"Teufelskreis der Armut": Warum die Menschen in Pirmasens früher sterben als die im Irak

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  • In Pirmasens ist die Lebenserwartung so niedrig wie nirgendwo sonst in Deutschland
  • Selbst in manchen von Krieg und Hunger gebeutelten Ländern leben die Menschen länger
  • Das hat vor allem einen Grund: die weit verbreitete Armut in der Stadt
  • Im Video oben seht ihr, was viele in der Armutsdebatte in Deutschland falsch verstehen

Am Ende der Pirmasenser Hauptstraße riecht es nach Abgas und Urin. Vor einer Spielothek parkt ein schwarzer Kombi. Die Fenster sind heruntergelassen, der Beifahrer hat sich gerade eine Dose Krombacher aufgemacht.

Aus dem Inneren des Wagens schallt laute Rapmusik: “Wenn du auf der Brücke stehst und sterben willst, dann denk an mich.”

Eine Zeile, die in Pirmasens wie ein böses Omen klingt.

Nirgendwo in Deutschland wird so früh gestorben wie hier: Für den Durchschnitts-Pirmasenser ist das Leben nach 73 Jahren vorbei. Ein Jahr früher als im Kriegsland Irak. Zwei Jahre früher als in Venezuela, wo viele Menschen an Hunger leiden.

Und fast zehn Jahre früher als in Gesamtdeutschland.

Das ungewöhnlich frühe Sterben in Pirmasens hat vor allem eine Ursache: Armut. In der einstigen Industriestadt zeigt sich, wie brutal sich wirtschaftliche Not und soziales Elend auf die Gesundheit der Menschen auswirken.

”Wir machen hier das Beste draus”

Das Maze Wiss in der Schillerstraße ist fast leer.

Nur ein Mann sitzt mit einer Zeitung am Tresen, ganz links, neben dem milchigen Fenster. Er kaut auf einer Knackwurst herum. “Pirmasens ist eine Stadt wie jede andere”, sagt er über seine Brille hinweg. “Es fehlt halt an Arbeit.”

Wer Arbeit habe, verdiene nicht viel, sagt der Mann. Er blickt aus dem Fenster: “Und wer was verdienen will, der zieht am besten woanders hin.” In den vergangenen vier Jahrzehnten haben das 20.000 Menschen getan - Pirmasens hat ein Drittel seiner Einwohner verloren.

Der Mann im Maze Wiss lächelt: “Wir machen hier das Beste draus.”

“Das Beste” war in Pirmasens lange die Schuhindustrie. Bis in die 70er-Jahre gab es in der rheinland-pfälzischen Stadt etwa 350 Schuhfabriken, rund 25.000 Menschen waren hier beschäftigt. Heute sind nur 1200 dieser Arbeitsplätze übrig geblieben.

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"Der Schuh hat hier uns groß gemacht – Drum Schuh und Schuster nicht veracht"

Über 12 Prozent der Menschen in Pirmasens sind nun arbeitslos. Mehr als jedes vierte Kind der Stadt wächst in Armut auf.

Drei Faktoren, die das Leben verkürzen

Angesichts dieser Zahlen wundert sich der medizinische Soziologe Matthias Richter von der Universität Halle-Wittenberg nicht über die niedrige Lebenserwartung in Pirmasens. Er weiß: Armut macht krank – vor allem aus drei Gründen.

Ärmere Menschen hätten oft ein schlechteres Gesundheitsverhalten, sagt Richter der HuffPost. Die Hauptprobleme: “Rauchen, Alkohol, schlechte Ernährung, weniger Bewegung.”

Dazu kämen die psychosozialen Einflüsse: Eine höhere Arbeitsbelastung in klassischen Niedriglohnjobs, ein häufig schlechteres Familienklima und Stress. “Geringe Einkommen bedeuten eine größere psychische Belastung”, sagt Richter.

Der Soziologe erklärt: “Man merkt im Gespräch mit Nachbarn, Freunden und Familie, dass man abgehängt ist.” Mit dem Gefühl der Benachteiligung steige das Risiko der depressiven Erkrankungen. “Neben diesem psychologischen hat die Demoralisierung auch viele körperliche Effekte.“

Nicht zu unterschätzen seien zudem materielle Faktoren. “Wer kein geregeltes Einkommen hat, muss oft in Wohnungen leben, in denen es Schimmelbelastung gibt oder die einfach an stärker befahrenen Straßen liegen“, sagt Richter.

Pirmasens, so macht es den Eindruck, besteht nur aus solchen stärker befahrenen Straßen.

"Hier kann es einem gar nicht gutgehen"

Zwar hat die Stadt in diesem Jahr erst fünf mal die Belastungsgrenze für Feinstaub überschritten - doch die Messstelle befindet sich in der Nähe eines abgelegenen Luft- und Badeparks. Nicht etwa inmitten des vielbefahrenen Straßennetzes der Stadtmitte, in der es permanent nach Smog riecht.

Hier an einer der vielen Kreuzungen zu stehen, bedeutet Stress. In Pirmasens kommen also zwei Dinge zusammen: Die weit verbreitete Armut und eine ungesunde Infrastruktur.

Eine gefährliche Mischung, glaubt Gesundheitsforscher Rolf Rosenbrock vom Deutschen Wissenschaftszentrum Berlin.

Tendenziell sei die Lebenserwartung in Gegenden, die sowohl wirtschaftlich schwach als auch infrastrukturell schlecht ausgebaut seien, am schlechtesten, erklärt er der HuffPost.

Besonders Langzeitarbeitslose würden so erfahrenes Leid oft tief verinnerlichen. “Wenn man wenig zum Leben hat und dann auch noch die soziale Struktur zerbröselt, kann es einem nicht gutgehen“, sagt Rosenbrock.

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Eine der schöneren Ecken in Pirmasens

Er spricht von “ausweglosen Drucksituationen”. “Wenn ein Vater Hartz-IV bekommt, sein Sohn mit ihm ins Kino gehen will und er weiß, dass das Geld dafür einfach fehlt, entsteht ein enormer psychischer Druck, der die Gesundheit auf Dauer stark beeinträchtigt“, erklärt Rosenbrock.

Schnell setze dann ein Gefühl der Verachtung und Ausgegrenztheit ein. “Irgendwann findet man dann selbst, dass man eine Flasche ist“, sagt der Gesundheitsexperte.

”Wenn man Arbeit hat, ist es toll hier”

Längst nicht jeder in Pirmasens ist so verbittert.

Beim Pizzaladen in der Schlossstraße unterhalten sich zwei alte Bekannte bei einem Bier. Einer prostet dem vorbeifahrenden Busfahrer zu, der seinen Elf-Tonner extra kurz anhält, um zurückzuwinken. “Des is’n Guter”, erklärt der Mann am Plastiktisch seiner Sitznachbarin grinsend.

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Eine der vielen geschlossenen Kneipen in der Innenstadt

Der Pizzabäcker im Lokal berichtet, er sei seit 2005 in Pirmasens. Zwar habe es früher mehr Firmen und Jobs gegeben, doch “wenn man Arbeit hat, ist es toll hier”, sagt er. Man könne eine Familie gründen und habe seine Ruhe.

Doch jeder Achte in Pirmasens hat keine Arbeit. Diesen Menschen droht, was der medizinische Soziologe Richter einen “Teufelskreis der Armut” nennt. In Gegenden wie Pirmasens habe den auch die Agenda 2010 befeuert.

“Möglicherweise hatte die in den Ballungszentren ihren Effekt”, sagt Richter, “aber in den Gegenden, in denen die Situation schon schlecht war, wurde sie nur schlimmer.“

Für Pirmasens bedeutet das: Die Menschen sterben früher, weil sie immer ärmer werden.

Die HuffPost ist noch eine Woche in Gegenden Deutschlands unterwegs, in denen vom Aufschwung der vergangenen Jahre nicht viel angekommen ist. Verfolgt die Deutschland-Tour unserer Reporter Lennart Pfahler und Josh Groeneveld bei Twitter.

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(sk)

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