Schreiben nach Gehör: Forscher warnt vor der sich ausbreitenden Lehrmethode an Schulen

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GRUNDSCHULE
Die Lehrmethode "Schreiben nach Gehör" soll Schüler motivieren - doch später haben die Schüler es schwerer, die richtige Rechtschreibung zu erlernen. | iStock
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  • An vielen Grundschulen arbeiten Lehrer unter anderem mit der Methode "Schreiben nach Gehör"
  • Eltern, Sprachwissenschaftler und Politiker kritisieren das Konzept
  • Der Germanistik-Professor Wolfgang Steinig warnt sogar: Die Lehrweise schadet den Kindern

Experten blicken besorgt auf eine Lehrmethode, die an deutschen Schulen immer beliebter wird. Bei dem Modell "Schreiben nach Gehör" spielt die Rechtschreibung zunächst keine Rolle - Erstklässler sollen mit Hilfe dieses Konzepts besonders schnell und spielerisch lesen und schreiben lernen.

Seit zehn bis 15 Jahren ist die Methode bundesweit an Grundschulen erlaubt. Doch es werden zunehmend Stimmen besorgter Eltern, Politiker und Sprachwissenschaftler laut, die den Erfolg der Lehrweise in Frage stellen.

In den Bundesländern Hamburg und Baden-Württemberg wurde das "Schreiben nach Gehör" bereits verboten. Auch die neue NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer überlegt, die Lehrmethode an den Grundschulen abzuschaffen.

Wolfgang Steinig, Professor für Germanistik an der Universität Siegen, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dieser Lehrmethode und hält sie für einen großen Fehler.

Kinder lernen das Schreiben mit einer Anlauttabelle

Entwickelt hat das Konzept “Lesen durch Schreiben” der 2009 verstorbene Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen. Er verfolgte den Ansatz, dass nicht das Lesen, sondern das Schreiben am Anfang stehen sollte.

Zum Schreiben Lernen wird nicht mehr die klassische Fibel verwendet, sondern eine sogenannte Anlauttabelle, mit deren Hilfe sich die Kinder die Buchstaben zu den Lauten zusammensuchen.

Wenn ein Kind etwa das Wort "Abend" schreiben möchte, spricht es dieses Wort laut vor sich hin. Dann schaut es auf der Tabelle, wo ein Symbol ist, das mit dem Laut "a" beginnt, wie beispielsweise der Apfel. So buchstabiert es sich Buchstabe für Buchstabe durch das Wort hindurch.

Richtig oder falsch gibt es dabei nicht und Rechtschreibregeln spielen keine Rolle. Auf diese Weise soll die Freude der Kinder am Schreiben gefördert werden.

Anfängliche Motivation wandelt sich schnell in Lernfrust

"Der Vorteil dieser Methode besteht darin, dass die Kinder meist hoch motiviert sind, weil sie rasch mit Hilfe einer Anlauttabelle all das schreiben können, was sie schreiben möchten", sagt Steinig.

Die anfängliche Motivation könne sich allerdings schnell in Lernfrust verwandeln. Denn spätestens in der dritten Klasse werden Rechtschreibregeln eingeführt werden und die Kinder hören plötzlich: "So wie du das schreibst, ist es falsch." Dann werde ihnen die "antrainierte Lernschwäche" zum Verhängnis.

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Auch viele Eltern sehen das kritisch. Isa Becker, eine Mutter aus Nordrhein-Westfalen schrieb vor einiger Zeit in einem viel beachteten Facebook-Post: "Mein fröhlicher Schreibanfänger ist nun in der dritten Klasse und verzweifelt suchen wir inzwischen die Freude und die Motivation beim Schreiben.”

Denn viele Wörter hätten sich bei ihrem Sohn nun einmal in der Schreibweise eingeprägt, die er die ersten zwei Jahre benutzte. Nun sei die "muta" plötzlich die “Mutter” und der "lera" aka Lehrer streiche im Diktat alles rot an.

Umlernen ist schwieriger als neu lernen

Steinig ist mit dieser Problematik vertraut. "Da haben sich dann bereits Muster eingeprägt und die Kinder müssen umlernen", sagt er. "Wir wissen aber alle, dass umlernen viel schwieriger ist als neu lernen. Einfacher und besser wäre es, wenn man die Rechtschreibung von Anfang an beachten würde."

Er sieht noch eine weitere Schwierigkeit. "Hinzu kommt, dass die Laute in einem Wort in einem einzigen Lautstrom ineinanderfließen, also nicht isoliert wie Klötze in einem Baukasten aneinandergereiht werden." Es gäbe daher auch Kinder, die mit der Lauttabelle überhaupt nicht zurechtkämen, gibt er zu bedenken.

Außerdem hätten zwei Gruppen ganz konkret Probleme mit dem Modell, kritisiert der Germanist: Kinder mit einer anderen Muttersprache und Kinder aus bildungsferneren Schichten. Bei Letzteren hat sich das Steinigs Forschungen zufolge die Rechtschreibung mit dem "Schreiben nach Gehör" deutlich verschlechtert.

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"Kinder aus bildungsfernen Schichten werden abgehängt"

Dass die soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft deutlich zunehme, werde insbesondere an den Unterschieden hinsichtlich der Schreibfähigkeit bei Kindern deutlich. Steinig warnt, dass insbesondere sozial benachteiligte Kinder durch Reichens Modell abgehängt werden.

Denn während die oben erwähnt Mutter aus NRW, Isa Becker, mittlerweile ein Übungsheft für ihren Sohn gekauft hat und ihn bei seinen Hausaufgaben betreut, bekommen Kinder aus ärmeren Verhältnissen diese Hilfestellung aus verschiedenen Gründen häufig nicht.

Für sie ist es somit viel schwieriger, die falsch gelernte Rechtschreibung aus den Jahren "Schreiben nach Gehör" bis zur Mitte der vierten Klasse wieder in den Griff zu bekommen. Denn dann kommt der Übertritt an die weiterführenden Schulen - wer bis dahin die Rechtschreibung nicht beherrscht, bekommt keine Empfehlung für das Gymnasium.

Kinder machen mehr als doppelt so viele Fehler wie vor 40 Jahren

Steinig glaubt, dass sich die Schreibfähigkeit von Kindern grundsätzlich verschlechtert hat. Das macht er an einer Untersuchung fest, die er über einen Zeitraum von 40 Jahren durchgeführt hat und in deren Rahmen der Wissenschaftler die Texte von Viertklässlern an Grundschulen im Ruhrgebiet analysierte.

“1972 haben wir im Ruhrgebiet Kinder in mehreren vierten Klassen Texte im Anschluss an einen Film schreiben lassen", sagt er. "2002 und 2012 wurde an den gleichen Schulen erneut dieses Schreibexperiment durchgeführt."

Wie der Wissenschaftler feststellen musste, hatten sich die Fehler innerhalb dieses Zeitraumes mehr als verdoppelt.

Auf einen Text von 100 Wörtern kamen 1972 noch etwa sieben Fehler, 2012 jedoch rund 22 falsch geschriebene Wörter. Diese Zahlen ergeben sich laut Steinig zwar nicht allein aus der Methode “Schreiben nach Gehör”, da nur etwa drei Prozent der Grundschulen streng nach dem Konzept von Jürgen Reichen arbeiten.

Lehrer toleranter gegenüber Fehlschreibungen?

Der Germanist betont aber: "Das Problem ist, dass heute jeder Fibel eine Anlauttabelle beigefügt wird und die Lehrkräfte auch mehr oder weniger häufig damit arbeiten."

Außerdem seien sie viel toleranter gegenüber Fehlschreibungen geworden, kritisiert er. "Sie sind froh, wenn Kinder selbst etwas schreiben wollen und möchten sie nicht gerne auf Fehler aufmerksam machen, da sie das demotivieren könnte."

Steinig zufolge wäre es sinnvoll, nicht länger als die ersten zwei bis drei Monate mit der Anlauttabelle zu arbeiten. "Es kommt entscheidend darauf an, wie lange und wie konsequent nach den Vorstellungen Jürgen Reichens unterrichtet wird."

Auch einige Politiker sind mittlerweile der Ansicht, dass das "Schreiben nach Gehör" langfristig eher Schaden anrichtet, anstatt den Kindern tatsächlich zu helfen.

"'Schreiben nach Hören ist in meinen Augen nur bis zum Ende des ersten Schuljahres sinnvoll, nach dem Motto: Komm, schreib doch einfach mal was auf", sagte NRW-Schulministerin Gebauer der "Rheinischen Post".

Später sei die Methode insbesondere auch für Kinder mit Migrationshintergrund nicht mehr zielführend, kritisiert sie.

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(lk)

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