ARD-"Sommerinterview": Schulz wirft Merkel vor, sie sei "abgehoben"

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  • SPD-Kanzlerkandidat Schulz hat seine Taktik geändert
  • Im "Sommerinterview" zeigte er sich aggressiver als zuvor und kritisierte Kanzlerin Merkel heftig
  • Doch die Kanzlerin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen

Vier Wochen vor der Bundestagswahl ändert Martin Schulz seine Strategie. Im ARD-Sommerinterview am Sonntag gibt der SPD-Kanzlerkandidat seine bisherige Zurückhaltung auf. Er wirkt aggressiv und wird jetzt auch persönlich.

Schulz wirft Kanzlerin Angela Merkel vor, sie sei "abgehoben". "Sie benutzt die Infrastruktur des Bundes für einen Spottpreis, um zu ihren Wahlkampfauftritten zu fliegen."

Die CDU-Politikerin kusche vor dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Auf Nachfrage macht Schulz deutlich, dass er seinen harten Kurs gegenüber Erdogan beibehalten will, auch wenn ihn das Stimmen der Deutschtürken kosten kann, die traditionell SPD wählen. "Wie lange wollen wir tatenlos zusehen, dass Herr Erdogan uns an der Nase herumführt?“, sagt er. "Sie werden bei mir in Kauf nehmen müssen, dass ich Prinzipien habe", sagt Schulz - eine heftige Attacke auf Merkel und Aussage, die die Linkspartei zu einem ironischen Tweet animierte:

Konkret brachte er etwa eine Blockade der Verhandlungen um die Zollunion ins Spiel.

Schulz sagte, Merkel habe in Sachen Elektromobilität "keinen Plan". Mal habe Merkel eine Million Elektroautos bis zum Jahr 2020 vorgeschlagen, um das Ziel dann wieder zu verwerfen. Ein anderes Mal habe sie das Ende von Diesel- und Benzinautos angekündigt, bis CSU-Chef Horst Seehofer dazwischengrätschte. "Da ist sie jetzt wieder umgefallen."

Schulz attackiert Merkel wegen der Bedingungen, die sie für ein TV-Duell mit ihm stellte. Das sei ein "einzigartiger Vorgang". Er schreibe Journalisten nicht vor, wie so ein Treffen zu laufen habe. Moderatorin Tina Hassel wirft ein, Schulz wolle doch auch ein Duell, und besser ein solches als gar keines.

Doch damit ist die Sache für Schulz nicht erledigt, er wiederholt, er diktiere Journalisten nicht, wie sie so eine Sendung zu machen hätten.

Da wechselt Hassel das Thema. Ob ihr die Kritik an Merkel zu viel wurde, ob ihr die Zeit davonlief, oder ob es ihr unangenehm war, dass sich die Journalisten von Merkel hatten unter Druck setzen lassen, ist unklar.

Taktischer Vorteil für Merkel

Merkel allerdings lässt sich von Schulz nicht aus der Reserve locken. Ein ZDF-Interview mit ihr wird nach dem von Schulz in der ARD aufgezeichnet.

Ein taktischer Vorteil für die Kanzlerin: Sie kann sich ihre Antwort auf Schulz gut überlegen. Als Moderatorin Bettina Schausten Merkel nach fast 18 Minuten Frage-Antwort-Ping-Pong ohne große Neuigkeiten auf die Schulz-Anwürfe und ihre Taktik anspricht, noch nicht einmal seinen Namen in den Mund zu nehmen.

"Ihr Herausforderer Martin Schulz, dessen Namen Sie auch heute in der Sendung nicht erwähnt haben, hat sie heute deutlich kritisiert", sagt Schausten. Und Merkel kontert: "Noch haben Sie mich gar nicht nach Martin Schulz gefragt. Ich nehme also gerne diese beiden Worte in den Mund."

Die spitze Frage, ob sie glaube, dass der SPD-Mann ein guter Kanzler wäre, übergeht die CDU-Chefin dann, logisch.

Merkel hakt die Themen kurz ab

Merkel spielt mal wieder ihren Amtsbonus aus: Sie versuche, ihrem Amtseid "wirklich gerecht zu werden - dem Wohle des deutschen Volkes zu dienen. (...) Und das bedeutet: Den Menschen im Lande zu dienen." Sie übe ihr Amt gerne aus, da verstehe es sich doch von selbst, dass sie im Wettbewerb mit Schulz stehe. Sie stelle sich im Wahlkampf den Menschen, die müssten am 24. September ihre Entscheidung treffen. Punkt. Nächstes Thema.

So ganz nebenbei räumt Merkel in dem Interview die Debatte um die Zukunft des Diesels und des Verbrennungsmotors vorerst ab - akut stelle sich die Frage nach einem konkreten Datum für das Aus dieser Antriebstechniken gar nicht. Wenn schon, dann vielleicht in Jahrzehnten. Sogar das Ende des Jahrhunderts lässt die Kanzlerin in diesem Zusammenhang als Datum fallen. "Es hat keinen Sinn, jetzt die Menschen zu verunsichern", sagt sie kurz.

Der Vorsitzende der CDU-Nachwuchsorganisation Junge Union, Paul Ziemiak, twitterte denn auch, er sei stolz auf Merkel. Schulz sie bloß "Vorprogramm" gewesen.

Merkel lässt sich nicht aus der Reserve locken

Und auch beim üblichen Spiel mit künftigen Schlagzeilen lässt sich Merkel nicht aus der Reserve locken. Auf die Frage, ob sie sich beim übernächsten CDU-Wahlparteitag im Jahr 2020 für die Unions-Hoffnung, Saarlands Regierungschefin Annegret Kramp-Karrenbauer, als Nachfolgerin einsetzen werde, meint sie schlicht, die Frage stelle sich heute nicht. "Ich hoffe, dass ich dann weiter Parteivorsitzende bin. Und dann schau'n wir mal."

Und auch die Frage nach einer möglichen Schlagzeile vom 1. April 2022: "Kochbuch statt Biografie - Ex-Bundeskanzlerin Merkel veröffentlicht ihre besten Rezepte" räumt Merkel ab: "Vielleicht mache ich das schon vorher."

Warmlaufen fürs TV-Duell

Der TV-Schlagabtausch zwischen Merkel und Schulz wirkt wie eine Art Warmlaufen vor dem ersten und einzigen TV-Duell der beiden am kommenden Sonntag.

Mehr zum Thema: TV-Duell: "Solche Vereinbarungen nennt man sittenwidrig" - ehemaliger ZDF-Chefredakteur wirft Merkel Erpressung vor

Dass Schulz jetzt nicht nur die Union kritisiert, sondern den Frontalangriff auf Merkel wagt, dürfte auch eine Reaktion auf die jüngsten Umfragen sein. Sie sehen die Union bei 39 Prozent, während die Sozialdemokraten zwischen 22 und 24 Prozent stagnieren. Allerdings haben sich schon einige Merkel-Widersacher mit dieser Strategie eine blutige Nase geholt.

Viele Genossen kommen Schulz in die Quere

Doch was sollte Schulz sonst tun? Die Themen-Ballons, die er bisher steigen ließ, verschwanden oft schon nach wenigen Stunden weitgehend unbemerkt am Horizont - von der EU-Quote für Elektroautos bis hin zu seinen Ratschlägen zum richtigen Umgang mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Am Montag will Schulz einen Vorschlag für eine "Nationale Bildungsallianz" präsentieren. Es geht um einheitliche Bildungsstandards. Das Thema nervt viele Eltern, die schon mal mit Schulkindern von Bundesland zu Bundesland umgezogen sind. Doch schon ganz andere haben sich eine blutige Nase bei den Länderfürsten geholt: Bildung ist Ländersache.

Schulz muss sich auch mit Außenminister Sigmar Gabriel arrangieren, der manchmal wie der eifrigere Wahlkämpfer wirkt. Machen sich da zwei SPD-Alphatiere den Markt der Aufmerksamkeit streitig? Schulz sagt, nein. "Sigmar Gabriel und ich stimmen uns in jedem Punkt ab." In einem Interview habe ihn Gabriel neulich sogar über den grünen Klee gelobt, "das fand ich ganz toll".

Auch andere Genossen schießen quer. SPD-Fraktionsvize Eva Högl spricht sich im RBB dafür aus, im Falle einer Wahlniederlage notfalls auch als Juniorpartner der Union wieder in eine große Koalition zu gehen. "In der Opposition setzt man natürlich gar nichts durch. Opposition ist immer das Schlechteste."

Ganz nach dem Motto des früheren SPD-Chefs Franz Müntefering: "Opposition ist Mist." Ob das Frontmann Schulz gefallen kann? Er lässt keine Gelegenheit aus, um den Halbsatz "wenn ich Kanzler bin" einzuflechten.

Wähler sind noch unentschieden

Merkel und Schulz wissen beide: In den nächsten vier Wochen kann noch viel passieren. Denn nach Angaben der Meinungsforscher hat fast jeder zweite Wähler noch nicht entschieden, wo er sein Kreuz machen wird. Auf diese Unentschiedenen hofft Schulz. Er sagt: "Da will ich ran." Er klingt kämpferisch. Aber auch ein wenig verbissen.

(mf)

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