"Times"-Kommentator über den Wahlkampf: "Ich wette, Merkel wird keine volle vierte Amtszeit machen"

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"Times"-Kommentator über den Wahlkampf: "Ich wette, Merkel wird keine volle vierte Amtszeit machen" | Ralph Orlowski / Reuters
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  • Ein Autor der britischen "Times" analysiert den Wahlkampf Angela Merkels
  • Er wettet, Merkel werde keine volle vierte Amtszeit mehr durchhalten
  • Sie habe das Gefühl für die Menschen verloren

Die renommierte britische Zeitung "The Times" hat einen bemerkenswerten Beitrag über Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) veröffentlicht.

Kommentator Roger Boyes geht davon aus, dass Merkel - so sie wie erwartet wiedergewählt wird – ihre vierte Amtszeit nicht vollenden wird. "Ich wette, sie wird keine ganze Legislaturperiode mehr machen können", schreibt er.

Boyes führt eine ganze Reihe von Gründen an.

Merkel halte sich für unersetzlich

Boyes warnt, Merkel steuere auf einen Moment der "Überheblichkeit" zu. Die Kanzlerin halte sich für unersetzlich, für Deutschland und Europa.

Eine Leserin der "Bild"-Zeitung hatte kürzlich gefragt, ob Merkel glaube, dass man besser werde, je länger man regiere. Merkel hatte die Frage klar mit Ja beantwortet und mit wachsender Erfahrung begründet. Nötig sei aber auch Neugierde auf Neues, die sie noch immer empfinde.

"Die Kanzlerin wird das Statement noch bereuen", glaubt der "Times"-Kommentator.

Er verweist auf Merkels einstigen Mentor Helmut Kohl. Dessen Macht sei zum Schluss gebröckelt, Merkel wusste das zu nutzen.

Kohl hatte sich geweigert, die Geldgeber illegaler Parteispenden zu nennen. Merkel hatte daraufhin in einem Zeitungsbeitrag geschrieben, die CDU müsse auch ohne Kohl auskommen. Kurz darauf legte er den Ehrenvorsitz über die Partei nieder.

Boyes fragt sich, wer nun diesmal "das Messer führen" werde. Denn er sieht Merkel politisch geschwächt.

Merkel habe das Gefühl für die Menschen verloren

Merkel, so schriebt Boyle, habe versucht die Eurozone zu retten und den Populismus in Europa zu bekämpfen – und habe dabei übersehen, wie sehr es in Deutschland rumpele.

Insbesondere die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin sieht er als Gefahr für ihre politische Zukunft. Viele Menschen in Deutschland nähmen die Flüchtlinge als Konkurrenz um Ressourcen wahr, jeder Asylbewerber, der einen Anschlag begehe, nähre die Furcht.

Dabei sei es nicht in erster Linie Fremdenfeindlichkeit, die zu einen Problem für Merkel werde – sondern das Gefühl der Menschen, dass die Kanzlerin den Bezug zu ihnen verloren habe.

Auch viele Flüchtlingshelfer hatten beklagt, dass sie der Staat mit der Arbeit allein lasse. Viele ärmere Deutsche fürchten die Konkurrenz der anerkannten Asylbewerber auf dem Wohnungsmarkt, denn Wohnungen im unteren Preissegment sind in Ballungsräumen wie München schon jetzt kaum zu finden.

Ebenso zeigte der jüngste "Deutschlandtrend", dass für die meisten Deutschen das Thema Einwanderung das wichtigste ist.

Anders als Kohl habe Merkel nicht überall in Deutschland gut gepflegte Kontakte, die ihr die Stimmung durchkabeln. Das sei umso gravierender, als Deutschland heute nicht nur ein West-Ost-Gefälle habe, sondern auch ein Süd-Nord-Gefälle. Und Merkel, der Protestantin aus dem Osten, keinen Draht zum katholischen Süden habe.

Die Kungelei mit der Autoindustrie

Boyes vermutet, dass auch die Krise der deutschen Autoindustrie, der Betrug, die illegalen Absprachen, die Untätigkeit der Regierung, der Kanzlerin auf die Füße fallen werden.

Natürlich ist all das Thema in Deutschland, doch dass es Merkel schadet, wie der Kommentator vermutet, zeichnet sich bislang nicht ab.

Die Empörung der angeschmierten VW-Fahrer war überschaubar und ist längst abgeebbt. Merkel gibt sich bei Diesel-Fahrverboten zurückhaltend, was viele Deutsche erleichtern dürfte. Tausende Familien sind von der Autoindustrie abhängig und werden Kungelei zwischen Politik und Industrie daher in einem anderen Licht sehen.

Ausbeutung der Jugend

Prekäre Beschäftigung junger Menschen: Boyes vermutet außerdem, dass viele ältere Menschen in Deutschland sich sorgten, dass ihre Kinder endlos in unbezahlten Praktika ausgebeutet werden und später als Berufseinsteiger in Betrieben ausgenutzt werden.

Auch in diesem Punkt trifft Boyes die Stimmung in Deutschland, wenn auch nicht ganz. Viele Eltern und Großeltern mögen ihre Nachkommen da bedauern – aber vor allem sind sie froh, wenn die Jungen Arbeit haben. Und die CDU wirbt erfolgreich mit einer außerordentlich niedrigen Arbeitslosenquote im Land.

Viel gravierender als ein unbezahltes Praktikum wird die jungen Menschen die Rentenpolitik der Union treffen. Bislang profitieren vor allem die Senioren von der Politik der Christdemokraten. Und in diesem Punkt haben die Senioren auch immer für sich gestimmt - nicht für ihre Enkel.

Merkel hat keine echte Konkurrenz - das wird sich ändern

Selbst wenn Boyes in den beiden letzten Punkten wohl zu schwarz sieht für die Kanzlerin – er hat Recht, dass Merkels Stärke derzeit vor allem in der Schwäche ihrer Gegner liegt.

Der SPD, die in Umfragen weit abgeschlagen ist. Und der CDU selbst. Denn dass Merkel so unangefochten an der Spitze steht, liegt nicht ausschließlich an ihrer Kompetenz. Aber auch daran, dass die Union keine Alternative parat hat.

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(mf)

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