehr kann ich eh nichts ausrichten.”

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Nicht weit von Linos Brücke hat ein anderer Obdachloser sein Hab und Gut verstaut

Lino kann nicht verstehen, warum die jungen Menschen vor seinem Zuhause ihre Zeit vergeuden. “Die haben 20 Euro am Tag, und dann versaufen sie die hier”, empört er sich. Er springt auf und imitiert die herumtorkelnden Nachtschwärmer: “Soll das ein tolles Hobby sein?”

Er selbst wisse, was er mit seiner Zeit machen würde, wenn er noch einmal jung wäre: “In die Bibliothek würde ich gehen. Siegmund Freuds Psychoanalyse lesen.” Lino versucht sich an einem Abriss von Freuds Theorien. “Vater, Mutter - das ist alles noch tief in uns drin”, sagt er.

Von seinen eigenen Töchtern hört er nur selten.

“Ohne Arbeit, keine Wohnung – ohne Wohnung, keine Arbeit”

Familiäre Einschnitte, etwa Trennungen, seien ein häufiger Grund, warum Menschen auf der Straße landen, heißt es bei der Münchener Bahnhofsmission. Ein weiteres Problem: Der Mangel an Wohnraum.

“Die Preise steigen und steigen. Da gibt es wirklich unverschämte Angebote, die sich auch Leute aus der Mittelschicht nicht leisten können”, sagt eine Sozialarbeiterin. Auf Sozialwohnungen warte man in München Monate, manchmal sogar Jahre.

Wer wenig Geld und kein sicheres Umfeld hat, landet in der bayerischen Hauptstadt deshalb schnell auf der Straße – und kommt von dort so bald auch nicht wieder weg.

“Das ist ein Teufelskreis”, sagt die Mitarbeiterin der Bahnhofsmission, “ohne Arbeit, keine Wohnung – ohne Wohnung, keine Arbeit.” Dieses Problem würden die Sozialarbeiter täglich erleben.

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Im Münchner Bahnhofsviertel leben viele Menschen auf der Straße

Oft gehe es um die simpelsten Grundbedürfnisse wie Essen und einen sicheren Schlafplatz. “Wir haben auch viel damit zu tun, dass Leute bestohlen werden”, sagt die Sozialarbeiterin. “Gewalt gegen Obdachlose spielt in München eine große Rolle. Auf der Straße ist es einfach nicht sicher.”

Lino: “Es geht doch nur darum, Erfahrungen zu machen"

Auch nicht für Lino. Besonders an den Wochenenden, wenn mehr Menschen nachts an die Isar kommen. Wenn mehr junge Männer mehr Alkohol trinken und mehr Drogen nehmen.

Sein Zuhause unter der Brücke verlassen will Lino trotzdem nicht. Außer, ja außer er findet das große Glück - im Lotto. “Ich spiele drei mal die Woche”, erzählt Lino. Wie viel er gewinnt, ist ihm dabei fast egal. “10.000 oder 10 Millionen”, lacht er.

Lino hat nur einen Traum: Malaysia. Er will einmal in Kuala Lumpur leben.

Solange er dafür kein Geld hat, bleibt er eben auf der Straße und lebt in die Tage hinein. “Immer langsam machen, man darf nicht hektisch werden”, sagt Lino. “Es geht doch nur darum, Erfahrungen zu machen. Alles ist eine Erfahrung.”

Ein junger Mann läuft vorbei, er hält dem Obdachlosen unter dem Kabelsteg eine leere Speziflasche hin. Pfand für den Mann unter der Brücke. Doch der winkt ihn weiter: “Kein Bedarf.”

Es könnte Lino besser gehen. Doch es geht ihm gut.

Die HuffPost ist noch eine Woche in Gegenden Deutschlands unterwegs, in denen vom Aufschwung der vergangenen Jahre nicht viel angekommen ist. Verfolgt die Deutschland-Tour unserer Reporter Lennart Pfahler und Josh Groeneveld bei Twitter.

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(sk)

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