TV-Duell: "Solche Vereinbarungen nennt man sittenwidrig" - ehemaliger ZDF-Chefredakteur wirft Merkel Erpressung vor

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MERKEL SCHULZ
TV-Duell: "Solche Vereinbarungen nennt man sittenwidrig" - ehemaliger ZDF-Chefredakteur wirft Merkel Erpressung vor | Yves Herman / Reuters
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  • Am 3. September werden Kanzlerin Merkel und Herausforderer Schulz beim TV-Duell aufeinandertreffen
  • Die Sender wollten das Format ursprünglich ändern, doch das Kanzleramt weigerte sich
  • Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Brender wirft der Kanzlerin jetzt Erpressung und sittenwidriges Handeln vor

Der 3. September ist für SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz so etwas wie der Tag der letzten Chance. Schulz, der sich trotz katastrophaler Umfrageergebnisse seit Wochen kämpferisch und optimistisch gibt, muss an diesem Tag, drei Wochen vor der Wahl, liefern. Denn dann geht es gegen Kanzlerin Angela Merkel im TV-Duell um alles - jedenfalls für den Sozialdemokraten.

Das Duell wird gleichzeitig auf ARD, SAT. 1, RTL und ZDF übertragen, vier Moderatoren der Sendeanstalten werden die Fragen stellen. Es ist das einzige Ereignis, bei dem die beiden Kontrahenten im Wahlkampf direkt aufeinandertreffen - und das vor rund 15 Millionen TV-Zuschauern.

Kein Wunder, dass der Auftritt für Schulz besonders wichtig ist.

“Die Ei­ni­gung ist un­ter Er­pres­sung durch das Kanz­ler­amt zu­stan­de ge­kom­men"

Doch es könnte sein, dass Schulz von Anfang an auf verlorenem Posten kämpfen wird. Der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender wirft dem Kanzleramt jetzt vor, das TV-Duell zu einem reinen Kanzlerformat gemacht zu haben. “Die Ei­ni­gung ist un­ter Er­pres­sung durch das Kanz­ler­amt zu­stan­de ge­kom­men. Sol­che Ver­ein­ba­run­gen nennt man sit­ten­wid­rig”, sagte Brender dem Nachrichtenmagazin “Spiegel”.

Das Format des diesjährigen TV-Duells war lange Streitthema. Die Sender wollten es eigentlich reformieren. Zwei der vier Journalisten sollten demnach die ersten 45 Minuten Fragen stellen dürfen, die anderen beiden in einem zweiten Block. “Ziel war eine klarere Struktur und mehr Raum zu Spontaneität und Vertiefung”, heißt es dazu von der ARD.

Außerdem hatten die Sender überlegt, das Duell erstmals vor einem Studiopublikum austragen zu lassen - wie es in den USA üblich ist.

"Kanzlerinnenkeule"

Doch die Vertrauten der Kanzlerin wünschten keine Änderung des Formats. Eva Christiansen, Merkels Medienberaterin und Regierungssprecher Steffen Seibert lehnten ein Duell vor Publikum ab.

Doch man verhandelte weiter. Dreimal setzten sich Sendervertreter und Seibert zusammen, schreibt der “Spiegel”. Und irgendwann wurde klar, dass Merkels Vertreter es mit Erpressung versuchen: Wenn das TV-Duell nicht im gewohnten Format stattfinde, dann finde es ohne Merkel statt. “Kanzlerinnenkeule” soll das intern bei den Sendern seither heißen.

Manche Senderchefs wollten die Verhandlungen am liebsten sogar platzen lassen, schreibt der “Spiegel”. Regierungssprecher Seibert, ehemaliger ZDF-Journalist, sei dabei “schroff und arrogant” aufgetreten, wie der “Spiegel” Anwesende zitiert.

Die hatten sich ohnehin schon gewundert, dass ein Regierungssprecher die Verhandlungen führt und kein Vertreter der Parteizentrale.

Schlussendlich beugte man sich dem Druck der Kanzlerin, “um diese einzige direkte Konfrontation zwischen Kanzlerin und dem Spitzenkandidaten der SPD dennoch zu ermöglichen und dem Interesse einer sicherlich breiten Öffentlichkeit Rechnung zu tragen”, wie es von der ARD heißt.

"Eine Missgeburt"

Natürlich steckte Kalkül hinter dem Vorgehen von Merkels Unterhändlern.

“Das Kanz­ler­amt ver­langt ein Kor­sett für die Kanz­le­rin, in dem sie sich nicht be­we­gen muss”, sagt Ex-ZDF-Chef Brender. “Und zu­gleich ei­nes für Schulz, in dem er sich nicht be­we­gen darf.“

Das TV-Duell sei daher als Fernsehformat “eine Missgeburt”.

Und setzt so die besten Voraussetzungen, dass Merkel ihren unaufgeregten Wohlfühl-Wahlkampf weiter führen kann, bei dem sie so tut, als gäbe es gar keinen Herausforderer. Brender bezeichnet Merkel deshalb auch als “Meisterin des Ungefähren”.

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Auch Merkels ehemaliger Herausforderer Peer Steinbrück findet keine positiven Worte für Merkels Wahlkampfverhalten. Sie sei wie “ein Stück Seife, das einem ständig aus den Händen gleitet”, sagte Steinbrück dem “Spiegel”. Sie würde strittige Themen entschärfen, indem sie sich sie einfach zu eigen mache.

"Lebt vom Wettbewerb der Personen"

“Macht­po­li­tisch kann ich das nach­voll­zie­hen, de­mo­kra­ti­e­theo­re­tisch ist das ver­hee­rend. Sie ent­zieht sich ei­nem di­rek­ten Ver­gleich. Da­bei lebt der Wahl­kampf vom Wett­be­werb der Po­si­tio­nen und Per­so­nen.“

Mit dem Festhalten am alten Format sichert sich Merkel, dass sie ihre Komfortzone nicht zu sehr verlassen muss. Laut “Spiegel” erwartet das Merkel-Lager trotzdem, dass Schulz als Sieger aus dem Duell hervorgeht. Je geringer der Vorsprung des Sozialdemokraten, desto größer der Erfolg der Kanzlerin.

Und ein paar Prozentpunkte drei Wochen vor der Wahl kann Merkel wohl an Schulz abgeben. Wenn die Kanzlerin danach wie gewohnt mit Youtubern und über Kartoffelsuppe spricht und sich wieder in ihrem Wohlfühlmodus befindet, dann wird sie die bis zum 24. September auch wieder aufholen.

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(lm)